Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1913-07-25 · Heft 30 (25.7.1913) · p. Seite 353

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
77 (1913)
Issue
Heft 30 (25.7.1913)
Date
1913-07-25
Page
Seite 353 (sequence 5)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/3224737-3229069-3229100--69624-3281936
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

und so schritt man zur Erweiterung der Anstalt Nach Ankauf neuer Grundstücke wurde im Jahre 1899 das jetzige prächtige Gebäude aufgeführt, das 120 Betten saßt und im Laufe des Jahres mehr als 500 Pfleglinge aufnimmt. Die Entstehung und Entwicklung dieses Hauses ist fast ausschließlich das Werk des Herrn Dr. .Goldschmidt. Durch unermüdlichen Eifer, durch Propagandareisen in ganz. Deutschland, gelang es ihm, durch seine gewinnende Persönlichkeit, für seine Idee Interessenten zu gewinnen, welche reichliche Mittel zur Erhaltung des Anstaltsbetriebes und zur Ansammlung eines beträchtlichen Grundvermögens zur Verfügung stellten, so daß die Existenz des Hauses für alle Zeiten gesicherterscheint. Durch sein hervorragendes Organisationstalent und seine vorzügliche Wirtschaftsführung ist das jüdische Kurhospital zu einer Musteranstalt geworden. Herr Dr. Goldschmidt feierte sein Jubiläum in geistiger und körperlicher Frische. Vor sechs Jahren wurde er für seine segensreiche Tätigkeit durch Verleihung des Noten Adlerordens vierter Klasse belohnt, und anläßlich des jetzigen 50 jährigen Amtsjubiläums ist ihm der Kronenorden dritter Klasse verliehen worden. Möge es ihm beschieden sein, noch recht lange zum Heile seiner Gemeinde und zum Segen für das jüdifche Kurhospital zu wirken. I Das Vorgehen der deullch-nstionslen StudentenlchsktsnderWlenerNnioerkltst. Von Dr. Felix Kanter, Zwittau (Mähren.) n Nummer 8 seiner in Universitätskreisen angesehenen 1 „Hochschulnachrichten" beschäftigt sich Dr. v.. Salvisberg mit den bekannten und beklagenswerten Vorgängen an der Wiener Universität, die auch in Czernowitz vor einigen Tagen ihre Fortsetzung fanden. Dr. v. Salvisberg bespricht die tadelnde Kundgebung des Wiener Rektors vom 20. Mai, dann fährt er fort: „An der Hauptsache geht aber auch diese Kundgebung - aussallenderweise vorbei, und dies gipfelt in der Tatsache, daß an der ersten Landesuniversität O esterr eich s Verbi ndun g en geduldet werden, die einem großenTeile ihrer Kommilitonen satzungsgemäß die Ehre abschneiden. Das sogenannte Waidhosner Prinzip, zu dem sich ein ganze Anzahl von Verbindungen auf österreichischen Hochschulen offen bekennt, ist nichts anderes als eine gesetzlich verbotene Verrüfserklärung schlimmster Art, denn es erklärt alle Juden „als von Gebürt der Ehre bar!" -Auf keiner einzigen deutschen Hochschule kann ein Student anders seine Ehre verlieren als durch eigenes und bewußtes ehrloses Verhalten. Hier wird sie ihm im Mutterleibe abgesprochen, und dieses, unserer aufgeklärten Zeit ein Schandmal aufdrückende Gebaren macht sich auf akademischem Boden unter Farben breit und findet die stillschweigende Zustimmung der zuständigen Behörden." Krasse -Beispiele der Rechtsprechung oder -beugung und eine oft recht eigenartige Handhabung der akademischen Disziplin, komplizieren diese Sachlage. Kein wahrhaft Gebildeter wird aber unter solchen Umständen den geradezu ins akademische Ghetto gedrängten jüdischen Studenten die Ehrennotwehr absprechen können. Es ist selbstverständlich, daß ihre städtischen Glaubensgenossen dies in erster Linie in öffentlichen Resolutionen zum Ausdruck bringen. Eine noch eindrucksvollere Sprache reden dagegen die Erklärungen, welche die vier Wiener Korps, ferner der Turnverein der Wiener Hochschulen, die deutsch-akademische Verbindung „Budovisia", die Lese- und Redehalle deutscher Studenten, die deutsch-wissenschaftliche Verbindung „Raetia" bei Rektor und Senat bereits abgegeben haben. Die deutschnationalen Verbindungen, „die stets