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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1913-07-04 · Heft 27 (4.7.1913) · p. Seite 320

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
77 (1913)
Issue
Heft 27 (4.7.1913)
Date
1913-07-04
Page
Seite 320 (sequence 8)
Language
German
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Ansprache des arg scharfmacherischen antisemitischen Reichstagsabgeordneten Oberlehrer Dr. Ferd. Werner (Gießen) eingeleitet, der die deutsch-nationalen Handlungsgehilfen auf ihre Bedeutung für die Zukunft und Sicherheit des Reiches gegenüber " den zahlreichen umstürzlerischen Bestrebungen aufmerksam machte. Einen fesselnden und klaren Vortrag hielt sodann Prof. Dr. Kaup (München) über „Frauenarbeit und Rassenhygiene". Er beleuchtete die Ursachen des zunehmenden Eindringens der Frau in das Handelsgewerbe, wies mahnend auf den Geburtenrückgang hin, ferner aus die Abnahme der Eheschließungen, die zunehmende sittliche Verwahrlosung der weiblichen Jugend und den Aufstieg der unehelichen Geburtenziffern. Der Referent war der Ansicht, daß nur dann eine Besserung der Zustände eintreten könne, wenn wieder das Familienleben sich stärker entwickle. Wo gibt es, fragen wir, für letzteres anerkanntermaßen ein schöneres Vorbild als bei den deutschen Juden? Im übrigen liefen dieses gelehrten Redners Ansichten zur Rassenhygiene im Gleis einer deutschtümelnden, „arischen", antisemitisch angehauchten Rassenbiologie, während seine Forderungen über Frauenarbeit direkt dem die letztere ablehnenden Programm des „D. H. V." ins Gesicht schlugen. lieber „Vaterländische Jugendpflege" berichtete Alfred Roth (Hamburg), wie unabhängige, keineswegs linksstehende Blätter melden, in nachdrücklich christlichsozial verbrämtem Sinne. Roth appellierte beweglich an die christliche Kirche. Diese stehe mancherorts der vaterländischen Jugendpflege unfreundlich gegenüber; sie befürchte dadurch eine Beeinträchtigung des religiös-kirchlichen Sinnes bei der Jugend — das sei grundverkehrt. Die Kirche müsse sich vielmehr diesen neuen Formen anzupassen suchen — durch Feld- und Waldgottesdienste — was bei einigem guten Willen auch gelingen müsse. Dann teilte der Vorsitzende Bechly mit, daß der fortschrittliche Landtagsäbgeordnete der Stadt Frankfurt a. M., Stadtrat Dr. K. Flesch. (der ausgezeichnete Sozialpolitiker), habe erscheinen wollen, während des ersten Vortrages aber wieder verschwunden sei mit der Erklärung, nicht länger warten zu können. Der Vorsitzende bemerkte dazu ironisch, die Versammlung müsse also auf die politische Vertretung der Stadt Frankfurt verzichten, was mit stürmischen Heilrufen ausgenommen wurde. Das antisemitisch stark pointierte Schlußreferat hielt Richard Döring (Hamburg) über „Nationale Aufgaben des deutschen Handels". Er forderte, der deutsche Geist möge den Befähigungsnachweis darüber erbringen, daß er die Kraft besitze, den jüdischen Geist zu überwinden. (Ich betone, daß die vorstehenden Angaben über Verhalten und Kritik des leitenden Vorsitzenden und über Dörings Vortrag wortwörtlich aus Nummer 304 der nichts weniger als prinzipiell judenfreundlich gesinnten „Münchener Neuesten Nachrichten" stammen.) Endlich am letzten Veryandlungstag stand im Anschluß an Frahms Darlegungen über das „Krankenversicherungswesen" eine einschneidende Ausdehnung der Verbandswirksamkeit aus der Tagesordnung. Um eine Vermehrung der wirtschaftlichen Macht des Verbandes zu erzielen, plant man die Errichtung einer deutsch-nationalen Volksversicherung. In der Diskussion über diese Angelegenheit wurden erhebliche Bedenken gegen den Plan geltend gemacht, wobei man vor allem auf die schwere Konkurrenz der schon bestehenden Volksversicherungen hinwies. V. Blobel (Hamburg) suchte die Einwände dadurch zu zerstreuen, daß er auf die deutsch-nationale Bedeutung dieser neuen