Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 77 (1913)
- Issue
- Heft 27 (4.7.1913)
- Date
- 1913-07-04
- Page
- Seite 324 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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324 Berlin, 22. Juni 1913. Sehr geehrte Redaktion! In Nr. 25 Ihrer geschätzten Zeitung geben Sie die Rede des Herrn Justizrat H. Veit Simon aus der Repräsentantensitzung vom 18. Mai mit dem redaktionellen Begleitwort wieder, daß Jyr früherer Bericht der „b ed e u t s am e n R ed e" nicht gerecht geworden sei. Wenn ich daraufhin Ihren Sitzungsbericht in Nr. 21 noch einmal durchlese, so muß ich bemerken, daß er der Rede des Professors Kalischer und der meinigen noch viel weniger gerecht geworden ist. Inzwischen ist im Gemeindeblatt ein ausführlicher Bericht über die ganze Sitzung erschienen. Ich finde in der Simonschen Rede nur einen einzigen organisatorischen Gedanken, und zwar in den Worten: „Ich denke mir daher persönlich die Sache so, daß die ganze Gemeinde in örtliche Bezirke von etwa 200 Seelen eingeteilt, wird, für jeden Bezirk wird ein V e z i r k s v o,r st e h e r eingesetzt." Wer dies unbefangen liest, wird annehmen, daß es sich um eine eigene Idee des Herrn Simon handelt. Dies ist aber nicht der Fall. In der Sitzung der gemischten Deputation vom 2 8. November 1912 ist der Passus protokolliert: „Herr Dr. Minden erklärt sich durch diese Ausführungen befriedigt, müßte aber die Frage auswersen, ob es wirklich erforderlich ist, für alle diese Arbeiten Kollegien zu bilden, oder ob es nicht zweckmäßig sei, damit Einzelpersonen zu betrauen." In einer Konferenz vom 16. Dezember 1912, welcher Herr Simon und ich beiwohnten, wurde jenes Protokoll verlesen, und Herr Simon erklärte daraufhin und unter Bezugnahme aus meinen Vorschlag, daß ihm Einzel-Bezirksvorsteher sympathischer seien als die Bezirkskommissionen, gegen welche er sich ja auch in seiner letzten Rede erklärt hat. Ich hätte auf die Priorität des Gedankens kein Gewicht gelegt, wenn sich nicht die Simonsche Rede in der öffentlichen Sitzung direkt gegen meine Verteidigung des Ausschußantrages gerichtet Hütte. Was nun das Formale anbetrifst, so wünscht der Ausschuß III eine neue Vorlage des Vorstandes über die Dezentralisation, Herr Veit Simon wollte die auch von ihm nicht angenommenen Vorstandsvorschläge noch einmal an den Ausschuß III oder eine gemischte Deputation verweisen. Die Gründe für meine und meiner Freunde Abstimmung, die uns unter den obwaltenden Umstünden richtiger erschien, mögen im Gemeindeblatt nachgelesen werden. Mit vorzüglicher Hochachtung Dr. Georg Mi n d e n. * Herr Oberlehrer Dr. Carlebach teilt uns mit, daß die Behauptung, Herr Dr. Wohlgemuth habe durch ihn seinen Gegner verspötteln lassen, völlig unrichtig ist; sein Artikel sei lediglich eigener Initiative entsprungen. * Herr Redakteur! Wenn Napoleon I. wirklich die Aenßerungen über die Juden gemacht haben sollte, die ihm OMeara in dem von Herrn Plotke zitierte Werke (Seite 239 bis 240 dieser Zeitung) zuschreibt, so hat er sich getäuscht oder die Welt täuschen wollen. Napoleon hat doch unmöglich einen Anspruch darauf, zu sagen, daß er den Juden bürgerliche Gleichberechtigung gegeben. Das Gesetz, welches den Juden die völlige Gleichberechtigung gab, wurde am 21. September 1791 erlassen und von Ludwig XVI. unterschrieben. (Graetz, Gesch. XI, 221). Allerdings hatte der König gehofft, diese Maßregel würde, wie fein geheimer Ratgeber Mirabeau prophezeite, das Jakobiner Regiment unpopulär machen und die königliche Macht wieder aufrichten. (Correspondance entrc le comte de Miraibeau et le comte de la Marek etc., II, 374—377; Oncken: Zeitalter der Revolution, I, 340). Die arme Marie Antoinette, in dem Hasse gegen die Juden von ihrer Mutter Maria Theresia erzogen, war bei aller Erbitterung froh, denn sie war überzeugt, daß nun die Kammer das Maß der Bosheit erschöpft habe und Gottes Strafe nicht lange auf sich warten lassen werde. (Allg. Ztg. des Judent., 1864, 699). Auf alle Fälle war die Emanzipation der Juden schon vollzogen, als Napoleon noch Oberlieutenant und korsischer Patriot war. Der historische Napoleon hat nicht nur nicht den Juden Gleichberechtigung gegeben, sondern sie ihnen zum Teil