Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 77 (1913)
- Issue
- Heft 28 (11.7.1913)
- Date
- 1913-07-11
- Page
- Seite 334 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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334 dem „Aschabankverein" Köln weiter zu tun haben darf oder nicht. Die Sitzung hat wohl inzwischen' schon stättgefund-en i und wir hoffen, daß die Entscheidung so gefallen ist, wie sie einzig und allein mit unserer Ehre vereinbart ist, und -daß das Guthaben noch vor dem demnächst stattfindenden Kongreß zurückgezogen sein wird. 1 Im übrigen sollte es uns sehr freuen, wenn wir mit unserem Aufsatz auch etwas dazu beigeträgen hätten, manche Momente zu klären und manche Anregung zur Besserung gegeben zu haben. G. . . S. . . Der flntilemit. Roman von Ern st Th eodor Ju sti. ii. fl ieber Müller," nahm der Kreisrichter das Wort, „lassen Sie sofort den Gerichtssekretär rufen." „Gewiß, Herr Baron; ich werde selbst herüberspringen." Bald erschien der Apotheker mit seinen Arzneien; einige Minuten später der alte Sekretär Fiedler, der aus dem ersten Schlaf geweckt worden war. „Sie haben doch das Gerichtssiegel mit?" — „Jawohl." — „So brechen wir aus." . Der Doktor, der feinen Grog bereits aus geschlürft und den Pelzkragen eben über die Ohren aufgeschlagen hatte, wandte sich im Herausgehen um und rief: „Falls die. Herren vom Gericht mit mir fahren wollen, so ist in meinem Schlitten noch Platz." „Danke," entgegnete der Kreisrichter kurz; „wir fahren mit dem vom Testator für uns bestimmten Gefährt." Der Doktor verließ das Zimmer ohne ein Wort der Entgegnung. Nicht ohne ein kleines Triumphgefühl sah ihm der Freiherr nach; freute er sich doch, die jüdische Aufdringlichkeit gleich a limine abgewiesen zu haben. „Schade", bemerkte der Sekretär, als er die Schellen des Doktorschlittens verklingen hörte. „Warum denn schade?" fragte der Freiherr etwas pikiert. „Weil wir mit Doktors Braunen mindestens eine halbe Stunde früher hingekommen wären, als mit Goldensteins müden Fabrikgäulen, und wer weiß, ob der Testator nicht inzwischen stirbt." „Früher als wir", erwiderte der Freiherr mit verändertem Ton; „ja, das ist freilich bedauerlich; hätten Sie mir aber auch früher sagen können, Herr Sekretär! Hoffentlich treffen wir den Testator noch am Leben. Nun, werde selbst fahren. Gott befohlen, meine Herren. Ich komme morgen zu Ihnen, Herr Pastor; gehen wir, Herr Sekretär!" Und der Fabrikschlitten flog bald, trotz der müden Gäule unter Peitschenknallen mit Windeseile; der neue Herr Kreisrichter verstand sich aufs Fahren; er war nicht umsonst Kavallerieleutnant der Reserve. Zweites Kapitel. In der P apierm ühl e. „Gottlob, er lebt noch; der Doktor gibt sogar für ein Paar- Tage Hoffnung." Mit diesen Worten kehrte der Sekretär Fiedler zu dem Kreisrichter zurück, der im Hausflur des Fabrikgebäudes, dessen rechter Parterreflügel zur Wohnung des Besitzers eingerichtet war, auf die Nachricht harrte. „Das gnädige Fräulein läßt die Herren vom Gericht - bitten, einstweilen hier einzutreten," meldete ein sauberes Dienstmädchen, das dem Sekretär auf dem Fuß folgte. „Das gnädige Fräulein?" fragte der Kreisvichter, indem er'den Mantel ablegte, und sich zum Sekretär wendend