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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1913-07-11 · Heft 28 (11.7.1913) · p. Seite 329

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
77 (1913)
Issue
Heft 28 (11.7.1913)
Date
1913-07-11
Page
Seite 329 (sequence 5)
Language
German
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. .829 „Gott, wie funkelnd hat er geschliffen sein Epigrannn." Die „Germania", das Hauptorgan des Zentrums, in dessen Namen noch wenige Tage vorher Herr Erzberger am Reichstage eine scharfe Trennungslinie zwischen seiner Partei und den Nadauantisemiten gezogen hatte, folgte ebenfalls, ohne zu erröten, diesen Spuren: „. . . Trauer war in ganz — Israel und Heulen und Zähneknirschen." An einer, anderen Stelle sagt das Blatt: - „In Aegypten wäre dergleichen vor etlichen tausend Jahren einer gewissen Minderheit nicht gestattet worden . . . Und dann ein Pendant zu diesem maßlosen Dünkel, der bei diesem Rummel zutage tritt: Ein reichshauptstädtischer Professor erzählt einem zahlreichen Auditorium in einem öffentlichen Vortrage: Deutschland wäre längst an lauter Blondheit zugrunde gegangen, wenn nicht , . . Na ja, wir Wissens nun ja allmählich: aus dem Osten kommt alles Heil." Das Breslauer Antisemitenblatt, die „Schlesische Morgenzeitung", haut, wie nicht anders zu erwarten war, in dieselbe Kerbe, indem es seinen Bericht über die dortigen Protestversammlungen mit ähnlichen giftigen Ausfällen gegen das Judentum „würzt". Gerhart Hauptmann ist — nach dem Zerrbild der reaktionären Presse — mit einem Male der erkorene Liebling sämtlicher sechshunderttausend deutscher Juden, die mit ihm durch dick und dünn gehen. Dabei hat vielleicht von sämtlichen deutschen Literarhistorikern das literarische Schaffen Gerhart Hauptmanns keiner abfälliger beurteilt als der Jude Eduard Engel, den darum die „Germania" auch einen „vortrefflichen Literaturkenner" nennt. Noch vor Jahresfrist aber galt einer der jetzigen antisemitischen Vorkämpfer in der Anti-. Hauptmann-Liga der Dichter als halber Gesinnungsgenosse, den darum auch das Judentum und die jüdische Kritik so schlecht behandle. Der „lauteste, von drastischen Manipulationen geleitete Widerspruch" bei 'der Erstaufführung seines Dramas „Vor Sonnenaufgang" sei „aus dem jüdischen Lager" erfolgt. Dasselbe antisemitische Blatt reklamierte Gerhart Hauptmann dreist und gottessürchtig für die antisemitische Weltanschauung; eine spätere Generation werde sich in den „Webern" die Familie Zwanziger-Dreißiger „näher aus ihre' Ab- - stammung ansehen." Das ehrenwerte Blatt, das noch vor'Jahresfrist den Dichter für die Sache des literarischen Antisemitisnms mit. Beschlag belegen wollte, und ihn heute als Judenschützling schmäht, war - die „Deutsche Tageszeitung", das Organ des Bundes der Landwirte: - Karlsbader Ladebrleke. Von Ludwig Geiger.' I. ' . . ’ em Gott will eine Gunst erweisen,'den schickt er nach - Karlsbad. Der also Gesendete braucht ja nicht gleich eine der unschönen und unliebenswürdigen, aber deshalb -um so treueren Freundinnen wie Gicht oder Gelbsucht zu besitzen. Er braucht nur zu wissen, daß der Mensch eine Leber hat, ohne, zu ahnen, daß sie anschwillt und sonst Uebles tut; er braucht den Zucker nur als Versüßung beim Tee und Kaffee zu kennen, ohne über seine höchst widerwärtigen Nebeneigenschaften unterrichtet zu sein. Aber er gehe nach Karlsbad. Nicht nur, wenn er muß, auch nicht ausschließlich aus Vorsicht oder aus Dankbarkeit, sondern schlechtweg, weil es so schön ist. Ich halte Karlsbad für die Perle der böhmischen. Bäder. Nicht etwa nur, weil Goethe so oft und so gern dort war. Ich liebe es mehr als Teplitz, das ich freilich nur an einem schönen Wintertage gesehen Habe, und -als Marienbad, wo ich einmal ohne Erfolg war, denn die paar Kilo, die dort verschwanden, sind allzu 'schnell wiedergekommen. So . soll es auch vielen anderen Sterblichen ergehen. Indessen nicht nur wegen der sehlgeschlagenen Kur bin ich kein Marienbadverehrer. Ich habe zwar seine Wälder gern, aber kann sie mit der Pracht der Karlsbader nicht vergleichen. Schön sind freilich die dortigen Spaziergänge, aber für meinen Geschmack etwas einseitig. Unvergleichlich ist allerdings.der