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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1913-07-11 · Heft 28 (11.7.1913) · p. Seite 332

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
77 (1913)
Issue
Heft 28 (11.7.1913)
Date
1913-07-11
Page
Seite 332 (sequence 8)
Language
German
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' Ganz eigenartige und unerfreuliche Verhältnisse haben sich sür die Jüdische Bevölkerung Rußlands im Fabrikbetrieb entwickelt. Das -hat mancherlei Ursachen. . Zunächst hat die russische Fabrik den. Durchgang durch die Stadt vielfach vermieden und entwickelt sich mehr als in Westeuropa direkt auf dem. Lande. Dort ist nun aber den Juden der dauernde Aufenthalt untersagt. Außerdem pflegt der russische Fabrikarbeiter durchaus Saisonarbeiter zu sein. Er ernährt sich-zum anderen Teil von der. Landwirtschaft und betrachtet so ungefähr seine Fabriktätigkeit als sicheren Nebenverdienst. Seine Familie bleibt auf dem Lande, und darum kann er billig arbeiten. Das alles hat zur Folge, daß der jüdische Fabrikarbeiter in der. Konkurrenz durchaus unterliegt. Die Verschiedenheit der Religion und der Volksgebräuche macht em Zusammenarbeiten fast unmöglich. Der russische Arbeiter will mit dem jüdischen nicht Zusammenarbeiten. Außerdem ist der Russe als stillerzufriedener Mann dem Fabrikherrn bequemer als der revolutionäre Jude (?), der mit seinem Spürsinn stets unzufrieden ist. Die jüdische Ärbeitermasse besteht aus 175 000 Männern und Frauen, darunter etwa 100 000 Tagelöhner. Jedoch gibt es rund 50O00 Fabrikarbeiter. Wenn das Verhältnis richtig wäre, müßte es aber 700 000 jüdische Fäbrikarbeitergeben. Dann wären auch der jüdische Kleinhandel und das jüdische Handwerk vor der Ueberfüllung bewahrt. Es kommt noch erschwerend hinzu, daß der jüdische Arbeiter in Rußland vor allem in den Endstadien der Industrie beschäftigt ist. Die Zahl der Fabriken beträgt im nordwestlichen Rayon 27.49-.darunter 1402 jüdische;.im südwestlichen 3374, darunter 1143 jüdische; im südlichen 1627, darunter 388 jüdische. Der geschaffene Wert der Produktion hingegen beträgt im erstgenannten Rayon 62,9 Millionen Rubel, davon 29,9 Millionen Rubel in den jüdischen Fabriken. Für die. beiden anderen Rayons sind die Zahlen: 169,4 beziehungsweise 42,9 und 182,6 beziehungsweise 18,2 Millionen Rubel. Was die Art der Fabrikbetriebe, anlangtso kommen im nordwestlichen Rayon vor allem Sagemühlen in Betracht. Windmühlen und Wassermühlen zur Herstellung von Mehl folgen in zweiter Linie. Im Süden kommen die Dampfmühlen hinzu. Zucker und Tabak beschäftigen des weiteren jüdisches Kapital. Den Beschluß machen die Fabriken der Textilindustrie, von denen allerdings gerade die minderwertigsten in jüdischen Händen sind. Das jüdische Handwerk basierte seit dem fünfzehnten Jahrhundert auf der Organisation der Kahals, das sind Selbstverwaltungskörperschasten, denen sich die jüdischen Zünfte angliederten. . .Diese Organisationen wurden aber 1844 aufgehoben und fanden in den Chewras keinen Ersatz, weil diese nur freie. Vereinigungen sind ohne öffentlich-rechtlichen Charakter. Auch die.seit 1865 bestehende Erlaubnis für die jüdischen Handwerker,.,sich im ganzen russischen Reiche niederzulassen,'brachte keine Besserung, da infolge der russischen Bauernbefreiung alsbald der jüdische Handwerker überflüssig wurde. Nach der Volkszählung von 1897 gibt es in Rußland 555 229 jüdische Gewerbetreibende. Mit ihren Familienangehörigen bilden sie 35M-Prozent der gesamten jüdischen Bevölkerung. Sie verteilen sich auf 1200 Orte.. .Es. sind 229 486 (29 911) Meister, 115.784 (24 744). Gesellen und 79 169 (21 893) Lehrlinge gezählt worden. Die in Klammern beigefügten Zahlen beziehen sich. auf..das weibliche- Geschlecht. Ueber 25,6 Prozent aller jüdischen Handwerker sind in der Bekleidungsindustrie beschäftigt'. Die-dabei gebräuchliche Organisation beruht