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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1913-07-04 · Heft 27 (4.7.1913) · p. Seite 323

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
77 (1913)
Issue
Heft 27 (4.7.1913)
Date
1913-07-04
Page
Seite 323 (sequence 11)
Language
German
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zögernd die Hand. Der Doktor hatte inzwischen den Pelz abgeworfen, sein großes Taschentuch hervorgezogen und reichte, anscheinend ohne die nachträglich entgegengestreckte Hand des Freiherrn ■ zu bemerken, dem .Apotheker ein paar - Rezepte hinüber. .; „Schnell, Karlchen, schnell, der Fall ist dringlich." / „Was gibts denn?" riesen ein paar Stimmen zugleich^ während der Apotheker ausstand. „Nichts, als daß ich gleich wieder nach Obertiefenbach, fahren muß." ' „Bei diesem Schneetreiben? Unter zwei Stunden kommst du ja gar nicht hin, Simon", rief der Apotheker, sich seinen Mantel umnehmend. „Was machte, Karlchen?" sagte der Doktor gleichmütig; „du bist ja auch Tag und Nacht fast ununterbrochen an der Arbeit; denn auf den Kunze, deinen genialen Lehrling, ist ja noch nicht'viel Verlaß." — „Leider wahr", sagte der Apotheker und eilte hinaus. Der Doktor nahm den leer gewordenen Stuhl ein und bestellte sich einen Grog. „Aber recht heiß, Fritz, und nicht so schwächlich wie gestern." Auch die anderen hatten wieder Platz genommen; nur der Pastor und der Kreisrichter unterhielten sich leise in'einer Ecke des Zimmers. Ein allgemeines Gespräch wollte nicht mehr auskommen; der Hauptlehrer bot zuerst gute Nacht; das Signal zum allgemeinen Aufbruch schien gegeben. Da ertönte helles Schellengeläute. Ein Schlitten hielt vor dem Gasthaus, an dessen Tor lebhaft gepocht wurde. Bald darauf trat der Gastwirt Müller ins Zimmer. „Ich darf es sozusagen als ein Glück bezeichnen, daß die Herren noch beisammen sind. Der Schlitten kommt aus der Papierfabrik in Niedertiefenbach, um die Herren vom Gericht und den Herrn Doktor.abzuholen; der alte Goldenstem, meint der Kutscher, liegt sozusagen in den letzten Zügen." (Forts, folgt Literarische Mitteilungen- — Die jüdische Gemeinschaft. Reden und Aufsätze über zeitgenössische Fragen des jüdischen Volkes. Herausgegeben von Dr. Ahron Eliasberg. Das jüdische Volkslied von S. Kisselhoff. Jüdischer Verlag. Eine interessante kleine Studie, die sich sehr zu ihrem Vorteile von den bisher erschienenen zwei Heften der Sammlung unterscheidet. Sie ist freilich sehr kurz und gewiß nicht vollständig; auch die Proben sind derart, daß man teils andere, teils mehr gewünscht hätte. Die Einteilung, die der Verfasser gibt: Religiös-mystisches Lied, Wiegenlieder, Kinderlieber, Liebeslieder, Hochzeits-, Soldaten-, humoristische und Sittenlieder, chassidische Lieder, nennt der Verfasser selbst etwas künstlich. Man wird dies ohne weiteres zugeben und namentlich eine Zusammenstellung, die als besondere Abteilung aufgeführt wird, „Verschiedene Lieder" sagt eben gar nichts. Aus den einzelnen Bemerkungen sei nur die hervorgehoben: „Liebeslieder sind ein Erzeugnis der Schaffenslust aus jüngster Zeit; bis zur zweiten. Hälfte des vorigen Jahrhunderts galt die Liebe für sündhaft und deshalb als unzulässig." Ferner ist darauf hinzuweisen, daß der Verfasser selbst bemerkt, daß für die Erforschung der Lieder, namentlich'der Hochzeits- und der chasiidischen Lieder noch' sehr viel zu tun sei. Diesem Satze möchte man hinzusügen, daß die Aufmerksamkeit der Forscher besonders auf die Sprache der Lieder zu richten wäre, die viel gründlicher zu untersuchen wäre, als bisher geschehen ist. Ferner müßte bei Text und Musik der Zusammenhang mit den Liedern anderer Nationen, unter denen sie entstanden sind, geprüft und dargelegt werden. L. G. SxrechsWl. Sehr geehrter Herr! Die Nr. 23 Ihres geschätzten Blattes bringt in der Beilage des „Gemeindeboten" die Kritik einer Predigt, die Herr Rabbiner Dr. Petuchowsky in der Alten Synagoge gehalten hat. Dieselbe enthält so viel Unrichtigkeiten, aus denen wiederum so ungeheuerliche Schlußfolgerungen gezogen sind, daß diese nicht unwidersprochen bleiben