Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 77 (1913)
- Issue
- Heft 28 (11.7.1913)
- Date
- 1913-07-11
- Page
- Seite 331 (sequence 7)
- Language
- German
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331 Zwei Umstände haben mir aber schließlich diese ganze Musikmacherei verleidet. Der eine sind die Potpourris. Ich meine, früher war diese Sünde gegen den heiligen Geist der Musik wenigstens erträglich. Man suchte bei diesen Potpourris entweder durch den Kontrast zu wirken, indem man auf Ernstes Heiteres, auf Schwermütiges Leichtfertiges folgen ließ und dadurch eine gewisse humoristische Wirkung' erzielte, oder man gefiel sich in melodischen Ueberleitungen, so daß man aus einer Melodie in eine zunächst ähnlich klingende, aber dann ganz andersartige hinüberglitt. Jetzt hat man auch'diese Mache aufgegeben und trägt ganz sinn- und wahllos die heterogensten Stücke zusammen, und das sogenannte musiksreudige Publikum jubelt. Für diesen Jubel bekommt es auch dann häufig seine Belohnung. Diese besteht in „Puppchen". Ich habe wenigen Konzerten in Karlsbad beigewohnt, .in denen nicht diese lieblichen Töne erklingen. Und zwar mit einer, ich weiß nicht — ob ausschließlich — Karlsbad Nuance, die ganze Kapelle, oder wenigstens die gesangskundigen Mitglieder, singen den herrlichen. Sang, während sie spielen, und, zuerst schüchtern, dann mutig, singt ein Teil des Publikums mit. Zwanzigmal habe ich das geduldig angehört, bei dem einundzwanzigsten Male kehrte ich undankbar Karlsbad den Rücken. Statistik und loyale Gliederung der Juden in Nutzlsnd. s leben nach der Volkszählung von 1905 0 045 690 Juden im russischen Reiche, das sind nicht weniger als 4,05 Prozent der Gesamtbevölkerung. Von ihnen wohnten 95,1 Prozent im Ansiedelungsrayon, wozu 15 südliche und westliche Gouvernements sowie 10 polnische Gouvernements gehören. Der Rayon umfaßt 944 707 Quadratkilometer, das ist der 23. Teil des gesamten russischen Reiches. Bekanntlich ist aber nur das Wohnen in den Städten gestattet, während das flache Land verboten ist. Von dieser Wohnbeschränkung sind nur ausgenommen Kaufleute erster Gilde, Absolventen russischer Hochschulen, ferner Apotheker, Zahn- und Wundärzte sowie Hebeammen, endlich gelernte Handwerker, denen aber das Wohnen in Moskau, im Donschen Kosakengebiet und in Sibirien untersagt ist. Von den ehemaligen Soldaten vor Einführung der allgemeinen Wehrpflicht brauchen wir hier nicht zu reden, da es sich nur noch um einzelne Personen handelt. Innerhalb der Gouvernements ist die Dichtigkeit der jüdischen Bevölkerung eine durchaus verschiedene. So wohnen im Gouvernement Kiew 433 728 Juden und in Archangelsk nur 251. Prozentual finden wir im Gouvernement Warschau 18,22 Prozent Israeliten, in Wologda und Wjatka nur 0,03 Prozent. Im Bezirk Ujesd Bjalostok beträgt der Anteil der jüdischen Bevölkerung' sogar 28,77 Prozent der Gesamtbevölkerung/ Die Verteilung der jüdischen Bevölkerung im russischen Reiche unterliegt durch Auswanderung und Binnenwanderung großen und dauernden Schwankungen. lieber die erstere ist zu bemerken, daß sie schon seit neunzig Jahren vor sich geht. Es wanderten nämlich von 1821 bis 1870 immerhin schon 7550 Emigranten von Rußland und Polen nach den Bereinigten Staaten, von 1871 bis 1880 nicht weniger als 41057 aus Rußland allein. Seit dem Auftreten der, Judenverfolgungen, seit 1881, bis zum Jahre 1908 sind aber aus Rußland 1 300 000 Juden nach den Vereinigten Staaten, Kanada und Argentinien ausgewandert, nach England, Deutschland, Frankreich und Belgien 200 000, nach Südafrika und Aegypten 25 000 und nach Palästina 20 000, so daß im ganzen 1 545 000 Juden aus Rußland