Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 77 (1913)
- Issue
- Heft 30 (25.7.1913)
- Date
- 1913-07-25
- Page
- Seite 350 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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350 doch erobert die Wahrheit Stück um Stück dieses dornigen Feldes. Hoffen wir, daß es allen Feinden zum Trotz auch auf anderen Gebieten, wenn auch langsam, doch stetig besser wird. Gutta cavat lapidem, „Tropfen auf Tropfen höhlt den Stein". Die Mochr. Berlin, den 22. Juli 1913. er zweit eB all ankrieg wütet immer noch fort. 1 Rumänen, Serben und Griechen sind in Bulgarien. Die Bulgaren leisten entweder keinen Widerstand, oder sind nicht imstande, der Uebermacht entgegenzutreten. Die Türken stehen in Adrianopel und scheinen entschlossen zu sein, manches von dem wiederzugewinnen, was sie in dem Londoner Frieden aufgegeben hätten. Die europäischen Mächte haben sich bisher vergeblich bemüht, dem Vormarsch der Türken Einhalt zu tun, und die kriegführenden Mächte zum Einhalt zu bewegen. So großes Interesse Oesterreich und Rußland auch daran haben, Bulgarien nicht allzu geschwächt zu sehen, so sind sie zu einer bewaffneten Intervention nicht geneigt. Bulgarien ist zum Frieden bereit, aber die innere Lage — Abdankung des Ministeriums Danew und die Schwierigkeit, neue Staatsmänner zur Leitung des Staates zu erlangen — hindert an | entschiedenen Schritten. Daß Griechen und Serben, die an Rumänien eine Stütze finden und sich nicht scheuen, auch die guten Dienste der Türkei in Anspruch zu nehmen, aus der augenblicklichen Schwächung Bulgariens, den möglichsten Vorteil zu ziehen suchen, ist natürlich. Es scheint, daß Friedensverhandlungen zwischen Rumänien und Bulgarien im Gange sind. Aber immerhin bleibt die Lage außerordentlich verwirrt, und man sieht der Zukunft angstvoll entgegen. * Der „ Hilssv er ein der Deutschen Juden" erhält aus Serres folgendes Telegramm: Serres, 16. 7. 1913, abends 8 Uhr. Serres wurde von den fliehenden Bulgaren zu drei Viertel in Brand gesteckt. Das jüdische Quartier mit Synagoge und Schule ist fast völlig vernichtet, der Markt ist niedergebrannt. 120 jüdische Familien sind obdachlos und befinden sich in tiefstem Elend. Der „Hilfsverein der Deutschen Juden" sendet ferner folgenden Bericht: „Wie der „Hilssverein der Deutschen Juden" mitteilt, sind durch den neuen Krieg unter den Balkanverbündeten auch zahlreiche jüdische Gemeinden des Balkans, insbesondere die Gemeinden Jstip, Strumitza, ferner die Gemeinden Serres, Doirau, Drama, Kavalla. wieder in schwere Mitleidensast gezogen worden. Die Union des Associations Israelites, zu der alle größeren jüdischen Hilssgesellschasten gehören, haben durch die Komitees, die die Delegierten der Union, die Herren Dr. Paul Nathan, Berlin, Elkan Adler, London und Dr. Bernhard Kahn, Berlin auf ihrer Reise durch das Kriegsgebiet eingesetzt haben, und deren Zweckmäßigkeit und Nützlichkeit sich gerade jetzt wieder erweist, überall, wo die Verhältnisse es bereits erlauben, den Bedrängten die nötige Hilfe zukommen lassen. . . ' Für die am schwersten betroffene Gemeinde in Serres mit 1800 Juden, wo beim Rückzug der Bulgaren fast vier Fünftel der Stadt eingeäschert wurde, darunter der ganze Markt und 117 jüdische Häuser mit Synagoge und Schule, sind durch das in Saloniki eingesetzte Komitee Nahrungsmittel, Kleidung und Decken geliefert worden, wofür die Union vorerst 10 000 Frank zur Verfügung gestellt hat. So schwer der materielle Schaden ist, den unsere Glaubensgenossen hier wiederum erlitten haben, so ist es doch ein Trost, daß das Leben der Juden, soweit bisher bekamrt ist, geschont worden ist. Unter Mitwirkung der griechischen Behörden werden auf Veranlassung der Union Kommissionen aus Saloniki die Stätten der neuen Kriegsgreuel besuchen und das Hilfswerk organisieren." * In Paris tagt ein Kongreß für religiösen Fortschritt, an dem Bekenner aller Religionen, auch Juden teilnehmen. Der „Voss. Zeitg." entnehmen wir folgenden Bericht über die Sitzung vom 18. Juli: Die gestrigen Verhandlungen des Religionskongresses haben trotz ihres sittlichen Ernstes dennoch eines leichten Anfluges