Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 77 (1913)
- Issue
- Heft 28 (11.7.1913)
- Date
- 1913-07-11
- Page
- Seite 328 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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nachdem Bulgarien auf die früher geforderte Kriegsentschädigung weise verzichtet hat, sich für neutral erklärt' hat. (Allerdings wird auch die letzte Nachvicht wiederum bestritten.) Auch das scheint für den Augenblick sicher, daß die europäischen Mächte, die es. an Mahnungen, selbst an Drohungen nicht fehlen ließen, auf eine Intervention verzichten und nur bestrebt sind,^den Krieg zu lokalisieren. Ob ihnen,, namentlich Oesterreich-Ungarn, das als Hauptvermittler genannt wird, gelingen wird, Rumänien noch im letzten Augenblick vor dem Losschlagen zurückzuhalten, ob dieses sich init den Zugeständnissen, die Bulgarien lange verweigert und nun, da es fast zu spät ist, gewährt hat, muß sich bald entscheiden. Jedenfalls ist dieser neue Krieg, der allerdings schon längst befürchtet wurde, furchtbar blutig, reich an Opfern, man kann an die Gegenwart nicht ohne Schaudern und an die Zukunft dieser ausgesogenen Länder^ dieser durch die monatelangen Greuel fast , entmenschten Horden nicht ohne Entsetzen denken. Die europäischen Länder, die nach dem mit der Türkei geschlossenen Frieden eine Aera der Ruhe gekommen wähnten, sind durch diese neue Kriegsperiode in die schwerste Beunruhigung versetzt: der Handel nach dem Osten stockt völlig, der nötige Export mancher Waren aus den Valkänländern droht auszubleiben; und wie leicht können , die blutigen Wirren dieser kleinen Staaten zu gefährlichen Auseinandersetzungen der Großmächte führen! .. So nst leider in der europäischen Politik von Ferienruhe nichts zu spüren; den politisch Denkenden sind keine stillen Sommermonate beschieden. ' # Dem Beilis-Prozeß widmetdie „Franks. Zeitung" folgende merkwürdige Aufklärung: Der amtliche Antisemitismus hat nicht-ohne Kampf seinen Sieg errungen. Auch in der russischen. Beamtenschaft regten« sich Widerstände, «die in der Anklagekammer einen dramatischen Höhepunkt erreichten, als zwei 'Richter, die berufensten, erklärten, gegen den Juden Beilis liege nicht einmal ein Verdachtsgrund vor. Vor wenigen Wochen noch hieß es ganz bestimmt, Beilis werde sreigelassen; man brachte mit diesen Gerüchten den Jnstizminister selbst in Verbindung, der als Jurist zweifelsohne einsieht, daß man mit dem Material der bisherigen Voruntersuchung, keinen Kriminalprozeß führen kann. Herr'Schtscheglowitow soll jetzt entschlossen sein, den Fall so rasch als möglich aus der Welt zu schaffen, „auch wenn'Beilis freigesprochen werden sollte". Daß uran es überhaupt soweit konnnen ließ, daß inan die Kiewer Justizpflege mit Schmutz befleckt hat und aus dem Unrat keinen Ausweg mehr-zu finden schien, hat seine Ursache nicht in Persönlichen Haßgefühlen des Justizministers. Es sind dabei Einflüsse tätig gewesen, die von den Kiewer Festlichkeiten im September 1911, bei denen der Zar «anwesend war und Stolhpin ermordet würde, ihren Ansgang nahmen. Beilis war damals schon verhaftet, die Erregung über den Knabenmopd «fieberte in der ganzen« Bevölkerung. Es war ganz Natürlich, daß sich die leitende Stelle des Reiches über den Fall erkundigte und eine rasche Erledigung forderte. Damals erklärte man ihr, der Mörder sei. gefunden, sei ein Jude. Nachher hat keiner den Mut gesunden/diese falsche Information dort, wo es nötig war, zu entkräften. Bon diesem Termin an begann der ununterbrochene Verkehr, der Kiewer Staatsanwaltschaft mit Petersburg, wo immer wieder persönlich neue Weisungen eingeholt.wurden, die -dann, in den skandalösen. Nebenhandlungen des Prozesses ihre unmittelbare Folge fanden. In Petersburg war aber mehr als der Jnstizminister der Oberprokurator des Synvds, Herr Sabler, dafür maßgebend, der den geschäftsmäßigen Fanatismus eines Großinquisitors mit der'Beschränktheit des' blöden Judenfressers verbindet. Der Einfluß des Herrn Gabler gilt als grenzenlos; ihm schreibt man es zu, daß He höchste Stelle nicht richtig informiert werden konnte. An , der Versammlung reaktionärer Größen in Petersburg, die die Entziehung des Bellis von seinen «natürlichen Richtern , und damit einen offenen .Rechtsbruch -befürwortete/ hat auch Herr Sabler tellgenommen. Eine Verwirklichung dieser Anregungen befürchtet «man