Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 77 (1913)
- Issue
- Heft 28 (11.7.1913)
- Date
- 1913-07-11
- Page
- Seite 335 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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335 „Der Herr Gerichtsdirektor Henke, mit dem ich heute morgen wegen meiner Pensionierung sprach, riet mir dringend davon ab. Er meinte, daß jch noch ein Jahr dienen solle, wenigstens bis zum 1. Oktober 1879." „Nun ja, bis das neue Gerichtsverfassungsgesetz in Kraft getreten," warf Felseck ein. „Nein, nicht nur deshalb, sondern hauptsächlich, damit der neue Herr Kreisrichter bis dahin mit den Personen und Verhältnissen im Bezirk etwas vertraut geworden." „Herr," brauste Felseck auf, „was erlauben Sie sich? Sie werden impertinent." „Ich wiederhole nur die Worte des Herrn Kreisgerichtsdirektors, die der Aktuar Schmidt mit angehört hat. Sie aber, Herr Kreisrichter, haben mich ohne Anlaß beleidigt, mich einen Judengenoffen und impertinent genannt und mir die Pensionierung nahegelegt. Solche Behandlung bin ich nicht gewöhnt und habe ich nicht verdient; ich ertrage sie auch nicht, dieser Dienst ist mein letzter." Felseck fühlte, daß er zu weit gegangen sei. Sein Jähzorn wich, als er den alten Herrn so ergriffen sah. Der besseren Regung schnell folgend, ging er auf diesen zu, reichte ihm die Hand und sagte in versöhnlichem Ton: „Herr Sekretär, ich habe Sie nicht verletzen wollen, entschuldigen Sie meine Aufwallung, aber es ist heute auch schon so gar viel auf mich eingestürmt." Der Sekretär schlug in die dargebotene Rechte ein. „Ja, Sie sind ermüdet und noch dazu hungrig," sagte er in einem fast väterlichen Tone. „Hungrig und erschöpft bin ich allerdings," bekannte der Kreisrichter. „Und doch lehnten Sie jede Erfrischung ab," ließ sich eine silberhelle Stimme jetzt vernehmen. Bei dem Ton dieser Stimme wandte Felseck sich, wie elektrisiert, blitzschnell um. Vor ihm in der Tür stand ein junges Mädchen im schwarzen, enganliegenden Tuchkleid; die dunklen blitzenden Augen kontrastierten seltsam mit dem aschblonden Haar, das von dem Scheitel zu beiden Seiten der Stirn glatt herabgestrichen und am Hinterhaupt zum griechischen Knoten geschlungen war. Die ganze schlanke Erscheinung mit dem edlen Oval des Antlitzes und den zarten rosigen Wangen trug, der dunklen Augen ungeachtet, unverkennbar den Stempel der Engländerin oder Amerikanerin; auch die Sprache hatte einen leichten britischen Akzent. „Miß Smith," rief der Freiherr staunend, „ist es möglich, Sie hier?" „In der Tat, Sie täuschen sich nicht, Herr Assessor oder Herr Kreisrichter, wie ich jetzt wohl sagen muß." „Aber wie kommen Sie hierher, in dieses Haus? Wissen Sie noch, meine Gnädige" — der alte Fiedler hüstelte, aber Felseck bemerkte es nicht — „wissen Sie noch, wie wir uns beim Probst Werner in der Hauptstadt zuletzt sprachen, als ..." . . „Gewiß, Herr v. Felseck, und jetzt finden Sie mich im Hause meines guten Großvaters!" „Ihres Großvaters?" „Gewiß, ich bin seine Enkelin, und er möchte sein Testament errichten. Der Doktor, der soeben fortgesahren, hält ihn für stark genug, den letzten Willen zu erklären." „So kommen Sie, Herr Sekretär." „Aber zuvor genießen Sie wenigstens ein Glas Wein; Sie sagten ja selbst, daß Sie sich erschöpft fühlen, und mir werden Sie doch" — sie füllte bei diesen Worten das Kristallglas — „mir werden Sie doch die Bitte nicht abschlagen.". Felseck griff unwillkürlich nach dem ihm gereichten Glase, aber nur, um es nach einem kurzen