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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1913-07-04 · Heft 27 (4.7.1913) · p. Seite 319

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
77 (1913)
Issue
Heft 27 (4.7.1913)
Date
1913-07-04
Page
Seite 319 (sequence 7)
Language
German
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■ - . ---.319als leuchtendes Ziel vor Augen. So schaltete man wohlweislich die handgreifliche Politische Tätigkeit aus, legte sich auch für die Erhaltung des Schackschen Mandats im.Reichstagswählkreis Eisenach nicht weiter ins Zeug, so daß dieser erst an einen Sozialdemokraten, dann 1912 an den Direktor des unparteiischen sogenannten Leipziger Verbandes (Verband deutscher Handlungsgehilfen), des älteren Haupktonkurrenten des „D.H.V.", den von allen Liberalen gegen den stockrückschrittlichen Antisemiten unterstützten und durchgedrückten Nationalliberalen Marquart. 'Einem aufmerksamen Beobachter überhaupt, erst recht einem wirklich Kundigen konnten die diplomatischen Fadenzieher des weitausgreifenden Hetzverbandes freilich keinen Sand in die Augen streuen. Eine beträchtliche Anzahl Parteilosersögar ausgesprochen liberal gesinnter Kaufleute war den mit verdeckten Karten spielenden Machern ins Garn gegangen, gelockt und überredet durch das zeitweilig allein in den Vordergrund gerückte ‘ Streben, den kausmännnischen und verwandten Angestellten günstigere Arbeitsbedingungen und ökonomische Sicherstellung zu erringen. Ja, ich kenne Ortsgruppen des „D. H. V.", besonders süddeutsche, wo eingeschriebene Mitglieder der Fortschrittlichen Volkspartei in der Vorstandschaft saßen oder sögar scheinbar das Heft in der Hand hatten. Hie und da aber schaute bei der Hauptleitung immer wieder der teufliche Pferdefuß des Klassen- und Rassenhasses heraus. Insbesondere die berufsmäßigen Agitatoren, die von der Hamburger Zentrale als gutbezahlte Sendlinge die deutschen Landschaften seit Jahren durchziehen mit dem mehr oder weniger ausgesprochenen Zweck, die abhängigen Kaufleute in ihrer sozialen Stellung unzufrieden, insbesondere die christlichen Kommis gegen ihre jüdischen Arbeit- und Brotgeber scharf zu machen, ferner die festangestellten Gau- und Bezirksvorsteher in größeren Mittelpunkten hatten, gewiß schon der eindringlicheren Zugkraft wegen, auch, während des „fauM Landfriedens."' die wahre antisemitische Tendenz durchschimmern lassen. Uebrigens hat der „D. H. V." niemals, auch als er vor etwa drei Jahren neutral zu sein oder werden zu wollen vorgab, den b i n d e n d e n w i ch t igen Paragraph en außer Kraft gefetzt oder auch nur ignoriert (geschweige denn aufgehoben), der dieAu f n ahmejüdischer M itg l i e d e r r u n d w e g v e r b i e t e t. Seit geraumer Zeit nun, ungefähr ebensolange wie die norddeutschen reaktionären Wortführer in ihrer Stärkung durch das ihnen in Fragen religiöser und konfessioneller Duldsamkeit ebenbürtige klerikale „Zentrum"' ihr Haupt wieder herausfordernder erheben, scheinen,die Antisemiten verschiedener Farbe ihr Stündlein neu gekommen zu glauben. So auch der „D. H. V.", Und nach mancherlei Demonstrationen seines alten Stils in den letzten Monaten, wenn auch immer noch etwas schüchtern mit der allverwendbaren „nationalen" Hülle verdeckt, muß den Herren, die einmal ohne Judenhatz nicht leben und nicht „wirken" können, mit ihrem heutigen Mitgliederstande von über 130 000 der Kamm dermaßen geschwollen sein, daß sie soeben auf ihrer heurigen Tagung zu Frankfurt a. M. die Katze ganz aus dem Sack gelassen und nackte st en Iu d enh aß Proklamiert haben — mit einer fast zynischen Deutlichkeit und Derbheit, wie es bisher in Deutschland bei Berufs- und Standesvereinigungen, selbst in der Periode wildester und wüstester Judenhetze, kaum je vorgekommen sein dürfte. Am 14., 1 5. u n d 1 6. I u n i nämlich fand zu Frankfurt a. M. diese bedeutsame „D, H. V."