Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 77 (1913)
- Issue
- Heft 28 (11.7.1913)
- Date
- 1913-07-11
- Page
- Seite 3 (sequence 15)
- Language
- German
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- 8 - Der Zweite Vorsitzende, Herr Hoflieferant Julius Mayer, Baden- Baden, sprach in beredten Worten den.herzlichen Dank aller, die gn den Arbeiten des Vereins mitwirten und die «in Baden-Baden das schöne Heim ständig vor Augen haben dürfen, an Freifrau v. Rothschild ans. Er rühmte im weiteren Verlauf seiner ausgezeichneten Ansprache insbesondere die Verdienste des Ehrenmitgliedes des Vorstands, Herrn Michael M. Mainz, Frankfurt a. M., um den Ankauf und die Einrichtung des Heims, dankte den Ehrendamen Frau Mainz und Frau Dr. Stern, Baden-Baden, für die mühereiche Arbeit, mit der sie für das Wohl der Insassinnen und für die Einrichtung der einzelnen Räume gesorgt haben, und schloß unter Bekanntgabe des Allerhöchsten Auftrags der Frau Großherzogin Luise' von Baden, zu deren Ehren sich auf seine Aufforderung die Anwesenden von den Plätzen erhoben. Nachdem Herr Rechtsanwalt Dr. Hermann noch die Anerkennung der Synagogengemeinde Baden-Lichtenthal und das Gelöbnis der Unterstützung des Heims ausgesprochen hatte, ergriff das Mitglied des Verwaltungsausschusses, Herr Rabbiner Dr. Unna, Mannheim, das Wort zu einer kurzen Weiherede, mit der er das Heim dem göttlichen Schutz unter sinniger Auslegung eines Schriftverscs anempfahl; er schloß mit dem Ausdruck der Hoffnung, daß die Herrlichkeit Gottes über dem Werk thronen.,und Gottes Segen darüber ruhen möge. Nach kurzen Schlußworten Des Vorsitzenden fand ein Nundgaug durch das Heim und durch den prächtigen Park des Heims statt, au dem sich alle Erschienenen beteiligten. Nach einem Imbiß verabschiedeten sich die Besucher des Heims und überließen Garten und Heim wieder den erholungsbedürftigen Insassen, die den Segen und die Rnhe der Anstalt bereits seit Beginn des vorigen Monats genießen. Es ist zu hoffen, daß die Anteilnahme weiter Kreise der Anstalt die Möglichkeit geben wird, ihre Tätigkeit nicht nur im Sommer, sondern auch im Winter auf viele Jahre hinaus auszuüben. Anmeldungen zur Mitgliedschaft und Spenden können an die Verwaltung (Rechtsanwalt Horovitz, ■ Frankfurt a. M., Hoflieferant Julius Mayer, Baden-Baden und Schatzmeister Bankier Willy Dreyfus, Frankfurt am Main, Alte Rothvfstraße, oder an das Heim selbst, Baden-Baden, Werderstraße 24) übermittelt werden. * Gestrrreich-Angarn. k. Wien, 4. Juli. Der Kampf zwischen d e -u t s ch ü a t i on a l e n u n d j ü d i s ch n a t i o ua len Studenten au der hiesigen Universität wegen des bekannten Weidhosuer Beschlusses betreffs der Satisfaktiousunfähigkeit der Juden will noch immer nicht zur Ruhe kommen. Vor einigen Tagen hat die deutschnatiouale Studentenschaft gegen die (auch in diesem Blatte mitgeteilte) Kundgebung des akademischen Senates einen geharnischten Protest erhoben und den Beschluß gefaßt, selbst ans die Gefahr des vorzeitigen Semesterschlusses von ihrem Standpunkt nicht abzuweichen und ihre Demonstrationen nicht aufzugeben. Um neue. Zusammenstöße in der llnivcrsitätsaula zu vermeiden, hat der Rektor bis auf weiteres verfügt, daß der Zutritt zu der Universität nur gegen Vorweisung von Legitimationen gestattet sei., Bei Ausbruch neuer Unruhen wird das Semester sofort geschlossen werden. — Am 23. v. M. wurde in Prag der Kaiserliche Rat Herr Otto Boudy zu Grabe getragen. Der Verblichene, der im schönsten Mannesalter stand, war ein wahrhaft edler Mensch, hilfreich und gut, ein stiller, unermüdlicher Wohltäter, ein Vater und Berater der Armen und Bedrängten, au dessen edles Herz niemand vergeblich appelliert hatte.. Welche hervorragende Rolle Kaiserlicher Rat Otto Bondy in Prag und in ganz Böhmen als Großindustrieller, als guter Jude und als warmherziger Freund der Armen spielte, bewies die überaus große Teilnahme aller Schichten und Kreise der Prager Bevölkerung an seinem Leichenbegängnis. Alles, was Rang und Namen hat, war erschienen, um diesem trefflichen Manne die letzte Ehre zu erweisen; in einem langen, schier unabsehbaren Spalier waren Abordnungen der Vereine, in denen Otto Bondy als eifriges Mitglied gewirkt hatte, aufgestellt. Aber noch viel größer war die Schar der Mühseligen und Beladenen, denen der Tod ihren besten und hilfreichsten Freund geraubt hat, Unter den Trauergästen sah man u. a. den Polizeipräsidenten, den Bürgermeister Dr. Srb mit dem Bürgermeister-Stellvertreter Schrötter, Vertreter der Statthalterei, des Adels, der Hochfinanz, der Kunst