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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1913-07-18 · Heft 29 (18.7.1913) · p. Seite 346

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
77 (1913)
Issue
Heft 29 (18.7.1913)
Date
1913-07-18
Page
Seite 346 (sequence 10)
Language
German
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346 Der Antisemit. Roman von Ernst-Theodor Justi. III. ' Drittes Kapitel. Die T e st a m e nts a üfn a h m e. err Aron Goldenberg", sagte der. Kreisrichter, nachdem er ruf einem Polsterstuhl vor dem ay das Krankenbett gefj rückten Tische Platz genommen' hatte, , „man hat uns rufen lassen, um Ihr Testament aüfzunehmen. Ist dies Ihr Wille?" ‘ . „Warum sollte es nicht mein Wille sein? Gewiß, ich habe Sie bitten lassen, herzukommen. Freilich tut mir's leid, daß Sie in der Nacht haben herausfahren müssen. Sie und-'der gute alte Herr Sekretär. Entschuldigen Sie .es. nur giftigst, Herr Kreisrichter. Wie war doch Ihr geehrter Name?" _ „Tut zwar nichts zur Sache, aber, wenn Sie es durchaus wissen wollen, ich heiße v. Felseck." . . „Ah, ein Herr Baron. Felseck, v. Felseck, eine alte seine Familie; nicht wahr, vom Rhein?" ... . „Sprechen wir von Ihrem Testament, Herr Göldenberg. Wieviel Kinder haben Sie?" „Wieviel Kinder ich habe? Eins, oder, wenn Sie wollen,. drei." , v „Wenn ich. will? Eins oder drei? Wie .soll .ich baß verstehen?" Und der Kreisrichter wandte sich leist, zn dem Sekretär mit 'den, Worten: „Er, scheint nicht' mehr ganz zürechnungsfähig zu sein." ' . .. ... r Dem Kranken war die Bemerkung nicht entgangen.. Ein Lächeln umflog die eingesunkenen Lippen. „Verzeihen Sie, Herr Baron; Sie werden alt sein, sagen wir 27 Jahr, das macht 324 Monate. Stimmte, Herr Sekretär? Nicht wahr, Herr Baron, der alte. Goldenberg ist noch' ganz zu rechnen fähig." Dann ernster werdend, fuhr er fort: „Ich habe drei Kinder gehabt, zwei Söhne, den Man und den Jakob, und eine Tochter, die Esther; von den dreien lebt nur noch der Jakob; die beiden anderen sind tot, lange gestorben, noch vor meiner guten Frau, sie soll ruhen in Frieden; kann ich nun nicht sagen: drei oder eins?" „Persönlich bekanntgeworden und verfügungssähig", diktierte der Kreisrichter. Dann walldte er sich-wieder an den Kranken. „Haben Sie schon 'früher ein Testament errichtet, Herr Goldenberg?" „Wie sollte ich nicht ein Testament errichtet haben in den langen 78 Jahren, die der barmherzige Gott, gelobt sei sein Name, mir geschenkt hat. Drei Testamente habe ich schon errichtet, ohne die Kodizille und Nachzettel, aber alles soll sein aufgehoben, was ich Hab gemacht bis heut, allesalles, auch was ich Hab bestimmt von der Enterbung; alles soll sein aufgehoben, Herr Baron; ich will nicht, daß sich irgendeiner beklage über den Aron Goldenberg, oder daß sie prozessieren über meinem Grabe; es soll einfach haben sein Bewenden bei der gesetzlichen Erbfolge." „Kennen Sie die gesetzliche Erbfolge?" „Ob ich sie kenne, die gesetzliche Erbfolge? Gewiß, kenne ich sie. Habe ich doch oft genug darüber gesprochen mit meinem Erstgeborenen, meinem Elkan, der studiert hat und geworden ist sogar ein Doktor juris. Er ist gewesen ein „Charew", ein scharfer Kopf, wie ein Messer so scharf, und klar war er wie der Helle Tag. Ach, daß ich ihn mußte verlieren, so früh verlieren und so verlieren! Er hat auch geschrieben ein juristisches Büch; es soll sein.sogar ein sehr gutes Buch, wie der selige. Herr Gerichtsrat. Mauher immer gemeint hat. Vielleicht hcrt der Herr Bgron auch gelesen das Buch.von meinem Elkan?" / ” . 