von Humor nicht entbehrt und machen es jedenfalls der Satire leicht, sich unehrerbietig an ihnen zu versuchen. Aus der Tagesordnung stand die Frage, ob eine einzige allgemeine Religion wünschenswert und möglich ist. Ein Jude, Herr Dreyfus, bejahte die Frage und empfahl dem Kongreß mit eindringlichster Beredsamkeit als allgemeine Religion den „Behaismus" anzunehmen, die bekannte persische Reformreligivn, für die bereits, viele Blutzeugen ihr Leben hingegeben > haben. Ein zweiter Redner riet zur allgemeinen Nächstenliebe, die die einzig richtige Religion sei. Ein dritter hatte den lichtvollen Gedanken, als gemeinsamen Grund allen Gläubigen den festen Boden der Wissenschaft zu empfehlen, wobei er sich beeilte, hinzuzusügen, daß er unter Wissenschaft einzig und allein den Okkultismus verstehe. Der Buddhist des Kongresses pries die Duldung, der englische protestantische Theologe Walter Walsh aus London suchte den Kongreß von der überlegenen Vorzüglichkeit einer rein deistischen Kirche ohne alle Dogmen zu überzeugen. Die begeisterte Rednern: Frau Moll-Weiß bezeichnete als das Heil der Menschheit die Erziehung der Kinderseele zur Sittlichkeit, der Nächstenliebe und der Wohltätigkeit. Eine andere Dame, Frau Marie Dieiner, verwarf den Gedanken einer allgemeinen Religion, wünschte aber, daß jeder Gläubige sich auch mit den Wahrheiten der fremden Religion bekannt mache. Der Belgier Goblet d'Aviella umriß die Hauptthesen einer neuen Religion, deren Pole die Vaterschaft Gottes und die Brüderlichkeit der Menschen bilden. Eine gute Vorstellung vom Geiste der Duldung bei vielen Kon-' gressisten bekam man durch einen kleine:: drolligen Zwischenfall. Ein Redner äußerte achtungsvolle Zweifel an der Richtigkeit einer Bemerkung des heiligen Paulus, als eine wütende Stimme aus dem Kongreß ihn anschrie: „Es ist schmachvoll, in dieser Weise vom heiligen Apostel Paulus zu sprechen!" Theodor Reiuach bestritt, daß Dogmen eines Kultus und religiöse Moral einen Universalcharakter haben können. Alle positiven Religionen entsprechen bestimmten Gruppen der Menschheit u::b ihrer besonderen Geistesverfassung, und es ist höchst ^wahrscheinlich, daß eine dieser Gruppen ihre Religion den anderen würde ausnötigen können. Pros. Bontreux, der letzte Redner, kau: ungefähr zu demselben Schlüsse. Auch er glaubte nicht an die Möglichkeit einer einheitlichere Religion, fand indes in allen als gemeinsarnen Zug das Verhältnis zu Gott, der die Vollkommenheit sei und die Vollkommenheit rvvlle. Er bekannte sich übrigens zu dem Ausspruch Jacob Böhmes in seiner „Aurera": „Seht die Vögel im Walde, sie loben Gott jeder in seiner Weise, in allen Tönen und mit allen Weiserr. Sehen wir etrva Gott über diese Verschiedenheit unwillig werden und deir vielen Stimmen Schweigen auferlegend Alle Formen des Seins sind den: unendlichen Wesen teuer." Der g e s ch ä f t s sü h r e n d e Auss ch u ß des R ab - bin er Verb an des in Deutschland hat folgendes, an den Oberpräsidenten zu Potsdam, gerichtetes Schreiben des Herrn , Ministers für Handel und Gewerbe erhalten (9. Juli 1913): Da über die Stellung, die die Leiter der meinem Ressort angehören-, den öffentlicher: Schulen (Fortbildungs- und Fachschulen) gegenüber den Wünschen, auf Befreiung jüdischer Schüler vom Unterricht oder von gewissen Arbeiten an den Sabbaten und jüdischen Feiertagen einzunehmen haben, neuerdings in einzelnen Fällen Zweifel entstanden sind, bestimme ich, indem ich mich im Einklang mit den entsprechenden Anordnungen des Herrn Ministers der geistlichen und Unterrichtsangelegenheiten im Bereich der allgemeiner: Schulverwaltung halte, für den Bereich meiner Verwaltung folgendes: 1. Die jüdischen Schüler sind auf Grund eines bei der Einschulung oder zu Beginn des Schuljahres von ihren Elten oder ihren gesetzlichen Vertretern zu stellenden Antrages an der: Sonnabenden und den hohen jüdischen Feiertagen vom Schulbesuche zu befreien und, wenn sie an diesen Tagen die Schule besuchen, gegen dm Willen der Eltern oder gesetzlichen Vertreter, zu schriftlichen und anderen manuellen Arbeiten (Zeichnens Feldmessen u. dgl.) und zur Teilnahme an Exkursionen nicht anzuhalten.