und Wissenschaft usw. In der Leichenhalle pries der Rabbiner des großen Tempels Dr. Schwarz den Verblichenen als Wohltäter und Menschenfreund, um den ein ganzes Volk trauere: Rabbiner Dr. Knöpselmacher hielt eine Trauerrede in tschechischer Sprache, in der er den unersetzlichen Verlust, den namentlich die Prager Kultnsgemeinde erlitt, in beredten Worten schilderte. Schon lange hat man in Prag nicht eine solche Massenbeteiligung an einem jüdischen Leichenbegängnis gesehen, aber selten hat es jemand verstanden, sich die Sympathien aller Kreise in so hohem Maße zu erwerben wie Herr Otto Bondh. Er ruhe in Frieden. — Im ungärischen Parlament ist ein Gesetz betreffs der Sabbatruhe angenommen worden, welches die orthodoxen Kreise in große Aufregung versetzte. Diese haben noch bis vor kurzem gehofft, daß nach dem Beispiele in Galizien denjenigen, die den Sabbat feiern, gestattet werde, am Sonntag ihren Geschäften nachzugehen und ihren Berns auszuüben. Nunmehr werden sic gesetzlich gezwungen werden, zwei volle Tage in der Woche zu feiern. Die Orthodoxen setzen jetzt ihre ganze Hoffnung auf das Magnatenhaus. Den Erfolg wird die Zukunft lehren. * Rußland. L. Warschau, 4. Juli. Unter Beteiligung des gesamten Polizeikorps wurde hier vor kurzem ein seltenes Jubiläum gefeiert. Es ist das 60jährige Dienstjubiläum des 88jährigen einzigen jüdischen Polizisten BarnchIablvnk i. Mit 21 Jahren trat dieser zum Militärdienst ein.und diente 16 Jahre ununterbrochen bei der berühmten Semjonower Leibgarde in Petersburg. Wegen seines Heldenmutes in der Schlacht bei Sebnstopol wurde er mit der Kriegsmednille ausgezeichnet. Nach seinem Uebertritt zur Reserve kam Jablonki nach Warschau, wo er von dem damaligen Statthalter Großfürsten Konstantin Ni k o l aj ew i tsch in Audienz empfangen und seinem. Wunsche, in den Polizeidienst treten zu dürfen, entsprochen .wurde. Das war im Jahre 1863, und von diesem Zeitpunkte au dient Jablonki ununterbrochen als Polizist in Warschau. Jablonki erinnert sich, daß außer ihm noch 12 jüdische Kollegen im Warschauer öffentlichen Polizeidienste gestanden haben, die aber zmneist entlassen, manche gestorben sind. Heute ist er der einzige Jude im Warschauer Polizeidienste.. Jablonki wurde wegen seines Pflichteifers von auswärtigen Fürstlichkeiten ausgezeichnet und besitzt Auszeichnungen von Nikolaus I., Alexander II., Alexander III., und auch der gegenwärtige Kaiser Nikolaus II. hat seinen Fleiß und seine Pflichttreue mit einer Auszeichnung belohnt. Jablonki ist ein frommer Jude, der jeden Sabbat in den Tempel geht, und es zeugt für seine Beliebtheit, daß er schon seit vielen Jahren an den jüdischen Festtagen vom Dienste befreit ist. Die vom Warschauer Polizeikorps veranstaltete Jubiläumsfeier fand im Kasernenhofe der Polizeidirektion statt. In Anwesenheit der Mannschaft, der Polizciinspektoren und Polizeibeamten hielt der Oberpolizeimeister die Begrüßungsrede, in welcher er Jablonki den übrigen Kameraden als Muster für treue Dienste hinstellte und dem Jubilar ein wertvolles Ehrengeschenk des Polizeikorps überreichte. Zum Andenken an diese Jubelfeier verfügte der Oberpolizeimeister, daß die ganze Fcstgesellschaft sich photographieren lasse und das Bild zum Andenken an die Feier im Mannschaftszimmer aufgehängt werde. Von Msh und ffern. — Der K a i s e r ließ am 29. Juni den Direktor Dr. S a l o ui v n - s v h n von der Diskvntogesellschaft durch den Generaldirektor B a ll i n zu einer Besprechung an Bord der „Hohenzollern" einladen. — Bon der an der Lehranstalt für die. Wissenschaft des Judentums begründeten Moses-Mendelssohn-Toleranzstiftung werden alle zwei Jahre zwei Preise von 2000 Mark beziehungsweise 1000 Mark für Schriften über ein Thema ä'usgesetzt, dessen Bearbeitung Menschenliebe, Gerechtigkeit und Duldsamkeit zu fördern geeignet ist. Der Wettbewerb steht Angehörigen aller Bekenntnisse offen. Für 1913 wird folgende Preisaufgabe gestellt: „Der Tolerauzgedanke in der deutschen Literatur zur Zeit Moses Mendelssohns". Die Einlieferung hat bis zum 30. September 1913 zu erfolgen. — Wie wir erfahren, hat der Vorstand der seit 1. Januar bestehenden Lehrer-Ersatzkasse, die man ilach vielen Mühen zustande gebracht hat, beschlossen, nachdem sich herausgestellt hat, daß die Genehmigung durch die staatliche Behörde ausgeschlossen erscheint, die Kasse anfzulösen. Gleichzeitig wurde von besonders um diese Frage bemühter Seite angeregt, den Vorstand zu einer Zentralstelle für die Förderung der Alters- und Reliktenfürsorge der Kultusbeamten auszugestalten und die seinerzeit für die