Brunnenplatz. Selbst der glühendste Lobpreiser Karlsbads wird weder den Mühlbrunnen noch den Sprudel schön nennen können. Jenen nicht trotz der zauberischen Blumenpracht, die die dort stationierten/ Verkäuferinnen feilbieten — Pracht und Schönheit ist Eigentümlichkeit der Blumen, nicht der Verkäuferinnen — denn alles ist so eng, so ungemütlich und so laut. Diesen nicht,'denn, vMn,,auch der Sprudelsaal schön, hoch, mit vortrefflichen Statuen .und hübschen Gewächsen geziert ist, wenn es auch manchmal Genpß-gewährt, die wirklich gute Musik zu hören, die allmorgendlich Ju einer für den Großstädter ganz unmöglichen Frühzeit. Ertönt — denn hier im Gänsemarsch zu trotten, die gleichgültigsten He.? spräche mit anzuhören und eine Luft einzuatmen, die müchesterH nicht an Schiras Wohlgerüche gemahnt, ist nur für seh;rbescheidene Menschen ein Vergnügen. . Aber sobald der Normalmensch seine Trinkkur absolviert hat, beginnt das reine Vergnügen. Im Gegensatz zu dem Nprmalmenschen, der morgens zwischen sechs und acht seine drei,, höchstens vier Becher trinkt, schlürft der östliche Glaubensbruder deren sechs bis zwölf, die er freilich nicht nur in den Morgenstunden zu sich nimmt, sondern aus den ganzen Tag verteilt, denn man kann diese Glaubensbrüder, und noch mehr diese Glaubensschwestern, zu jeder Stunde, auch mittags, nachmittags, selbst abends am Mühlbrunnen stehen, wandeln und, was eigentlich einem Verbrechen gleichkommt, auch sitzen sehen, unaufhörlich mit dem Genuß des gedeihlichen Trankes beschäftigt. Für den bescheideneren Kurgast beginnt das Vergnügen unmittelbar nach dem letzten Becher, denn es ist schon eine Lust, sein Frühstück einzukaufen. Jeder Bäcker, deren es auf der alten Wiese mehrere gibt, hat "seine Verehrer, 'die zugleich grimmige Gegner des anderen sind. Ich schwöre...zu Pittroff und habe joden Morgen eine FreWe, diese knusprigen, frischen, vielgestaltigen -und doch / immer gleich schmeckenden Gebäckstücke auszusuchen. In der Großstadt, in der es ja keinem einfällt, sich sein Frühstück selbst einzukausen, stürzt man, sobald man seine Toi? lette beendet, an den Frühstückstisch. Nicht so in Karlsbäld. Dort ist der ein Held, der sich selbst bezwingt, denn es gehört zu den Pflichten des guten Karlsbaders, nicht etwa in das leckere Gebäck hineinzubeißen und eilig das Frühstück einzunehmen, sondern vorher eine lange Promenade zu machen. Man geht stolz an dem früher für antisemitisch geltenden Gase Sanssouci vorbei, meidet den Posthof, trotz seiner Erinnerung an Goethe, an Friedrich Wilhelm III. und an andere gekrönte Häupter, passiert den Freundschaftssaal, wenn nicht etwa die dort aufgestellte Wage allwöchentlich ausgesucht wirdum ein trauriges oder fröhliches Resultat zu erlangen — entsprechend der Zahl der Kilos, die man mehr oder weniger wiegt— und endet nach einem wundervollen Waldweg im Kaiserpark.!: - Der Großstädter mag den Badegast für verrückt halten, der seinem Frühstück eine Stunde lang entgegenläuftnur der Karlsbader erkennt die Poesie, die in diesem Wandern liegt. Und wenn man am Ziel ist, dann beginnt das Hauptvergnügen. Vielleicht wird mancher etwas ungeduldig, wenn nicht gleich eine freundliche Hebe erscheint, aber hat der Stammgast nur ein paar Minuten Geduld, so steht alles vor ihm auf dem Tisch wie vor drei oder vier Jahren, und dasselbe freundliche'Mädchen, das uns vor Jahren bedient hat, bringt, ohne vorher zu fragen, das,, was man zu jener Zeit täglich bestellt-hat, nennt den Gast mit seinem Namen und erkundigt sich wohl nach' den Begleitern, mit denen man damals erschien. Und dann im Freien sitzen, im Schatten oder in der Sonne, je nachdemman es liebt, den Tee zu schlürfen, seine Zeitung zu lesen, seine Zigarre zu rauchen, Bekannte zu begrüßen — u-nbelästigt von Musik, ohne den widrigen Anblick befrackter Kellner, bis man sich nach einer Stunde erinnert, daß man schließlich nicht--nur des Frühstücks wegen nach Karlsbad gereist ist — das sind Zeiten des reinsten Behagens, die manfast nirgends so auskostet wie in Karlsbad. - ' ■ - Muß man baden, so gilt es auf denselben Wegen oder durch die herrlichen.. WMpromenäden'' 'die Badeanstalt, zu'gewinnen,

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