Versicherung aufmerksäm machte, die ein Gegengewicht gegen das jüdische Kapital in den bestehenden Gesellschaften und gegen die „Volksfürsorge" bilden soll. Mit überwiegender Mehrheit wurde schließlich der Vorstand beauftragt, der Errichtung der geplanten Volksversicherung näher zu treten.. Nach all den hier gelieferten Belegen ausdrücklich antisemitischer, teilweise sogar schroff judenfeindlicher Tendenz des weitestverbreiteten „Deutsch-nationalen Handlungsgehilfenverbandes" erscheint es, zumal angesichts der bedeutenden Machtmittel, über tue er verfügt — hohe Mitgliederzahl (siehe oben), glänzende Finanzlage (1912 Einnahmen und Ausgaben 1911948 Mark, Verbandsvermögen 4 466 324 Mark), erfolgreich ausgebaute Organisation und Agitation, Stütze bei den Regierungsbehörden und einflußreichen reaktionären Parteien — und die er äußerst geschickt handhabt, unbedingt geboten-, Abwehrmaßregeln zu ergreifen und den unheilvollen Einflüssen des „D. H. V." in der Kaufmanns- und Jndustriellenwelt, in den Angestellten- und Mittelstandskreisen nach Gebühr entgegenzutreten. Wie sich die berufsmäßigen Hamburger Drahtzieher des „D. H. V." fühlen, bekundete schon die sofort zu Eingang der Tagung dem „verjudeten" Hansabund ins Gesicht geschleuderte massive Kriegserklärung. Als einen charakteristischen Umstand muß man schließlich hier noch erwähnen, daß angesehene Tageszeitungen mittlerer Richtung, welche, weil in der Nachbarschaft Frankfurts a. M. erscheinend, ausführlicher über die Versammlungen und Verhandlungen berichteten, z. B. das Organ des nationalliberalen Führers Bafsermann (Mannheimer Generalanzeiger", „Badische Neueste Nachrichten") und das des hessischen nationalliberalen Parteichess Dr. Osann („Darmstädter Täglicher Anzeiger"), der „Frankfurter Generalanzeiger" u. a.; aus ihren Referaten die wesentlichen antisemitischen Ausfälle und Spitzen weggelassen haben. Was ist wohl der Beweggrund dafür? Ängstlichkeit, Genieren, Scheu vor Bloßstellung etwa sonst gebilligter Anschauungen und Bestrebungen? L. F. Line Entgegnung an den „Israelit". Von einem Parteilosen. egen meine Notiz „Der „Israelit" und Herr Dr. Wohlgemutst in Nöten" in Nummer 24 der „Allgemeinen Zeitung des Judentums" erwidert der „Israelit" in seiner letzten Nummer, daß die „Allgemeine Zeitung des Judentums", „indem sie den Zeilen des Parteilosen Ausnahme gewährt hat und zugleich den Artikeln Seligmanns solch Lobeshymne anstimmen läßt, die Mitverantwortung für alle die unwissenschaftlichen Behauptungen des Herrn Dr. Seligmann auf sich genommen hat", und der „Israelit" meint ferner, daß die „Allgemeine Zeitung des Judentums" „dann sich selbst damit das Zeugnis absoluter Unwissenheit auf jüdischem Gebiete ausgestellt habe". Diese Behauptung des „Israelit" muß ich mit Entrüstung als eine falsche zurückweisen. Ich habe in der genannten Notiz noch nicht mit einer Silbe erklärt oder auch nur angedeutet, daß ich für alles, was Dr. Seligmann vorbringt, die Bürgschaft übernehme. Hätte ich dies sagen wollen, dann wäre es doch, da ich auf Dr. Carlobachs Artikel Bezug nahm, meine erste Pflicht gewesen, die Earlebachschen Angriffe gehen Seligmanns Ausführungen in erster Linie zu widerlegen zu suchen. Ich habe in Wahrheit von Seligmanns Argumentation nur behauptet, daß ihre „Nachweise sehr ausführlich", ihre „Beispiele sehr zahlreich und frappant sind, daß sie im hohem Maße geeignet feien, jeden Leser davon zu überzeugen, daß dieselbe Orthodoxie, welche über das liberale Judentum die Exkommunikation verhängt, in Wirklichkeit mit dem Religionsgesetz nicht anders verfährt als das letztere Judentum". Diese Verdienste, welche ich in den angeführten Worten, wie in der ganzen Notiz überhaupt, Seligmanns Ausführungen zuerkenne, müssen ihnen unbedingt zuerkännt werden, selbst wenn neun Zehntel

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