Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 77 (1913)
- Issue
- Heft 28 (11.7.1913)
- Date
- 1913-07-11
- Page
- Seite 327 (sequence 3)
- Language
- German
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Gymnasiasten «während ihrer Schuljahre die Studien haben unterbrechen müssen, unter dom Vorwände, daß rumänische Schüler das Vorrecht auf ihre-Plätze hätten. Die jüdischen Gemeinden sind deshalb gezwungen worden, m «einigen Stäidten — Jassy, Verlad und Brall-a — jüdische Gymnasien zu begründen, in «denen der Unterricht von rumänischen Lehrern erteilt wird. Das Ausnahmeprinzip bleibt auch für die technischen und Handwerksschulen in Uebung. Die Statuten der Handwerksschule in Jassy schreiben vor, daß ihre Schüler der rumänischen Nationalität angehören müssen. Im Jahre 1912 ist eine Schule für Seidenkultur begründet worden, auch hier werden nur die Kinder von Rumänen aufgenominen. Beim höheren Unterricht geht es ebenso. Dem medizinischen Studium der Juden zum Beispiel werden alle möglichen Hindernisse in den Weg gelegt. Ein neuer Gesetzentwurf schlügt vor, daß rumänische Studenten die Erfüllung ihrer Militärpflicht bis zum 29. Lebensjahr aufschieben dürfen, ohne für diesen Aufschub eine Steuer zahlen zu müssen; den jüdischen Studenten ist dieses Vorrecht versagt. Die Krankenhäuser Spiridon enthalten in ihren im Februar 1912 aufgestellten Statuten, Artikel 10, folgende Stelle über das Externat und Internat der Kandidaten der Medizin: „Die „Fremden" sind zum Externat und Internat zugelassen. Sie werden immer besonders registriert und können sich einen Posten erst dann aussuchen, wenn alle rumänischen Kandidaten sich ihre Posten bereits ausgewählt haben. In keinem Fall haben die „fremden" Internen und Externen Anspruch auf irgendeine Bezahlung." Auch die Juden jenes Teiles der Dobrudscha, der 1878 von der Türkei an Rumänien abgetreten worden ist, waren bis vor kurzem, wie die anderen Juden in Rumänien, vom Genuß der politischen Rechte ausgeschlossen, obgleich einer der Artikel des Gesetzes über die Zession dieses Gebietes festsetzt, daß alle dortigen Einwohner, die bis znm 11. April 1877 türkische Untertanen gewesen sind, ipso facto rumänische Bürger werden. Erst seit dem vorigen Jahre -genießen von den 836 in der Dobrudscha lebenden jüdischen Familien ungefähr 400 die politischen Rechte. Dabei darf aber nicht vergessen werden, daß die nach dem Jahre 1877 in die Dobrudscha gezogenen Inden ebenso außerhalb des Gesetzes stehen wie die übrigen seit Jahrhunderten in Rumänien ansässigen 250 000 Juden. . Die durch den Balkankonflikt veranlaßten diplomatischen Verhandlungen, besonders aber die Möglichkeit der Abtretung bulgarischen Besitzes an Rumänien, haben die seit vierzig Jahren schwebende Frage über die Lage der rumänischen Juden wieder aktuell gemacht. Die Frage der Annexion bulgarischen Territoriums durch Rumänien hat die Israeliten Bulgariens lebhaft beschäftigt. Sie befürchteten, daß .diejenigen Glaubensgenossen, die in rumänische Abhängigkeit übergehen, gleich den rumänischen Israeliten in ihrem neuen Vaterland geächtet sein werden." Der Bericht teilt den Wortlaut des Memorandums mit, das das israelitische Zentralkonsistorium von Bulgarien in dieser Angelegenheit dem Ministerrat in Sofia überreicht hat, sowie den Aufruf Luigi Luzzattis im „Corriere della Sera" und noch verschiedene andere diese Frage behandelnde Auslassungen, die für die Beurteilung der Judenfrage in Rumänien von eminenter Bedeutung sind, von deren Wiedergabe aber wir aus Mangel an Raum absehen müssen. Die ferneren Kapitel behandeln die Lage der Juden im Orient, in Marokko und in Persien und gewähren uns einen Einblick in die weitverzweigte segensreiche Tätigkeit der Alliance, über deren Schulen und Lehrlingswerke, die als Kulturwerte ersten Ranges bezeichnet zu werden verdienen, wir nach dem Bericht zum Schluß noch folgendes mitteilen: Dos Schuljahr 1912/13 hat unter den günstigsten Vorzeichen begonnen. Die Schülerzahl war höher als je, neue Schulen waren, besonders in der europäischen Türkei, im Aufbau begriffen — als im Oktober 1912 der Krieg zwischen den Balkanverbündeten und dem Ottomanischen Reich ausbrach. Die Alliance