Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1913-07-11 · Heft 28 (11.7.1913) · p. Seite 330

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
77 (1913)
Issue
Heft 28 (11.7.1913)
Date
1913-07-11
Page
Seite 330 (sequence 6)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3224737-3229069-3229098--69591-3281901
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

330 deren Diener streng auf die Einhaltung der festgesetzten Zeit sehen. Ist man aber -'badefrei — denn gewöhnlich badet man nur jeden zweiten Tag — dann wandert man, selbst wenn der Inhalt der weißen, rosa oder dunkelroten Frühstückstüten noch nicht geleert ist, und wenn man sein Trinkglas noch umgehängt hat, in die Wälder und in die Berge. Diese Spaziergänge sind von außerordentlicher Abwechslung. Wer gern klettert, kommt wohl nicht auf seine Rechnung, aber der, der das behagliche Schlendern liebt, bergauf und bergab, fast immer durch schöne Wälder, wird für die kleine Anstrengung reichlich belohnt. Die Wälder sind ewig und ändern sich nicht. Auch sonst zeigt Karlsbald wenig Veränderung. Neue Häuser werden zahlreich gebaut,, alte abgerissen, z. B. auch das zu den „drei Mohren", wo Goethe gewohnt hat, und unschön erneuert, ein paar kleine Bergbahnen führen in die Höhe, von denen besonders die auf die Freundschaftshöhe zu erwähnen ist, die den bequemen Spaziergang nach dem Aberg und dem unvergleichlich schönen St. Leonhard erleichtert. Eine dieser Bahnen führt nach dem 1912 vollendeten Hotel Imperial, einem mehr imposanten als schönen Riesen--- bau, dessen Casögarten auch für bescheidene Besucher zugänglich ist, dessen Zimmer freilich nur für die Reichsten erschwinglich sind. Mir sind fabelhafte Preise, selbst für die kleinsten und höchstgelegenen Zimmer, genannt worden. Tatsache ist, daß wenigstens im Mai und Juni das Hotel recht leer war und daß man davon sprach, man wolle dort Spielsäle einrichten, um reiche Gäste, die mit dem Gelbe nicht knausern, dorthin zu ziehen. Ueber die Saison wird allgemein geklagt. Als ich dort war, sprach man von einem Minus von 1500 bis 2000 Kurgästen gegen das vorige Jahr. Besonders bemerkbar ist das Ausbleiben der Oesterreicher, erklärlich dadurch, weil ja gerade die Oesterreicher unter den unruhigen Zeiten besonders leiden. Trotz dieser Leere gehen die Preise für Wohnungen nicht herunter. Auch sonst sind die Preise recht erklecklich hoch, wenn auch der nicht allzu Anspruchsvolle in Karlsbad, wie überall, sich das Leben ziemlich billig gestalten kann. Der Mensch soll sich nicht ärgern und der Karlsbader Kurgast am wenigsten, aber drei Umstände gibt es in Karlsbad, die geeignet sind, auch den geduldigsten Humor zu verderben: das sind die Hausdiener, die Trinkgelder und die Musik. Nicht etwa,' daß die Hausdiener frech oder zudringlich sind, aber sie sind von einer so sträflichen Faulheit, daß auch der Kurgast, der ja von Berufs wegen faul sein soll, diese Trägheit kaum verstehen kann. Während der ganzen Saison lungert vor jedem Hause ein solcher durch seine Mütze kenntlich gemachter Mensch, von morgens 6 bis abends 9 Uhr. Entweder steht jeder vor dem Haus, dem er zugehört, oder drei bis vier stehen in Trüppchen zusammen, beständig rauchend und schwatzend, ewig die Mütze ziehend. Ich habe nie begreifen können, wozu sie eigentlich da sind. Sie sind nicht etwa Anreißer, obwohl sie ganz gelegentlich den Vorübergehenden zuflüstern, daß eine Wohnung frei ist, sie haben scheinbar nichts weiter zu tun, als daß sie den Wohnungsuchenden ins Haus zu dem Wirt oder der Wirtin geleiten, .damit scheint ihre Arbeit erledigt. Wann sie dasjenige verrichten, was doch einem ordentlichen Hausdiener zukommt, ist mir höchst schleierhaft. Das Zweite, worüber man sich ärgern kann, wenn man dazu veranlagt ist, sind die Trinkgelder. Der Norddeutsche kann sich an die Trias: Zahl-, Speise- und Getränkkellner zuerst nicht gewöhnen; tritt man der Sache näher, so merkt man, daß man für diese drei kaum mehr Trinkgeld anzuwenden hat, als in Berlin bei einem: mit 10 Prozent der Zeche kommt man meist ganz gut aus.' Nicht also die Trinkgelder sind es, sondern die Herren Trinkgeldempfänger, die in Karlsbad eine wahre Plage sind. Von dem Gehbedürfnis dieser Kellner und Pikkolos kann sich selbst der zum-Gehen kommandierte Kurgast kaum eine Vorstellung niachen: sie wandern unaufhörlich herum, nicht etwa, um aufmerksam auf die Wünsche der Gäste zu achten, sondern, wie man annehmen muß, da man einen anderen ersichtlichen Grund nicht findet, um einen ruhelosen Tatendrang zu befriedigen oder um einen Kilometerrekord aufzustellen. Ganz anders die Kellnerinnen, die zwar nicht durch Schönheit auffallen, aber durch Flinkheit und Anstand; sie stehen herum, aber sind aufmerksam. Wo sie allein bedienen — in den meisten Restaurants ist die Teilung durchgeführt, daß zum Frühstück und zum Vesper Kellnerinnen und mittags und abends Kellner beschäftigt sind nehmen sie auch die Zahlung an.für Getränke und Speisen, die sie bringen; ich habe nie ergründen können, warum die Herren der Schöpfung, die doch gewöhnlich eine Superiorität des männlichen Wesens statuieren, drei männliche Wesen für eine Tätigkeit nötig halten für die ein einziges weibliches Wesen genügt. Karlsbad ertönt von Musik von morgens bis abends. Von 6 bis 8 Uhr morgens spielt die Kurkapelle am Mühlbrunnen und am Sprudel. Von 8 bis 10 ist in einigen Kaffeegärten, glücklicherweise nur in wenigen, Konzert; in den großen Hotels konzertiert mittags von 241 bis H3 die Hauskapelle. Von 4 bis 6 kann man nur wenige Kaffeegärten aufsuchen, ohne die unvermeidlichen Begleittöne erklingen zu hören, und ebenso abends von HS bis 9, wo das Orchester die unvermeidliche Begleitung der Kellnerschritte und der Geräusche von Messern und Gabeln gibt. Im allgemeinen wird von den verschiedenen Kapellen sehr gut gespielt. Das Kurorchester leistet ganz Vortreffliches, aber auch die anderen Kapellen hört man häufig mit Vergnügen, nur empfindet man mit Unlust die allzugroße Bereitwilligkeit der Dirigenten, Zugaben zu machen, , denn kaum ertönt am Schlüsse eines Stückes ein noch so schwacher Beifall, so wird irgendein Walzer oder derartiges zugegeben. Synagoge in Rarlsbad. ■ jjf, rmrf.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.