Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1913-07-04 · Heft 27 (4.7.1913) · p. Seite 322

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
77 (1913)
Issue
Heft 27 (4.7.1913)
Date
1913-07-04
Page
Seite 322 (sequence 10)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
93% known words query
IRI
…/3224737-3229069-3229097--69578-3281887
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

Und der Gegentoast ließ auch nicht lange auf sich warten. Der Herr Kreisrichter hatte sich schon erhoben. Er war von mittlerer Statur; im Sitzen war er. eher etwas .größer, erschienen.-Die wohlgepflegten" Finger, glitten durch das . blonde Schnurrbärtchen, dessen Spitzen sorgfälig. aüsgezogen. waren; dann ließ er mit gewandter Bewegung des' Lides das Mo-, nokel herabsinken,.und die feurigen Augen aus den Pastor., heftend, begann er mit wohllautender Stimme, die nur ein ganz klein wenig an den Exerzierplatz und das Ossizierskasinv erinnerte: - - ' „Sehr verehrter Herr Pastor! Wertgeschätzte Herren! Lassens Sie mich Ihnen für den freundlichen Willkomm, den'Sie mir entboten, von Herzen danken. Der Herr Vorredner hat mit Recht der' Vorzüge Ihres! nein, unseres Mondenstein gedacht. In der Tat, der Eindruck, den ich empfing, als ich mit meinem Chef, unserem allverehrten Herrn Gerichtsdirektor Henke, dessen schnelle Abreise ich lebhaft bedauere, zur Einführung in mein neues Amt heut vormittag hier eintraf, als die Wintersonne die schneeigen Gipfel des Gebirges und die Zinnen der Ruine Mondenstein erglänzen machte, in der Tat, dieser Eindruck übertraf alle meine Erwartungen, und diese waren nicht gerade gering. Als ich mich um die erledigte Stelle des Einzelrichters gerade in diesem kleinen Orte bewarb, geschah es hauptsächlich aus zwei Gründen: einerseits um der gerühmten landschaftlichen Schönheit der Gegend willen; denn ich liebe die Natur, wenn auch nicht über alles, so doch über vieles; anderseits, weil ich erfahren, daß mein verstorbener Herr Amtsvorgänger Rauher trotz seiner vorzüglichen und auch von oben anerkannten Qualifikation ein volles Menschenalter hier zugebracht und sich ungeachtet mancher an ihn ergangenen Ansrage um keine der sogenannten besseren Stellen in größeren Orten und an höheren Gerichten beworben hat. Daraus glaubte ich schließen zu sollen, daß es hier gut weilen und gut wirken, daß hier der Einzelrichter auch nicht vom Verkehr abgeschnitten ist, nein, daß er sich des Umgangs und des förderlichen Gedankenaustausches mit gebildeten, braven und zuverlässigen Mitbürgern zu erfreuen haben müsse. Und ich sehe, ich habe mich auch darin nicht getäuscht. Habe ich doch gleich am ersten Abend hier ein Dutzend wackerer Männer gefunden, zusammengefügt nach deutschem Brauch zum wohlverbundenen Verein. Sie haben diese Genossenschaft, was mir besonders wohl gefällt, -mit keinem undeutschen Namen verunziert; Sie haben sich frei erhalten von der Derwelschung einer Ressource oder eines Kasinos, frei erhalten von der Anglomame eines Klubs. . Sie sind deutsch, wie es deutschen Männern geziemt." „Sehr gut, sehr gut", rief der Hauptlehrer Fischer, der ein überzeugter Anhänger der vollen Sprachreinheit war. „In ihrem Verein habe ich," fuhr der Redner mit Wärme fort, „auch .eine Anzahl werter Kameraden gefunden, die aus. der tapferen Brust die Denkmünze des großen Krieges tragen, in dem uns Kaiser und Reich vor acht Jahren mit Blut und Eisen -erkämpft wurde; bin ich doch mit gleichem. Stolz Offizier der Reserve, wie Jurist und Beamter! Und an der Spitze dieser Genossenschaft sehe ich den würdigen Greis, den frommen Diener Gottes, ein herrliches Haupt eines deutschen Vereins; denn ohne Glaube, ohne Christentum, wohin steuerten wir? Ja, meine Herren, lassen Sie mich gleich bei meinem ersten Eintritt in Ihren Kreis es laüt bekennen, ich fühle mich mit höchstem Dank zu Gott , als Christ, als deutscher Christ; ja noch mehr, in vino veritas, ich huldige der neuen Berliner Bewegung, ich bin — das Wort ängstigt mich nicht, sondern erhebt mich — ich bin aus tiefstem Grunde meiner Seele Antisemit. Doch