besitzt — außer den Schulen von Konstantinopel — nicht weniger als 30 Schulen in dem Gebiet, auf dem die Feindseligkeiten zum Austrag kommen sollten; fast alle haben unter den traurigen Ereignissen zu leiden gehabt, die die ganze Halbinsel mit Trauer und Trümmern erfüllt haben. Unsere Schulhäuser waren abwechselnd von Truppen besetzt und in Hospitäler umgewandelt, jedenfalls waren sie während der letzten fünf Monate fortwährend an den Unbilden des Krieges beteiligt. Daß in dieser trostlosen Zeit, in der ewigen Ungewißheit des nächsten Tages, wo die patriotischen Sorgen mit dem materiellen Elend Hand in Hand gingen, nicht viel von ernsthaftem Unterricht die Rede sein konnte, ist nur selbstverständlich. Bei diesen furchtbaren Zuständen gingen den Schulen sehr bald die Zuschüsse der Gemeinden und das Schulgeld der einzelnen Schüler verloren; hieraus entstand wiederum die Unmöglichkeit, «den eingeborenen Rabbinern, Lehrern und Hilfslehrern ihr Gehalt zu zahlen usw. Von Beginn des Krieges an ist das Zentralkomitee von jedem Verkehr mit den meisten seiner im Kriegsgebiete liegenden Schulen abgeschnitten gewesen. Sobald die okkupierten Landestei'le wieder zugänglich wurden, hat die Alliance an alle betroffenen Gemeinden beträchtliche Geldmittel geschickt, die vor allem zum Unterhalt der Schulen verwendet werden sollten. Dank dieser Beihilfe haben die Schulanstalten bald wieder eröffnet werden können, die Kinder erschienen wieder zum Unterricht und die Arbeit nahm ihren Fortgang. Während diese Zeilen geschrieben werden, ist nur noch die Schule von Kirkilisse als einzige der Allianceschulen nicht wieder in Betrieb, weil fast die gesamte Bevölkerung sich schon kurz nach dem 'Ausbruch des Krieges nach Adrianopel geflüchtet hatte und dort fünf Monate lang eingeschlossen gewesen war. Die Zahl der Allianceschulen beträgt zurzeit 170, gegen 60 im Jahre 1885, 70 im Jahre 1895 und 130 im Jahre 1905,. Die Schülerzahl ist in demselben Verhältnis gewachsen und weist gegenwärtig die stattliche Ziffer von 46 000 Kindern auf. Die Zunahme der Schülerzahl ist nicht einzig auf die Begründung neuer Schulen zurückzuführen, sondern auch auf die regelmäßige Entwicklung der bereits bestehenden. Die günstigsten Ergebnisse des Unterrichts haben die Eltern, die früher durch religiöse oder andere Bedenken den Schulen ferngeblieben waren, endlich zu einem richtigen Verständnis des wahren Interesses ihrer Kinder und zur Würdigung des moralischen Werts des Allianceunterrichts geführt. Den Schluß des Bulletins bildet nach ausführlichen Mitteilungen über die Ackerbauschulen in Jaffa und Djedeida der Kassenbericht, der gegenüber 1625 383.54 Frank Einnahmen 1 661844.09 Frank Ausgaben ausweist, also mit einem Defizit von 36 460.55 Frank abschließt. Mögen der Alliance und ihren kulturellen Bestrebungen überall, wo Juden ein Gemeinwesen bilden, zahlreiche neue Freunde und Förderer erstehen. A. K. Sit Mochr. Berlin, 8. Juli 1913. ie wilde Kriegsfurie ist wieder auf d e m B a l k a n entfacht. Diesmal handelt es sich um keine idealen Dinge, weder um politische noch um religiöse Interessen, sondern einfach um Machtfragen oder,'nackt herausgesagt, um Ländergier und Beutesucht. Jeder der kleinen Staaten will ein möglichst großes Stück des der Türkei abgenommenen Gebiets für sich erringen. Ohne Kriegserklärung sind die Bulgaren über die Serben hergefallen; in Verbindung mit den letzteren stehen die Griechen, die bereits das Waffenglück erprobt haben. Was das Ende dieses blutigen Ringens der krieg- und sieggewohnten, erbitterten und verwilderten Scharen sein wird, vermag kein Mensch zu sagen; für den Augenblick läßt sich auch schwer entscheiden, wie die Sachen stehen. Die Serben und Griechen schreiben sich bedeutende Siege zu; von den Bulgaren wird Umzingelung und Vernichtung eines serbischen Korps gemeldet. Eine Entscheidungsschlacht wird erwartet. Wirklich sicher sind nur zwei Tatsachen: die eine, daß Rumänien, das sich bisher Üug zurückgehalten und seine Kräfte geschont hat, mobilisiert, daß das ganze Volk von Kriegsbegeisterung erfüllt ist und binnen wenigen Tagen eine Armee von 400 000 Mann ins Feld schicken kann, die andere, daß die T ü r k e i,