für den deutschen Charakter der Wiener Universität und gegen jeden, der ihn bedroht, auftreten werden, bedauern, daß durch die Vorgänge der letzten Wochen die akademische Würde im höchsten Maße gefährdet wurde." Sie erklären jedoch als ihre feste Ueberzeugung, daß eine solche Gefährdung für die. Zukunft nur dann ausgeschlossen erscheint, wenn die Ehre jedes akademischen Bürgers, solange er sie nicht selbst verletzt hat, von allen Kommilitonen anerkannt wird. Sie verurteilen jene, welche durch die Mißachtung dieser Ehre die Ehre und das Ansehen des akademischen Deutschtums bedrohen. Sie fordern, daß der akademische Senat diejenigen, welche infolge der Verhältnissewie^sie durch die Waidhosner Beschlüsse geschaffen wurden, zur Ehrennotwehr greisen, für die Anwendung dieses einzigen, ihnen zum Schutze ihrer Ehre verbleibenden Mittels nicht mit Relegierung bestraft.' Wenn die akademischen Behörden nicht der Ohnmacht im eigenen Hause geziehen werden wollen, so wäre es wahrlich an der Zeit, mit festem und unerschrockenem Griffe endlich zuzugreifen. Mit dem lendenlahmen „Ouosguo tandem" ist es nicht mehr getan. Dieselbe Nummer der „Hochschulnachrichten" enthält noch die'Mitteilung eines interessanten, von allen wehrhaften Korporationen der Universität in Tübingen anerkannten Uebereinkommens, die hier aus Raummangel nicht wiedergegeben werden kann. Mit demselben Thema befaßt sich auch das Herrenhausmitglied Hofrat Prof. Dr. Eugen v. Philippovich in einem „Disziplin und Ordnung an der Wiener Universität" über-- schriebenen Artikel in der Sonntagsnummer vom 6. d. M. der „Neuen Freien Presse". Auch er beklagt aufs lebhafteste, daß durch das Verhalten der deutsch-nationalen Studentenschaft die geheiligten, nur der Wissenschaft geweihten Hallen der altehrwürdigen Wiener 'Alma mäter zum Kampfplatz physischer Gewalt d-egrädierk wurden, ün^maHt dafür den akademischen Senat und das bekannte Waidhosner Programm verantwortliche Hofrät v. Philippovich schreibt u. a.: „Leidenschaft, alle Gegensätze des Anstandes, der Sitten sind in einer Minderheit der Studenten entfesselt, die glaubte daß sie mit Gewalt die Herrschaft über die Universität erlangen kann. Die Gegensätze beruhen nicht auf edlen Motiven, es ist nur der Haß gegen jene, die an. einen Gott glauben, es ist. die übertriebene Selbsteinschätzung wegen der. Zugehörigkeit zu einer überlegenen Nation — deren Größe aber nicht auf solchen Sitten beruht — die angebliche Minderwertigkeit der anderen Rassen ... . Ja, es ist Tatsache, daß sogar ein Mitglied des akademischen Senats mit den aufrührerischen Studenten sympathisiert und noch als Mitglied des Senats wirken darf! So werden die Uebeltäter, deren man aus Mangel an Machtmitteln niemals persönlich habhaft werden kann, mit Milde und mit.Mahnungen behandelt." Hosrat v. Philippovich fährt des weiteren fort: „Ich verfolge die Entwicklung seit zwanzig Jahren. Der Zustand wird immer schlimmer und das Ansehen des Senats immer geringer . . . . Was soll man dazu sagen, daß die deutschnationalen Studenten am 17. und 19. Mai mit Knütteln schlagen und der Senat darüber nur seinen Unmut ausspricht, privat der Rektor vielleicht den Studenten - gegenüber schärfer urteilt, einen Monat später aber kundgibt, daß nach den Ergebnissen der Untersuchung die Haltung der deutsch-nationalen Studenten in den Unruhen vom 17. und 19. Mai g ü n ft t g e r zu b eurteilen ist, als es in der Kundmachung vom 19. Mai geschehen ist. Ja, um Götteswillen, das ist doch gleichbedeutend mit einer Abdikation des Senats! Haben die Deutsch- Nationalen ein Recht darauf, die Jüdischen zu gängeln? Ist das nicht unerhört! Wer leitet denn eigentlich die Universität, der Senat oder der Ausschuß der Deutsch-Nationalen?" Ferner schreibt derselbe Autor, der nebenbei auch Mitglied des Professorenkollegiums ist: „Vorgänge, die überall sonst

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.