mißverstehen Sie mich nicht! In meinem Amte gibts selbstverständlich für mich weder Juden noch Christen, da kenne ich nur Kläger und Verklagte, oder, falls es not tut, Angeschuldigte; neben. Schwert und Wage, auf die unser Herr Vorsitzender so trefflich heute! schon hingewiesen,. trägt Themis unerläßlich auch die Binde. Ein Preußischer Richter kennt'im Amte kein Ansehen der Person; das ist ein- - fach Pflicht und Schuldigkeit.. .Aber im geselligen Kreise, da, - kann ich nun eminas den Arempling, den Undeutschen, den ... j Parasiten, den MchtchEM --picht wertragen; bei, -der. Ein- .wohnermischüng -dieser. Madb fürchte ich fast,-ihn, auch in dieser Gesellschaft anzutreffep...Gottlob, demward,,;.wie ein Rundblick in diesem Kreise mich lehrt,, nicht also; es würde - mich auch die schwerste Ueberwindung kosten, dem Semiten gesellschaftlich nur die, Hand zu reichen, geschweige mit ihm zu verkehren. Und so begrüße ich es als ein besonderes Glück, in diesem Verein mich unter lauter Deutschen und christlichen Männern zu wissen, fern jenen zweifelhaften Herren der Börse, mag es nun die Effektenbörse oder die alte Kleiderbörse sein; fern allen Ausbeutern und Wucherern, fern jenen unerquicklichen Gesellen, denen in Staat und Gesellschaft nichts heilig ist als der'eigene Geldbeutel, fern-jenem zersetzenden Geist, der durch Wort und Schrift das gefährlichste Gift in die geheiligten, Stätten der christlichen Familie hinointrägr, fern, mit einem Worte, den Juden. Und in diesem Sinne weihe ich dem..christlich-germanischen Dienstagsverein der Stadt Mondenstein rmd. seinem ehrwürdigen Vorsitzenden, Herrn Pastor Liebig, dieses volle Glas. Er lebe hoch, hoch, hoch!" Es war kein voller Widerhall, den dieser Tvinkspruch in dem Honoratiorenzimmer fand. Zwar Herr Mulhe, der Herr -Kreissteuereinnehmer Hofsmann und Herr Inspektor Petri stimmten kräftig in das Hoch ein; die meisten aber blickten schweigend auf ihre Gläser.. Der alte Pastor, der schon während des letzten Teils der immer feuriger und schneller werdenden Rede des Freiherrn unruhig hin und her gerückt, erhob sich, ohne das Glas zu ergreifen, sichtlich bewegt. Der Apotheker Menzel, flüsterte dem Archivar Hagen'einige Worte ins Ohr; der Hauptlehrer Fischer sah auf seine Taschenuhr. Der neue Kreisrichter schob sein Monokel ins rechte Auge; er war über den geringen Anklang, den seine mit dem vollen Brustton der Ueberzeugung gesprochenen Worte gesunden, in hohem Grade befremdet und musterte durch sein Glas die Tafelrunde. Der Pastor aber begannmit fester Stimme: „Nicht in diesem Sinne, mein Verehrtester Herr Kreisrichter, nicht in diesem Sinne! Lassen Sie mich vielmehr . In diesem Augenblicke wurde die Tür weit aufgevissen, und ein kleiner, breitschultriger Herr im großen stark beschneiten Pelz, mit kahlem Kopf und glatt rasiertem Gesichte, scharf - gebogener Nase, buschigen, schwarzen Augenbrauen und großen Brillengläsern sprang lachend ins Zimmer und' deklamierte mit komischem Pathos: Heisa, juchheisa, dideldumdei, . Hier gehts ja hoch her, bin auch dabei. „Ah, der Doktor!" „Guten Abend, Loewisohn!" „Lieber. Simon!" .„Wie gehts?" „So spät heut!" All das schwirrte durcheinander. Der Bann, der auf der Gesellschaft nach der Rede des Freiherrn.gelastet, war gebrochen; über dem unvermuteten Erscheinen des jovialen pelzvermummten Gastes schien der Inhalt jenes Trinkspruchs ganz vergessen. Der Pastor war der -erste, der der Situation, gerecht wurde. „Unser neuer Herr Kreisrichter, Freiherr v. Felseck; Herr Dr. Löwisohn, unser Aeskrckap," rief er vorstellend. Der Doktor streckte in fröhlicher Unbefangenheit dem Freiherrn die Rechte entgegen; dieser aber hatte gleich bei . dem Eintritt des anderen beide Hände , auf den Rücken. gelegt und verbeugte sich förmlich, ohne die gebotene Hand zu fassen. „Herr Dr. Loewisohn, Stabsarzt der Landwehr, Ritter des Eisernen Kreuzes und Gründer unseres Dienstagsvereins", bemerkte der Pastor langsam und jedes Wort, betonend. Der' Kreisrichter biß sich aus die Lippe und bot nun seinerseits.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.