-GeNeralversammlung statt, welche als. „13. Deutscher Handlungsgehilfentag" öffentlich firmierte. Diese Arroganz prägte sich auch von vornherein in der Begrüßungsrede des 1. Verbandsvorstehers H. V. Bechly aus, deren Gedankengang in dem Leitsatz gipfelte: „In .zwanzigjähriger Tätigkeit hat der „Deutsch-nationale Handlungsgehilsenverband an der Einheit des deutschen Volkes gearbeitet und sich für die Einheit des Vaterlandes eingesetzt, und das ist groß und schön . . .!" Wahrlich, eine nette Selbstzensur für einen Verein, der sich beinahe während dieser ganzen zwei Jahrzehnte durch eine ungescheute Hetzerei wider ungezählte Tausende unschuldiger strebsamer Standesgenossen, nämlich in erster Linie diejenigen israelitischen Glaubens, dann aber auf die nicht auf alle einseitigen Forderungen blind anbeißenden Chefs, ausgezeichnet hat. Bezeichnend für den Beifall, den die Bestrebungen des „D. H. V." bei den maßgeblichen Oberbehörden sowie bei den im Kerne ihres Wesens rückschrittlichen politischen Richtungen finden, sind die zu Eingang ergangenen offiziellen Ansprachen. Wir geben sie hier getreu wieder nach den Berichten völlig unverdächtiger rechtsnationalliberalen Blätter. Geh. Regierungsrat Siefarth (Berlin) überbrachte Grüße des Staatssekretärs des Innern und drückte den Wunsch aus, daß die Tagung nutzbringend für den Stand' und den ganzen Kaufmannsstand sein möge. Regierungsassessor Dr. Welker (Wiesbaden) begrüßte die Teilnehmer namens des Regierungspräsidenten, bestes Gelingen wünschend. Regierungsrat Pfeiffer (Darmstadt) übermittelte die besonderen Grüße der Großherzoglich Hessischen Regierung. Anknüpfend an. die Erinnerungen, die der letzte hessische „Handlungsgehilfentag" in Mainz hinterlassen habe, gab der Redner zu erkennen, daß man sich angesichts der emsigen Arbeit, die innerhalb des Verbandes geleistet wird, sagen müsse, auch eine' gesetzliche Standesvertretung könne nicht mehr leisten als dieser Verband. Sodann richtete Generalmajor Jung die Grüße des Generalfeldmarschalls Freiherrn von der Goltz, des Vorsitzenden des Jungdeutschlandbundes, aus. Pfarrer Jul. Werner, Frankfurt a. M., ein bekannter orthodox-lutherischer Heiß-- sporn und extremer konservativer Parteimann, entbot einen Shmpathiegruß derchristlichnationalen Gruppe-im Bund gegen die Frauenemanzipation und betonte, daß die „Konservative Vereinigung" den. Landschaftsrat Fromme als Vertreter entsandt habe. Wo ist jemals eine angeblich parteilose Generalversammlung von solch ausgesprochenen rechtsstehenden Politikern warm bewillkommnet, wo und wann je. eine so einseitig parteitendenziös gefärbte Zusammenkunft durch Vertreter der höchsten Staatsbehörden gefeiert, beglückwünscht und ermutigt worden? Kein Wunder, wenn diese Versammlung in dem unmittelbar danach verlesenen und abgesandten, von Loyalität strotzenden Telegramm an den Kaiser, der gerade das 25 jährige Regierungsjubiläum beging, unter anderem folgendes aussprach: „Die Vertreter aus mehr als 1300 Städten des Reiches und des europäischen Auslandes versichern Eurer Majestät unverbrüchliche Treue, und unwandelbare Hingabe an den monarchischen Gedanken. Wir deutsch-nationalen Handlungsgehilfen verehren in Eurer Majestät den starken Förderer des' sozialen Friedens und der Wohlfahrt des deutschen Volkes, dem wir aus dankbarem Herzen noch eine lange, gesegnete Regierung wünschen." Gehört grundsätzliche Judenhetze denn auch zum „sozialen Frieden"? . . Aus den Reden, die anläßlich der Verhandlungen gehalten wurden, heben wir nur die deutlich antisemitischen Stellen heraus, um das Leitmotiv, welches wieder wie früher den ganzen Geist des Betriebs der Verbandsangelegenheiten beherrscht, zu kennzeichnen; auch hier legen wir ausschließlich die Referate in rechtsnationalliberalen-Zeitungen 'zugrunde, damit man unsere Objektivität weder durch jubelnde Zustimmung von rechts noch durch abfälligen Tadel von links beeinträchtigt heißen könne. Gleich am . ersten eigentlichen Verhandlungstage wurden die Verhandlungen der sonntäglich gestimmten, überreich besuchten Versammlung mit einer Begrüßungs-

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