entzogen. Der Versammlung jüdischer Notabeln f)at er die beleidigende Frage - vorgelegt, ob sie die Franzosen als Mitmenschen betrachten, und als die Notabelnversammlung (1806) und das auf sie folgende operettenhaste Sanhedrin (1807) diese und ähnliche beleidigende Fragen mit vielem Raketenpatriotismus bejaht hatten, erließ Napoleon das Dekret vom 17. März 1808, welches die Geschäftstätigkeit der elsaß-lothringischen Juden einer empfindlichen Beschränkung und polizeilichen Ueberwachung unterzog, und das erst unter der bourbomschen Reaktion nach zehn Jahren aufgehoben wurde. Wenn also Napoleon tatsächlich behauptet hat, er habe den Juden die bürgerliche Gleichberechtigung verliehen, so hat er eine Unwahrheit behauptet. Viel wahrscheinlicher ist es jedoch, daß diese Behauptung ihm von einem schönsärberischen Biographen in den Mund gelegt wurde, gerade so, .wie seinerzeit angebliche Tagebuchblätter der Kaiserin Augusta von ihrem freundschaftlichen Verkehr mit Leopold Zunz erzählten. Diese Geschichte, zuerst in dieser Zeitung (1893, Seite 110—111) als unwahr dargetan, kehrt immer wieder und ist erst am 21. Mai 1913 in dem New Dorker Jargonblatt „Jewish Morning Journal“ einem weiten Kreise von Lesern mitgeteilt worden. Ebenso hat der gegenwärtige Mayor von New L)ork bei der landesüblichen Honigkuchenverteilung in einer Rede, die er vor einem jüdischen Orden hielt, von der Judensreundschaft aller großen Staatsmänner gesprochen und Friedrich den Großen und Napoleon als Beispiele zitiert. Cincinnati, Ende Mai 1913. Ergebenst o t t h a r d Deutsch. * Das Antizionistische Komitee hat eine vorzüglich geschriebene Broschüre erscheinen lassen. Die „Jüdische Rundschau" vermutete in mir den Verfasser und rempelte mich mit den üblichen beleidigenden Schimpfereien an, über die ich natürliä) kein Wort verlieren will. Da sehr viele meiner Freunde daraufhin gleichfalls mich für den Verfasser hielten und ich zahlreiche Glückwünsche erhielt, habe ich, um nicht weiterhin fremde Lorbeeren einzuheimsen, folgenden höflichen Brief an die Redaktion der „Jüdischen Rundschau" gerichtet: Oppeln, den 8. Juni 1913. An die Redaktion der „Jüdischen Rundschau" zu Berlin. Sehr geehrter Herr Redakteur! Hierdurch bitte ich höflichst um Ausnahme der folgenden Berichtigung: Der Leitartikel der Nummer 23 der „Jüdischen Rundschau" vom 6. Juni 1913 („Aussprechen, was ist") sucht den Anschein zu erwecken, als ob ich der Verfasser der jüngst erschienenen Broschüre des antizionistischen Komitees sei; besonders klar geht diese Absicht aus den nicht mißzuverstehenden Worten der Spalte 2, Zeile 42 ff. und der Spalte 4, Zeile 30 ff. hervor. Ohne mich— was ich ganz besonders betone, irgendwie in einen Widerspruch zu den Anschauungen, Schlüssen und Forderungen dieser Veröffentlichung setzen zu wollen, stelle ich den Behauptungen des Herrn Witkowsky gegenüber hiermit die bloße Tatsache fest, daß ich w eder der Verfasser der Broschüre bin, noch daß ich in irgendeiner s o n st i g e n direkten oder indirekten Beziehung zu ihr steh e. Mit der ergebenen Bitte, meinen Brief in der nächsten Nummer Ihrer Zeitung ungeklsrzt zu veröffentlichen, bin ich ' Hochachtungsvoll G o l d in a n n^ Rabbiner. Die Ver ö f f e n t li ch u n g dieses Briefes hat die „I ü - d i s ch e Run d sch au" a b g e l e h n t!! Sie hat lediglich in einer dem Gesetz durchaus nicht entsprechenden Form folgende Richtigstellung gebracht: „Herr Dr. Felix Goldmann (Oppeln) teilt uns unter Bezugnahme aus den Leitartikel unserer vorwöchigen Nummer mit, daß er weder der Verfasser der dort besprochenen antizionistischen Broschüre sei noch in irgendeiner sonstigen direkten oder indirekten Beziehung zu ihr stehe." Diese von der Redaktion gewählte Form ist, wie mir verschiedene Zuschriften bestätigen, d u r chau s geeignet, die Absicht m einer Berichtigung in das Gegenteil zu verkehren. S i e e r w eck t d e n A n s ch e i n, a l s o b i ch v o n d e r B r o s ch ü r e und ihrem Verfasser abrücken und eine mißbilligende oder abweichende Ansicht zum Ausdruck bringen wollte. Ich sehe mich daher durch dieses wenig loyale Verhalten der „Jüdischen Rundschau" gezwungen, an dieser Stelle den wahren Sachverhalt mitzuteilen. Dr. Felix G o l d m a n n, Rabbiner.