auswanderten. Mit denen, die in den letzten drei Jahren dazu kamen, sind seit 31 Jahren 1 710 0OO ausgewandert, also 28)28 Prozent der heutigen jüdischen Bevölkerung Rußlands Die Binnenwanderung der Juden in Rußland stellt gleichfalls eine daübrnde, anhaltende Bewegung dar. So hat sich <die jüdische Bevölkerung im eigentlichen Rußland von 1897 bis 1905 um 704 485 vermindert (sie sank von 5 110 548. auf 4 406 063), hingegen im Königreich Polen um 212 616 Köpfe vermehrt (sie stieg hier von 1321000 auf 1 533 716). Diese Binnenwanderung beruht auf einer doppelten Ursache. Erstens häuft sich die jüdische Bevölkerung in den industriellen Bezirken des Landes an, und zweitens veranlaßten die Verfolgungen einen engeren. Zusammenschluß der jüdischen Bevölkerung. Auch ist zu bedenken, daß die polnisch-katholische Bevölkerung den Pogromen fast ganz ferngeblieben ist. Während in den Oktobertagen 1905 in ganz Rußland 690 Pogrome stattfanden, blieb Polen davon frei, ja es haben dort überhaupt nur sechs Pogrome stattgesunden, darunter drei ganz unbedeutende. Nach den Untersuchungen von Wlad. W. Kaplun-Kogan über die Wanderbewegungen der Juden (Bonn, A. Marcus u. E. Webers Verlag) wohnen 2 631 809 — 50,5 Prozent aller russischen Juden in den Städten, sie bilden daher eine durchaus städtische Bevölkerung. Die Berufsgliederung der russischen Juden weicht wesentlich ab von der der Juden iu anderen Ländern. So gehören dem Handel 38,65 Prozent an, dem Gewerbe 35,43 Prozent, als Dienstboten, Tagelöhner und Privatbeamte finden 6,61 Prozent ihren Lebensunterhalt, im öffentlichen Dienst und in den freien Berufen sind 5,22 Prozent tätig, im Verkehrswesen 3,98 Prozent, in der Landwirtschaft 3,55 Prozent. Unproduktiven oder unbestimmten Berufen gehören 5,49 Prozent an, und der Militärdienst nimmt' 1,07 Prozent der jüdischen Bevölkerung in Anspruch. Alle diese Zahlen verstehen sich einschließlich der Familienangehörigen. Interessante und zum Teil ganz neue Zusammenstellungen darüber finden sich in der schon erwähnten Schrift von Wlad. W. Kaplun - Kogan „Die Wanderbewegungen der Juden". Nach der Handelsstatistik nimmt der Handel mit landwirtschaftlichen Produkten die erste Stelle ein, es sind 11,59 Prozent. Unter Zuzählung aber des Getreide- und Vieh'handels sind es in Zahlen 894 507 Juden, die dazu gehören; das sind 46 Prozent aller überhaupt in Rußland vom Handel lebenden Juden. Der Getreidehandel wird fast ausschließlich von ihnen betrieben. Die zweite Gruppe der handeltreibenden Juden sind die Kleinhändler, die keinen eigenen Laden aufmachen können, Sie handeln von Tag zu Tag mit verschiedenen billig eingekauften Gegenständen und leben meist in kümmerlichen Verhältnissen. Hierher gehören 7,87 Prozent. An dritter Stelle folgt dann der Kleider- und Gewebehandel mit 3,14 Prozent, an vierter der Bau- und Heizmaterialienhandel mit .2,41 Prozent. Von geringer Bedeutung ist der Geldhandel für die russischen Juden, ganz im Gegensatz zu den Verhältnissen in Westeuropa. In die Steuerliste der'' Großkaufleute sind 71848 Juden eingetragen, nicht immer, weil dies dem Umfange ihres Geschäfts entspricht, sondern weil sie sich'durch die Gildensteuer das Wohnrecht außerhalb des Rayons erwerben, und das ist naturgemäß von größter Bedeutung für jedenhalbwegs ansehnlichen Kaufmann. Im allgemeinen leidet der jüdische Händler unter der Ueberfüllung des Berufs und dem daraus folgenden scharfen Konkurrenzkämpfe. Denn abgesehen vom Getreidehandel ist der jüdische Handel in Rußland Kleinhandel. Trotzdem wandert der jüdische Kaufmann und Händler nicht aus, da er unbewußt fühlt, daß ein Bedürfnis nach einem größeren Kaufmannsstande vorhanden ist.