7 / ' ,. , „Mir ist der . Elkan Göldenberg,in der. juristischen Literatur nicht, begegnet." .^^AA hlaübss wohl,.ach glaubt Wohl", seufzte der Alte. „Js^ d.och^schon zu lange her, über die dreißig Jahre, und der Man hat .ja, auch vftn, Gold nichts wissen wollen; Golden war ihm noch nicht gut... genug, nicht gut genüg, nicht gut.genug." . ‘ ... Dem Kreisrichter stiegen bei diesem oft. wiederhyÜen Worten des Kranken neue Zweifel an dessen Zurechnungsfähigkeit auf. „Und was bestimmt denn das Gesetz über die Erbfolge?" fragte er. „Me Kinder gleich, alle gleich; für die verstorbenen Kinder die K-indeskinder," erwiderte der Alte, der sich wieder beruhigt hätte. '' „Und haben Ihnen Ihre beiden verstorbenen Kinder Enkel Hinterlasten?" : - '7 „Meine Esther hat' den englischen Konsul Smith geheiratet; er hat sie genommen, weil sie so schön war, ohne die Taufe zu verlangen, und sie sind weggezogen nach Amerika. Sie ist tot, und er ist auch-tot, beide sind sie gestorben in Südamerika am gelben Fieber;'aber ein Kind ist geblieben; was sage ich, ein'Kind? ein-Engel/eine Perle, die Margarete; sie ist bei mir im Hause seit "demletzten Jahr; Sie werden sie wohl haben gesprochen. Sie soll mich beerben für die selige Esther, ihre Mutter. Sie soll haben ein Drittel von meinem ganzen Vermögen." -;!'7 „Und hat Ihr Sohn Elkan Kinder hinterlassen?" „Ob or hat Kinder' hinterlasten, Herr Baron? Wenn ich's wüßt'> wär's mir Wohl. Hab ich mich doch von ihm abgewändt, als er. ist UbtrüNnig geworden vom Glauben seiner Väter. Aber glauben Sie mir> Herr Baron", fuhr er mit zitternder Stimme fort, „es ist nicht gut, daß sich der Vater äbwendet von seinem Kind, und sei es auch um der Tauf willen. Es war nicht recht/daß ich ihn Hab verstoßen und enterbt, und es war nicht recht, daß ich nicht Hab nachgefragt all die langeZeih seitman mir gesagt hat, daß der Elkan gestorben ist, was ist geworden aus der Frau, die er soll haben geheiratet. Wie mich der Schlag getroffen hat, da ist mir auch auf die Seele der Schlag gefallen, daß ich Hab ungerecht gehandelt gegen die Kinder vom Elkan, wenn er nämlich Kinder gehabt hat. Habe ich doch nicht verstoßen die Esther, als sie hat geheiratet; Hab ich doch ins Haus'genommen die Margaret, obgleich sie ihr Vater schon bei der Geburt hat taufen lasten. Sind die Kinder vom Elkan nicht auch mein Fleisch und mein Blut? Vielleicht sind sie auch so lieb und so gut wie die Margaret, die sich auch nicht hat geschämt des jüdischen Großvaters und ist zu mir gekommen mich zu pflegenim Alter, obschon sie's nicht braucht', denn der Konsul hat ihr genug hinterlasten. Aber wegen der Kinder vom Elkan, gerade darum habe ich Sie rufen lassen, gerade darum; die Kinder vom Man sollen nicht sein enterbt oder gesetzt aus den Pflichtteil; sie sollen haben auch ihr volles Dritteil von meinem ganzen Vermögen." „Hat Ihre Tochter Esther eine Mitgift erhalten?" - „Wie wird sie nicht haben erhalten ihre Nedan? Der Aron Goldenberg hat sich nicht lassen lumpen. Ich Hab ihr gegeben 10 000 Taler Bargeld und dazu die Ausstattung; der Konsul hat erst nicht wollen nehmen das Bargeld; er hat gewollt nur die schöne Esther ohne Geld und ohne Taufe; aber dann hat er doch, .genommen das bare Geld, und. warum hätte er es auch nicht nehmen sollen?" „Und soll Ihrer . Enkelin Nfttgist und Ausstattung aus das Erbteil angerechnet werden?". „Nein, Gott soll behüten!" keuchte der Alte. „Wie gescheit, wie gescheit, daß Sie mich darin erinnern, keinem Kinde,

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