Moment der Ueberlegung unberührt zur Seite zu stellen. „Verzeihen Sie, Miß Smith, ich habe es mir zum Prinzip gemacht, bei Amtsgeschästen nicht zu trinken." „Zum Prinzip, ja das ist etwas anderes." Felseck war ^etwas betroffen von dem kühlen Ton, mit dem ihm Miß Smith geantwortet. Nur feine Verlegenheit nicht zu zeigen, wandte er sich an den Sekretär mit der Frage, ob er den Testator persönlich kenne, oder ob es noch einer Nekognition durch das Fräulein bedürfe. „Ich kenne den alten Goldenstein, seit ich nach Mondenstein versetzt worden, also seit 15 Jahren", erklärte Fiedler. „So gehen wir zu dem Kranken. Nicht wahr, durch diese Tür?" Er wandte sich nach dem Fräulein um; Miß Smith hatte jedoch-inzwischen das Zimmer leise verlassen. (Forts, folgt.) Mcheremlsuk. Besprechung der Bücher Vorbehalten. Zurücksendung der Bücher n>rde in keinem Falle statt. Heinrich Heine als Dichter des Judentums, ein Versuch von Georg I. Plotke. Verlag von Carl Rechner, Dresden 1913. Deutschtum und Judentum. Von Curt Bürger, Lichterfelde. Berlin 1913. Verlag: Verein zur Abwehr des Antisemitismus. Preis 75 Pfennig. Deutsche^ Kämpfspiele. Werbeblätter für vaterländische Gedenkweihen. Nr. 1, 1913. Im Selbstverlag des Deutschen Kampfspielbundes. Die Freunde des Kronprinzen. Auch eine Schrift zum 25 jährigen Negierungsjubiläum unseres Kaisers. Von Artur Lewinneck, Königsberg i. Pr. 1913. Hartungsche Buchdruckerei. Die jüdische Gemeinschaft. Reden und Aufsätze über zeitgenössische Fragen des jüdischen Volkes. Herausgegeben von Dr. Ahron Eliasberg. Das jüdische Volkslied von S. Kiffelhoff. Jüdischer Verlag, - Berlin. ' Pädagogische Jahresschau über das Volksschulwesen. Sonderabdruck Band 1912: Jüdische Religion von Dr. M. Spanier, Lehrer an der israelitischen Religionsschnle in Magdeburg. B. G. Teubner, Leipzig- Berlin. . Separatabdruck aus den Mitteilungen der Vereinigung von Freunden der Astronomie und kosmischen Physik. Verlag: Ferd. Dümmlers Verlagsbuchhandlung in Berlin W. Zur Geschichte der Astronomie im 13. und 14. Jahrhundert. Von Professor Wilhelm Foerster. Berühmte Judengemeinden des osmanischen Reiches. Von Rabbiner W. Reich. Baden bei Wien. Sonderabdruck aus Dr. Blochs „Oesterreichische Wochenschrift". Frankfurt a. M., Verlag von I. Kauffmann. Preis 1 Mark. Schriften zur Aufklärung über den Zionismus. Nr. 1. Zionistische Taktik. Herausgegeben vom Antizionistischen Komitee, Berlin. Der Hiob von Unterach und andere Geschichten. Von Karl Emil Franzos. Stuttgart und Berlin. I. G. Cottasche Buchhandlung Nachf. Lilly Rosner, die jüdische Hauptmannsfrau. Novelle von Bruno Gerlach. München, Verlag: Vereinigte Kunstanstalten A.-G. Shall the minister lead or follow? An adress by Rabbi Leo Mannheimer. Paterson, New Jersey, April 18, 1913. The Jewisli Immigration Bulletin. Vol. III. No. 5. May 1913. Bulletin de Palliance isra61ite universelle. Troisi&me Serie No. 37. Ann6e 1912. Paris. Onkel und Tante Vantee. Roman von Georg Hirschfeld. Berlin. Verlag von Gebr. Paetel, Dr. G. Paetel, 1913. Kulturgeist und Form der geistigen Erkrankung. Von Ludwig Stern. Halle a. S., Carl Marholds Verlagsbuchhandlung. 1913. The Jewish quarterly Review. Edited by C. Adler and S. Scheehter. Vol. III. No. 4. April 1913. Sxrechsaal. .,Z u r Frage der Dezentralisation der jüdischen Gemeinde B e r l i n." In dem unter diesen: Titel in der „Allgemeinen Zeitung des Judentums" vom 20. Juni (S. 291) erschienenen Vortrag des Herrn Justizrat H. V. Simon in der Repräsentantenversammlung findet sich