Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 77 (1913)
- Issue
- Heft 29 (18.7.1913)
- Date
- 1913-07-18
- Page
- Seite 343 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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343 stab der „Neuen Dänischen Monatsschrift" und des „19. Jahrhunderts" ausmachten. Aber seine Stellung, in der ersten Zeit wäre Wohl eine leichtere gewesen. So wie die Dinge einmal lagen, wurden ihm Opfermut, Begeisterung und unverdrossene Arbeit , im Dienste der von ihm als notwendig erkaMen, Befreiung künstlerischen und literarischen Lebens vom Joch Hr Gesellschaftsheuchelei nie ganz auf das eigene Konto verbucht. Er galt in der ersten Zeit nur als der «Schatten, den eine andere wirkliche Persönlichkeit warf, und erst allmählich, besonders aber nachdem er mit seinem Freunde und^ Gesinnungsgenossen, dem radikalen Politiker Hörup, das Blatt „Politiken" gegründet hatte, erhielt seine politische und literarische Persönlichkeit in den Augen der Mitbürger ihre festen Umrisse. Sieht man von Edvard Brandes — übrigens sehr ergebnisreichen — Studien der morgenländischen Sprachen und . Literaturen ab, die natürlich bei der größeren Allgemeinheit kein besonderes Interesse erregen konnten, so betätigte sich sein schriftstellerisches Talent zunächst hauptsächlich auf dem Felde der Theaterkritik. Vor ihm hatten sich die Kritiker Dänemarks meist damit begnügt, die Leistungen der Schauspieler einfach zu zensieren. Er war so ziemlich der erste, der die Theaterreferate vertiefte und erweiterte, daß sie zu Schilderungen von Gesellschaftsschichten und -zuständen wurden, Stück und Darsteller von allen Seiten beleuchteten, sie je nachdem in ein festes Verhältnis zum Dichterwerk brachten oder darüber hinaus hoben.— Vollplastik boten, wo man früher nur flaches Relief zu finden gewohnt war. Seine Kritiken, im Verein mit seinem kommunalen und politischen Wirken, machten ihn im Laufe der Jahre zu einem der beachtetsten, wenn auch nicht überall gleichmäßig beliebten Manne Dänemarks. Die kälte Klarheit, mit der er seine Wahrheiten vortrug, wirkte fast noch aufreizender auf seine Gegner als die warme Leidenschaftlichkeit des Bruders. Verhaßt und respektiert, gering geschätzt und einflußreich — so war ungefähr vor einem Vierteljahrhundert seine Stellung in Kopenhagen, das mehr als andere Hauptstädte der Welt das ganze Land repräsentiert. Seine Stimme drang weit, aber sie drang nicht durch. Eine Art Zurückhaltung, zuerst wohl von ihm geübt, dann von den anderen erwidert, verdichtete sich zu einem Ringe kalter Luft, der ihn umgab und seinen Arbeiten die Wirkung auf breitere Schichten verwehrte. Vielleicht war es zum Teil das Bestreben, diese Lustmauer zu durchbrechen, die Mitbürger aller Stände zum Aufhorchen auf sein Wort zu veranlassen, das ihn zu dramatischer Betätigung trieb; denn die besten der Dramen, die er seit dem Jahre 1881 schuf, sind Dendenzwerke vom reinsten Wasser. Sie haben ihre Wurzeln in einer Empörerstimmung und richten sich gegen die Heuchelei auf sozialem und sexuellem Gebiet. Während indessen die meisten Stücke von Edvard Brandes Eingang bei den Bühnen und den Beifall der Zuhörer fanden, blieben gerade diejenigen seiner Bühnenwerke, die von ihrem Autor bestimmt waren, am stärksten und aufklärendsten zu wirken, in Dänemark (fast möchte man sagen „natürlich") unausgeführt. Möglicherweise auch aus dem Grunde, werl er Minister Edvard Brandes. sich der Herolde beraubt sah, denen die oppositionellen produktiv-literarischen Talente Dänemarks fast ein Menschenalter hindurch ihr Emporkommen und ihr Durchdringen verdankten — Edvard Und Georg Brandes. — Es handelt sich hier vor allem um folgende Stücke: „Ein Besuch" (deutsch bei S. Fischer erschienen), in dem das Problem behandelt wird, das auch Björnson in seinem „Handschuh" ausgenommen hat — nämlich ob der Mann das Recht hat, an die Geschlechtsmoral der Frau strengere Anforderungen zu stellen als an die eigene; „Uebermacht", eine soziale Satire, welche die Ohnmacht des einzelnen gegenüber den herrschenden Mächten der gesellschaftlichen „Ordnung" schildert, und „Unter dem Gesetz", das den vergeblichen Kampf zweier Ehepaare gegen ein qualvolles Ehejoch vor Augen führt. „Unter dem Gesetz" und „Ein Besuch" sind ins Deutsche übersetzt worden, und so ist es immerhin möglich, daß eines dieser beiden Werke noch bei uns aus der Taufe gehoben werden kann, überdies in einer beim literarischen Snobismus neuester Mode so beliebten „Uraufführung". Freilich zeigen auch, diese sowie die anderen Brandesschen Stücke, daß ihrem Autor völlige Selbstentfaltnng in der dichterischen Rede, die höchsten Höhen und die tiefsten Tiefen des Ausdrucks versagt .geblieben sind und ein immer auf Posten stehender Skeptizismus von vornherein seine Hemmungen übt — aber die warme Stimmung, die naturgetreue Charakteristik, die, kultivierte Sprache, die Geschicklichkeit. befc, Technik, die vornehme Gediegenheit der Arbeitw Vorzüge, die die> meisten seiner Bühnenwerke auszeichnen — würden die Aufführung und einen Erfolg dieser T>ramen in Deutschland jedenfalls begreiflicher machen als die Verpflanzung und; begeisterte Ausnahme mancher phrasenvermummten nordischen Banalität. Edvard Brandes glaubt allerdings nicht, an das europäische Bühnenglück, für seine besten Sachen. - Er hat es'mir gegenüber selbst vor Jahren einmal geäußert — mit einem Lächeln, in dem neben der Resignation auch etwas- Geringschätzung steckte. Der Verzicht schien ihm nicht allzu schwer mehr zu werden. Er hatte damals, vor zirka 10 Jahren, sein Leben schon so fruchtbringend gestaltet, seinen Ideen so nachhaltig Ausdruck geben können, daß die Zufälligkeiten des literarischen Lebens für ihn wenig Bedeutung hatten. Wahrscheinlich hat er auch, als man nach einiger Zeit sogar einen Roman von ihm als unsittlich konfiszierte und den Autor wegen Verbreitung unzüchtiger Schriften bestrafte (ein Schicksal, das Brandes mit Gustav Wied teilt, der sogar ins -Gefängnis wandern mußte), dieses Lächeln aufgesetzt — die Miene des Mannes, der genug Unverständliches erlebt hat, um alles 311 verstehen. Edvard Brandes war damals bereits 20 Jahre lang Leiter eines Blattes, das der radikalen Partei eine feste Heimstätte und einen weitgehenden Einfluß gesichert hatte.. „Politiken" war nicht das Organ grollender Neinsager, sondern seine Mitarbeiter leisteten ernsthafte Bürgerarbeit. -Sie saßen in Magistrat und Reichstag, jede Frage der Stadt- und Staatsregierung wurde mit patriotischer Wärme diskutiert und gefördert.. Die oppositionellen „Besserwisser" sind in keinem Lande der Welt auf Rosen gebettet — in Dänemark so wenig