aust dem - Hinzutreten des Magazinunternehmens (des Verlegers) zwischen Handwerker, und Konsnnrenten. Dadurch drang die üble Heimarbeit in das jüdische Gewerbe ein, die so überaus schädigend wirkt. Die Oberleitung des Betriebes befindet sich dabei in den Händen etlicher Unternehmer, die infolge ihrer Kapitalkraft den Markt beherrschen. Diese Hausarbeit hat die Selbständigkeit des jüdischen Handwerks vernichtet. . Es ist dahin gekommen, daß ein Geselle sich auf 40 Kopeken täglich steht, ein Meister auf 125 bis 150 Rubel, jährlich, und dieses bei einer Arbeitszeit von teilweise 14 bis 16 Stunden. Natürlich wäre der Uebergang des jüdischen Handwerkers in die Fabrik. Wir haben gesehen, , daß dies unmöglich ist. Darum stellt der Jüdische Handwerker Rußlands das größte Kontingent zur Auswanderung. Er kann dabei immer nur gewinnen, denn schlechter kann es ihm wirklich nicht gehen. Erwähnen müssen wir noch die jüdische Landwirtschaft.in Rußland. Es gibt nämlich eine solche aus der Zeit Alexanders I. und Nikolaus I. Es bestehen heute rund.300 Ackerbaukolonien mit etwa 10 500 Familien und 64 000 Seelen, die auf etwa 100 000 Hektar Land angesiedelt sind. Außerdem sind noch etwa 21 500 Juden beim Gartenbau, in der Milchwirtschaft, beim Tabakbau, Weinbau und ähnlichen Kulturen beschäftigt. Die Vieh- und Geflügelzucht ernährt 7100 Juden, Fischerei und Jagd 8500. Es gibt ferner etwa 4600 jüdische Grundbesitzer und Pächter. Interessant ist die bisherige Beteiligung der russischen Juden an der Rechtsanwaltskarriere, die jetzt auf 10 Prozent beschränkt worden ist. Sie betrug früher 9 Prozent in Taschkent und stieg bis auf 49 Prozent aller Rechtsanwaltsgehilfen im Gerichtsbezirk Odessa; Petersburg hatte 43 Prozent, Warschau und Wilna je 34 Prozent.. Dr. Durncke. Der Unlllemitismus in den Lanken und die Juden. n Nummer 22 dieser Zeitschrift erschien ein Aussatz mit H gleicher Ueberschrift, in dem folgende Postulate ausgestellt wurden: Es sei hoch an der Zeit, daß die Juden mit ihrer, den judenfeindlichen Banken gegenüber beobachteten Passivität brechen möchten. Die jüdischen Aktionäre, Besitzer von Gurhaben, Kaufleute amd Industrielle möchten Institute meiden, die antijüdische Tendenzen zur Schau tragen, indem sie Bewerber mosaischer Konfession entweder gar nicht anstellen .oder den bereits angestellten den Weg zum Vorwärtskommen versperren. Und im Gegensatz zu einzelnen Organen, die, auf diese Tatsachen hinweisend, dieselben als ein unabwendbares Geschick hinnehmen zu müssen glauben, forderten wir die jüdische Oefsentlichkeit auf, sich gegenüber dem uns aufgedrängten Kampf energisch zur Wehr zu setzen. Mit Freude darf konstatiert werden, daß der erwähnte Aufsatz in den verschiedensten Kreisen Beachtung und Anklang gefunden hat. Aus den, wie wir erfahren, zahlreich eingegangenen Zuschriften veröffentlichte die „Allgemeine Zeitung" drei, die ihr am interessantesten erschienen sind, und zwar aus verschiedenen Parteilagern. Mt diesen wollen wir uns etwas eingehender befassen. Bevor wir indessen der Diskussion nähertreten, sei es ge- , stattet, den Artikel in Nummer 22 in einigen Punkten, auf. die wir von sehr schätzenswerter Seite hingewiesen werden, zu ergänzen. Die jüdischen Handlungsgehilfen und Bankbeamten näm- lich haben sich oft nicht nur des „äußeren Feindes" zu erwehren, sondern leider auch eines sogenannten „inneren Feindes". Denn seit einigen Jahren hat sich bei verschiedenen jüdischen Bankiers und Kaufhausbesitzern eine eigentümliche „Mode" eingebürgert, die sich darin äußert, bei der Anstellung von jüdischen Bewerbern eine sehr ausfällige Zurückhaltung an den Tag zu legen.^ Manche von ihnen tuen es aus einer eigenartigen religiösen Auffassung heraus, in der Absichtnämlich, die Angestellten vor einer Sabbatentweihung in ihren am Sabbat und den Festtagen offenen Geschäften

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