hier nicht; auch ist man überzeugt, daß Kokowzow die übrigen Minister, so weit beeinflussen kann,'daß wenigstens der äußerlichste Anstand gewahrt und. eine gefährliche Judenhetze vermieden wird. Es hängt nur von der Polizei ab, ob während und nach dem Prozeß die hiesige jüdische Bevölkerung gefährdet wird. Weder Glaubensfanatismus noch Rassenhaß führen zum Pogrom, nur die gemeinste Habsucht eines verbrecherischen Pöbels, der seiner Straflosigkeit sicher ist. * Mit einigem Skeptizismus liest man die folgende Notiz „Ein Verein christlicher Freunde d^ps Zionism-u s" in der N. I. K.: Dieser Tage gründete sich in Berlin ein Verein mit Namen: „Christliche Freunde des Zionismus" mit Abteilungen in London und Haag. Der Verein stellt sich zur Ausgabe, die Idee des Zionismus und seine Bestrebungen zu unterstützen, die Regierungen zu veranlassen, den Zionismus zu fördern, und die zionistische Idee in der christlichen Welt zu verbreiten. An der «Spitze «des Vereins stehen angesehene Persönlichkeiten, und «wahrscheinlich wird der Verein unter dem Schutze der holländischen Königin stehen. - Es wäre säst bedauerlich, wenn die Königin von Holland so übel beraten wäre, daß sie wähnte, den Inden einen Dienst zu erweisen dadurch, daß sie den..Zionismus förderte. # Wir hatten bisher keine Veranlassung, des Breslauer Festspiels Gerhart H a u p t m a n n s zu gedenken, dessen letzte Aufführungen unterbleiben mußten, weil die Breslauer Stadtverwaltung fürchtete, durch das Weiterspiel die Protektion des Kronprinzen einzubüßen. Wir würden auch heute aus diese politisch-literarische Sache nicht «eingehen, wenn nicht unsere Gegner das Festspiel, mit' der Judensache verquickten. Die „Mittellungen aus dem Verein zur Abwehr des Antisemitismus" schreiben nämlich: In das Schimpst'onzert «haben sich nämlich, erst nur leise und. schüchtern anklingend, dann aber immer «stärker anschwellend, auch antisemitische Mißtöne eingeschlichen. Es war etwas voreilig, wenn Ulrich^Rauscher in der „Frankfurter Zeitung" schrieb: „Die Reaktion jubelt, und wenn eins ihre Freude trübt, so ist es das, daß Hauptmann kein Jude ist." In der Berliner Protestversammlung des „Schutzverbandes deutscher Schriftsteller" erklang bei der Rede.des ersten Referenten Dr. Eloesser scharf und schneidend der Zwischenruf eines seinem äußeren Eindrücke nach keineswegs den niederen, ungebildeten Ständen angehörenden Mannes: „Gerhart Hauptmann heißt ja gar nicht Hauptmann, sondern Levysohn." Es existiert kaum ein Organ der Rechten in der Reichshauptstadt, das nicht in seinem Stimmnngsbilde über die Versammlung, deren etwa 3000 Teilnehmer zum mindesten zu. 80 Prozent rassenreine Arier «waren, die antisemitische Note angeschlagen hätte. Die „Kreuzzeitung" zum Beispiel schreibt: „Da standen-sie nun, die „Berufenen", unverkennbar und zum Teil ihrem Ritus gemäß mit dem Hut auf dem Kops. Ein einziger Blick genügte, nur inne zu werden, von wein, das deutsche Volk den Begriff von deutscher Ehre und «deutscher Freiheit, von deutscher Kunst und deutschem Geist zu encpfangen hat.. Als ein Zwischenruf gegen den Schchel. dieser Freiheitskämpfer von 1913 zu löken schien, da erhoben sie — o heilige Inbrunst stillen und gewaltigen Tatendranges der Väter von 1813, die nicht die ihren waren — ihr Wehgeschrei, die Arme fuchtelten in der Luft herum, als hätte ein fürchterlicher Börsensturz alle ihre Hoffnungen zerstört." Die „Deutsche Tageszeitung" witzelt über den „ritualen Rhythmus", mit dem das tausendfache Pfui auf «den obenerwähnten Zwischenruf ausgebracht wurde, und ist ganz stolz daraus, daß sie schon vorher „Artung und Aussehen des Publikums", das zu dieser Protestversammlung erscheinen würde, richtig gekennzeichnet habe. Das Organ des Wotananbeters Dr. Friedrich Lange, die '„Deutsche Ztg.", fällt über «die Unberufenen her, die «die Dreistigkeit besessen haben, «diese Protestversammlung einzuberufen: ' „Uns erscheinen diejenigen als „unberufen", «die ihrer Nationalität und Rasse nach gar nicht in der Lage sind, deutsch zu fühlen, aber doch das große Wort in Deutschland führen und leider bei der allgemeinen Urteilslosigkeit eine erschreckend große Menge von Mitläufern finden." ,Das Organ des „vornehmen" Antisemitismus, die „Tägl. Rundschau",'macht zu einem kleinen gereimten Gruß Oskar Blumenthals an Gerhart Hauptmann «die „witzige" und vornehme Bemerkung: