Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 77 (1913)
- Issue
- Heft 30 (25.7.1913)
- Date
- 1913-07-25
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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77. Jahrgang:. Nr. 30 Allgemeine Berlin, 25. Juli 1913 Ein unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse Diese Zeitung erscheint wöchentlich. P bonnements-preis: durch den Luch- Handel o^er die Post (in Berlin und vororten durch unsere vertriebsstellen) bezogen vierteljähr.ich 3 IN. — Postscheckkonto 324. Begründet von Rabbiner vr. Ludwig Philipps»« Unter Leitung des Geheimen Regierungs-Rats Professor Dr. Ludwig Geiger Verlag: Rudolf Mosse, Berlin, Jerusalemer Strasse 46/49 Alle Zusendungen für Redaktion und Expedition sind an die Adresse: Verlag der „Allgem. Zeitung des Judentums", Berlin SW., Jerusalemer Straße 46/49, zu richien. Verlag von Rudolf Mosse, Berlin. Gutta cavat lapidem. (Tropfen auf Tropft!» liöhlt de» XjlIlJtUl. Stein.) Von Dr. I. Ziegler, Karlsbad. — Die Woche. — Die Inden in Bulgarien. Von L. G. — Rabbiner Dr Salomon Goldschmidt. — Das Vorgehen der deutsch-nationalen Studentenschaft an der Wiener Universität. Von Dr. Felix Kanter, Zwittau (Mähren). — Ernste Frage. Von Prof. Martin Philippson. — Zur Geschichte der Sadduzäer. I. Von Albert Katz. — Berthvld Auerbach an Adelheid v. Schorn. Von Regina Neisier. — Feuilleton: Ter Antisemit. Roman von Ernst Theodor Iusti. IV. — Den Ritualmordschnüfflern. Von Kory Towska. — Literarische Mitteilungen. Der Gemeindebote (Beilage zur „Allgemeinen Zeitung des Judentums"). Berlin, Llus der Provinz Posen, Hamburg, Chemnitz, München, Dortmund, Duisburg, Stuttgart, Wien, London, Petersburg. — Von Rah und Fern. Outta cavat lapillem. (Tropfen auf Tropfen höhlt den Stein.) Von Dr. I. Ziegler, Karlsbad. I. ie Witwe unseres um die jüdische Wissenschaft so verdienten Josef Perles hat dem deutschen Judentum einen nicht hoch genug zu schätzenden Dienst erwiesen. Sie hat Travers Herfords Buch „Pharisaism its aim and its method“ unter dem Titel „Das pharisäische I u d e n t u m" ins Deutsche übertragen und bei Gustav Engel, Leipzig, veröffentlicht. Travers Herford ist unitarischer Geistlicher in Stand bei Manchester und beschäftigt sich seit dreißig Jahren mit der talmudischen Literatur. Die eine Frucht seiner Studien ist das großangelegte Werk: „Cliristianity in Talmud and Midrash“, die Zweite ist das uns vorliegende über das pharisäische Judentum. Die Bedeutung dieses Buches liegt vielleicht weniger in seinem wissenschaftlichen Werte, obwohl der Verfasser auch da seinen Mann stellt und eine Fülle von Anregungen bietet, als in der — sagen wir es rund heraus — geradezu überraschenden Objektivität, mit welcher' er, der christliche Geistliche, den Juden zur Zeit Jesu, den Pharisäern, gerecht zu werden trachtet. Es galt bis jetzt als eine unumstößliche Tatsache, daß das Judentum im Zeitalter Christi nichts anderes war als minderwertiger Formalismus. Man konnte sich darin gar nicht genug tun, die Religiosität der damaligen Juden schwarz in schwarz zu malen, damit sich von diesem düsteren Hintergrund die Lichtgestalt Jesu recht scharf abhebe. Jüdische Gelehrte haben in ungezählten Schriften dagegen geschrieben, mehr oder minder subjektiv, wie es ja in solchen Fällen nicht anders sein kann. Es ist auch unrecht zu behaupten, daß unsere' Bemühungen gänzlich erfolglos gewesen wären. Da in dankbar anzuerkennender Offenheit, dort mit etwas unwirscher, verdrossener Ehrlichkeit wird zugestanden, daß diese Juden zur Zeit Jesu doch nicht lauter Teufel waren. Wohl ist immer wieder ein kleiner Rückfall in die alte Methode bei dem einen oder anderen Gelehrten zu verzeichnen, aber im großen und ganzen hat sich auch in diesem Falle das Sprichwort bewahrheitet: „Tropfen auf Tropfen höhlt den Stein". Nun haben wir einen großen literarischen Sieg errungen. Zwar muß bemerkt werden, daß die christlichen Theologen Englands und Amerikas seit jeher viel sachlicher über das Judentum zu Jesu Zeiten geurteilt haben. Trotz alledem ist nicht zu leugnen, daß Travers Herford die jüdischen Schriften über jenes Zeitalter eifrig gelesen und sie auch verglichen hat mit den einschlägigen Werken christlicher Theologen. Und es bedeutet einen Sieg der gerechten Sache, wenn wir sehen,, wie der unitarische Geistliche fast rückhaltlos den Standpunkt der jüdischen Gelehrten teilt. Es ist gewiß nicht anzunehmen, daß nunmehr mit einem Male sämtliche protestantischen Theologen ihre zur Tradition gewordene Anschauung, völlig aufgeben und sich Travers Herford anschließen werden. Jedoch die Arbeit des englischen Gelehrten erfüllt uns mit neuer Hoffnung und ermutigt zu weiterer Arbeit: „Tropfen auf Tropfen höhlt den Stein". Ist das aber nicht auch ein Fingerzeig für die Tätigkeit und Arbeit um unser politisches Recht? Wie oft hören wir klagendes wird nicht besser, es kann nicht besser werden! Vergebens alle unsere Bemühungen, zwecklos unser Kämpfen und Ringen! Unsere Freiheit ertragen die Völker nicht, in deren Mitte wir leben, die Unfreiheit ertragen w i r nicht mehr. Und wer könnte leugnen, daß manche Vorkommnisse danach sind, in den so leicht erregbaren jüdischen Gemütern die Hoffnung aus fortschreitende Gleichstellung wicht auskommen zu lassen! Sind doch selbst in der Heimat des Gelehrten Trabe r s H e r s o r d , einst das Bollwerk für Recht und Wahrheit, die Feinde an der Arbeit, unsere Stellung zu untergraben. Aber trotz und trotz allem möchte ich meinen Brüdern zurufen: Lasset den alten Judenmut, die alte Hosfnnngsfreudigkeit nicht I sinken! Ein solches Buch, wie dies von Travers Herford ist doch auch ein Zeichen der Zeit, ein Zeichen tieswurzelnden Gerechtigkeitsgefühls. Und auch in unseren Landen ist es immer eine Genugtuung, zu sehen, wie weder unsere christlichen Freunde noch, wir selbst müde werden, auf die Ungerechtigkeiten hinzuweisen, mit denen uns europäische Kulturstaaten überhäufen. Mögen sie so stramm und unermüdlich in den Dienst der Menschenrechte auch weiter sich stellen! Wenn auch immer wieder entgegnet wird: vergebens euere Reden, in das preußische Offizierkorps kommt kein Jude; nutzlos euere Petitionen, die Verwaltung bleibt den Juden versperrt, in Gymnasien und in die Universitäten erhält er nur durch eine sehr enge Pforte Einlaß, wir geben weder den Kamps noch die Hoffnung auf. Auch der Trotz,, das Justament wird einmal aushören, und das Recht wird siegen. Eine schlimmere und stärkere Voreingenommenheit gegen die Wahrheit der Geschichte als die der protestantischen Theologie in bezug auf das Judentum des ersten christlichen Jahrhunderts hat es kaum gegeben. Und