Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 77 (1913)
- Issue
- Heft 30 (25.7.1913)
- Date
- 1913-07-25
- Page
- Seite 352 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Der Antisemitismus existiert seit einiger Zeit in Bulgarien und ist leider im Wachsen begriffen. Oft genug Hört man das gegen Juden ausgestoßene Schimpfwort „Letükcrut", was etwa dem Französischen „Laie Juif“ gleichkommt. Beschuldigungen des Ritualmordes sind in Bulgarien mehrfach ausgesprochen worden und haben zu blutigen Angriffen Veranlassung gegeben. Aber der Antisemitismus bekundet sich auch darin, daß, während in den ersten Jahren nach der Befreiung Bulgariens die Kriegsschule den Juden offenstand und von ihnen vielfach besucht wurde, seit etwa zehn Jahren die Tore dieser Schule den Juden verschlossen sind. Sobald etwa Juden den Osfiziersrang erhalten haben, erhalten sie ihre Entlassung. Niemals ist ein Jude Major geworden, augenblicklich gibt es nur drei bis vier jüdische- Leutnants. ' Auch in den Schulen herrscht -Antisemitismus. Nur ein ganz geringer Teil -der jüdischen Kinder besucht bulgarische Volksschulen. Die meisten gehen in die von der Alliance gegründeten Schulen, von denen bereits die Rede war. Aber , auch in den Mittelschulen, die von den Juden vielfach frequentiert werden, erleiden sie manche Angriffe. In den bulgarischen Volksschulen gibt es keine, in den Mittelschulen etwa zehn jüdische Lehrer, meist für neuere Sprachen, wofür sich die Bulgaren wenig eignen. An der Universität in Sofia gab es in den Jahren nach der Befreiung Bulgariens etwa zwei oder drei jüdische Professoren, feit 1898 jedoch gibt es keinen einzigen mehr. — In der juristischen Laufbahn geht es den Juden noch schlechter. Es hat noch nie einen jüdischen Richter in Bulgarien gegeben. Ein jüdischer Deputierter, der 1905 gewählt wurde, verlor sein Mandat durch antisemitische Wühlereien. In dem großen Nationalrat von 1912 saß ein Jude. Es gibt zwar keine Ausnahmegesetze, aber der latente Antisemitismus macht sich in der Beamtenkarrier-e und im gesellschaftlichen Leben in schlimmster Weise geltend. Diese Ausführungen, für die ich, wie ich wiederholen muß, keinerlei Veränwortung übernehmen kann, sind nicht oben sehr trostreich. Geht Bulgarien, wie es den Anschein hat, aus dem neuen Kriege geschwächt, oder jedenfalls nicht so gestärkt hervor,- wie man nach den ersten großen Erfolgen gegen die Türkei annehmen mußte, so wird die Lage der Juden sich schwerlich bessern; behält es einzelne seiner Eroberungen, so kann leicht der nationale Rausch, der ja auch in anderen Ländern so viel Unheil gestiftet hat, bei der schon herrschenden Stimmung von den traurigsten Folgen -sein- Es wird Pflicht der bulgarischen Juden sein, sowohl derer, die f(%tm länger dem Lande angehören, als derer, die neu in diesennationalen Verband eintreten, sich fest zusammenzuschließen und ihre Rechte, die dem Gesetze nach ihnen zustehen, sich zu erkämpfen. - L. G. Ssbbmrr Dr.Sslomon Goldlchmidt. m 15. Juli feierte Herr Rabbiner Dr. Salomon Goldfchmidt in Kolberg fein 50. jähriges Amtsjubiläum als Rabbiner der dortigen Synagogengemeinde. Salomon Goldschmidt wurde am 22.. Juni 1837 zu Schrnnm als Sohn des Lehrers an der öffentlichen jüdischen Volksschule geboren. Der Vater, einer der ersten geprüften jüdischeü Lehrer und ein Pionier für die Germanisierung des Judentums in der Provinz 'Posen, erteilte dem Sohne den' ersten Unterricht, und regte in ihm das Interesse für den spätereil Beruf an. Das Gymnasium besuchte er in Posen, studierte an den Universitäten zu Breslau und Wien und promovierte in Leipzig mit einer Dissertation über Nominajtismüs.' Die Ausbildung zum Rabbiner erlangte er an dem jüdisch-theologischen Seminar zu Breslau. 26 Jahre alt, wurde er zum Rabbiner der Gemeinde Kolberg gewäh'lt. Dies warseine erste und einzige Stelle.. In Treue wirkte' er in seiner Gemeinde und im weitesten Umkreise als Seelsorger. Häufig auch wurde er als Frieden sstl!it?r nach auswärtigen Gemeinden berufen. Mit dem verstorbenen Rabbiner Dr. Vogelsteiru Stettin, rief er im. Jahre 1882 den jüdischen Lehrerverein der Provinz Pornmern ins Leben, im Jahre 1884 hat er an der Gründung des deutschen Rabbitterverbandes und später an der Gründung der Hilfskasse jüdischer Lehrer von Ost- und Westpreußen und Pommern teilgenommen. Im „Verband der deutschen Juden" ist er als Korrespondent und im „Provinzialverband der Synagogengemeinden Pommerns" itn Ausschuß tätig. Er ist der zweite Rabbiner in Preußen — der erste war der verstorbene Rabbiner Brairn, SchneideMühl — dem es unter dem Ministerium Falk-gelang, die Einführung des jüdischen Religionsunterrichtes am Orte seiner Tätigkeit an dem Königlichen Gymnasium zu erwirken. Literarisch tätig war er durch Herausgabe einer hebräischen Schulgrammatik, schrieb ferner „vier Briese zur' Schulfrage", veröffentlichte Predigten und Aufsätze in der ehemaligen israelitischen Wochenschrift (redigiert von Treuenfels), dem jüdischen Literaturblatt (v. Rahmer) und in der „Allgemeinen Zeitung des Judentums". Sein Haupt- und Lebenswerk ist die Gründung des Jüdischen Kur Hospitals zu Kolberg. Im Verein mit 26 Männern aus Kolberg und einigen Großstädten Deutschlands bildete er ein Komitee zur Erbauung eines jüdischen Kurhospitals in Kolberg. 1874 wurde die Anstalt als erste derartige Stiftung in Deutschland, zunächst mit 10 Betten eröffnet, in den folgenden Jahren bis 1895 wurde die Zahl der Betten auf 36 vermehrt. Das Haus wurde schnell berühmt und beliebt, die Zahl der Bittgesuche wuchs. Rabbiner-Dr.-Galomon-Goldschmidt-MedajUe zum zo jährigen Amtsjubiläum.