können. Herr Dr. Petuchowsky hat in dieser Predigt das getan, was der Schreiber der Notiz selbst verlangt; er hat seine Gemeinde, die der . konservativen Richtung ängehört, belehrt und für feine Belehrungen den Text der Heiligen Schrift herangezogen und aus Vergangenheit und Gegenwart angewendet. Herr Dr. Petuchowsky hat in dieser ' Pr.edigt. keines seiner Gemeindemitglieder „herabgewürdigt" oder gar „verspottet", auch nicht diejenigen,, die, entgegen der konservativen , Richtung der. versammelten. Gemeinde, Reformideen huldigen. Er hat auch nicht deren Ueberzeugung als „ n i ch t j ü d i s ch " bezeichnet-, ebensowenig hat er von einer „neuen Religion", sondern nur von einem neuen Judentum gesprochen; auch hat er nicht diejenigen „Abtrünnige" genannt, die daran gehen, ohne dazu berechtigt zu sein, unsere überlieferte Thora umzumodeln bzw. für unverbindlich, zu erklären, was fie' uns offenbart. Herr Dr. Petuchowsky hat Israels Ausgabe verglichen mit dem aus dem Text herangezogenen Dienst der Leviten, nach welchem dieselben dicht um das Stistszelt lagern müßten, um dieses und die heilige Lade zu schützen vor Angriffen von außen und sie unversehrt weiter zu tragen bei der Wandecung durch die Wüste. Das Wort der Schrift „Hasor hakorew jumos", der Fremde, der sich nähert (zu diesem heiligen Dienste), der soll des Todes sein, legte Herr Dr. Petuchowsky in seiner milden Form aus, daß derjenige, der als Unberufener glaubt, mit fremden, von außen heraugeholten Dingen den heiligen Dienst verrichten zu können oder mit frevelhaftem Sinn zu zerstören sucht, dem Judentum schon abgestorben sei. Tausendfach.hat die Geschichte diese Ansicht bestätigt. Ich halte es hierdurch für,; meine Pflicht, die gegen Herrn Dr. Petuchowsky erhobenen Beschuldigungen, die darin gipfeln, daß seine Predigt dem Judentum nicht zur Ehre und der Gemeinde nicht zum Segen gereiche, aus das energischste Zurückweisen, in dem ich mich eins weiß mit der gesamten am Sabbat-Bamidbor versammelten Gemeinde der Alten Synagoge, ausgenommen dem Schreiber der obigen Notiz. Hochachtungsvoll Eli Lazarus, Mitglied des Vorstandes der Alten Synagoge. Erwiderung unseres Berichterstatters. Aus die Ausführungen des Herrn Eli L a z a r u s'näher einzugehen, habe ich keine Veranlassung: sie find eher eine Bestätigung als eine Widerlegung meines Berichtes. Nur bestreite ich, daß die Besucher der „Alten Synagoge" eine ausschließlich der konservativen : Richtung angehörende Gemeinde bilden, und daß ich an jenem Sabbat der einzige war, der aus der Predigt des Herrn Rabbiner Dr. P e t u ch o w s k y eine Verurteilung und Beleidigung des liberalen Judentums herausgehört hatte. — Herr Eli Lazarus beruft sich in seiner Verteidigung der von mir scharf kritisierten Predigt auf die Geschichte! Das ist sein gutes Recht, aber für den hier erörterten Gegenstand irrelevant. Ich lehne es daher ab, ihm auf dieses Gebiet zu folgen. *„*■ Die Diskussion über diese Angelegenheit ist für uns hiermit geschlossen. - Die Redaktion. /. * An die Redaktion der „Allgemeinen Zeitung des Judentums", Berlin. . Das Nabbinat der Kölner Synagogengemeinde hat an den neuere Erzbischof von Köln, Dr. Felix -v. Hartmann, ein Begrüßungs- und Glückwunschschreiben zum Antritt des hohen Kirchenamts gerichtet und dabei auch das friedliche Verhältnis der Vorgänger des neuen Erzbischofs und. der Juden in der Diözese besonders hervorgehoben. Auf dieses Schreiben hat derselbe folgende Antwort gegeben: Köln, 20. Juni 1913. Einem verehrlichem Rabbinat der Kölner Synagogengemeinde beehre ich mich für das liebenswürdige Schreiben vom 17. d. M. meinen verbindlichsten Dank auszusprechen. Es wird stets mein Bestreben sein, soviel an mir liegt,, dafür Sorge zu tragen, daß das - friedliche Zusammenleben der Staatsbürger in meiner Diözese durch religiöse Streitigkeiten nicht'gestört werde. Es gereicht mir zu nicht geringer-Freude, aus -Ihrem ge-' fälligen Schreiben zu entnehmen, daß Sie sich mit mir in dieseru Streben begegnen. Felix v. H a r t m a u n, - Erzbischof von Köln. .

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