fuhr er leiser fort: „Jede Sarah und jede Rebekka will jetzt, wenn sie Geld hat, eine „Gnädige" sein. Nun, ich gebe mich zu solcher Komödie nicht her; schlimm genug, daß unsere gute deutsche Landbevölkerung dem jüdischen Gelde dienen und vor dessen Gnade;-sich beugen muß. Aber es wird anders werden." Der alte Fiedler antwortete nichts, sondern öffnete die Tür des Zimmers, auf welches das Dienstmädchen hingewiesen - hatte. Es war eine mäßig große Stube, angenehm durchwärmt und von einer altertümlichen Lanrpe freundlich erleuchtet. Die Ausstattung^ war einfach; Bilderschmuck fehlte den dunkel tapezierten Wänden gänzlich. Auf dem großen Tisch, der in der Mitte des Zimmers stand, war für zwei Personen gedeckt. Eine Weinflasche stand entkorkt vor den geschliffenen Gläsern auf dem blendend weißen Damasttischtuch. „Das gnädige Fräulein läßt bitten,'nur wenige Minuten zu verzeihen, der Herr Doktor ist noch beim Herrn; aber er hat schon anspannen lassen und fährt gleich. Darf ich die Suppe auftragen?" „Danke, verzehre bei Amtsgeschäften nichts," erwiderte Felseck. „Ich, meinerseits bitte um einen Löffel Suppe", sagte der alte Fiedler. Das Dienstmädchen entfernte sich. Der Freiherr fixierte den Sekretär. Letzterer bemerkte ruhig: „Halten Sie, Herr Kreisrichter, meine Handlungsweise für unstatthaft, so bitte ich es mir zu sagen, Ihr verstorbener Herr Amtsvorgänger hat bei so hartein Frost wie heut, als Testamentskommissarius eine kleine Erwärmung nie abgelehnt. Wir legten stets den üblichen Wirtshauspreis aus das Gedeck und führten unsere Arbeit gestärkt dann wohl besser aus, als es ohne die Mahlzeit geschehen wäre." „Tun Sie, was Sie verantworten können; ich für meine Person denke in dieser Beziehung korrekter als mein Herr Amtsvorgänger." Das Mädchen brachte Suppe und Fleisch; der Sekretär ließ es sich munden; der Freiherr ging mit großen Schritten auf und nieder, wiederholt die Uhr betrachtend. „Wenn wir in fünf Minuten nicht an das Krankenlager geführt werden, so nehmen Sie eine Registratur auf, und wir fahren zurück." „Ja," sagte der alte Fiedler, indem er sich ein Glas Wein einschenkte; „nur werden wir'heute nicht mehr fahren können, falls uns der Doktor nicht über Obertiefenbach mitnimmt; die Fabrikgäule bringen den Weg nicht mehr fertig. Uebrigens würden wir auch hier ein gastliches Zimmer in der Fabrik finden." „Esse und schlafe unter keinem Judendach, lieber gehe ich . zu Fuß allein zurück. Sie können ja hier bleiben, wenn Sie daran Geschmack finden. Sie scheinen ja überhaupt ein' rechter Judengenosse zu sein." Der alte Fiedler erhob sich und, indem er auf das kleine Bändchen in seinem Knopfloch deutete, sagte er: „Herr Kreisrichter, ich habe durch die Gnade Seiner Majestät den Roten Adlerorden vierter Klasse mit der Zahl 50 erhalten; ich habe ihn erhalten für 50 treue Dienstjahre, in denen ich zwischen Juden und Christen weder amtlich noch außeramtlich einen Unterschied gemacht habe. Daß jetzt das' Gegenteil gesetzlich vorgeschrieben wäre,- ist mir nicht amtlich eröffnet worden." „Schon gut, Herr Sekretär, schon gut. Sollten übrigens, da Sie bereits jubiliert haben, Ihre Gesundheit mehr schonen und sich den Unbequemlichkeiten des Dienstes nicht länger aussetzen."