Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1913-07-04 · Heft 27 (4.7.1913) · p. Seite 318

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
77 (1913)
Issue
Heft 27 (4.7.1913)
Date
1913-07-04
Page
Seite 318 (sequence 6)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3224737-3229069-3229097--69574-3281883
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

... 318 Von solcher Kampflust ist Zangwill 'weit entfernt. Was er in seinen jüdischen Skizzen, Novellen und Nomanen darstellt — denn sein übriges großes schriftstellssrisches Wirken kann hier nicht gewürdigt werden — das -ist wohl auch ein Kampf, aber weniger ein Streit mit äußeren Mächten und gewiß nicht ein Aneinanderprallen mit nationalen Gewalten. .Es ist vielmehr ein Kampf um die Aneignung oder um die Abwehr moderner, zumeist englischer Kultur, gelegentlich auch ein Streit um den Glauben, Irrungen und Wirrungen, die der Skepsis vder der Not des Lebens entstammen: der Widerstand gegen-die Bemühungen der Missionare oder, der guten Freunde, die schnell mit dem Rate bei der Hand sind, - den väterlichen Glauben zu unterdrücken, ihn als etwas Hemmendes beiseite zu schieben, mitunter auch die Schilderung von Niederlagen gegenüber solchen Anstrengungen. - Das ist allerdings nur zum Teil — der Charakter der „Ghettokomödien und Ghettotragödien". Aber in diesen und anderen Geschichten — und das ist der Hauptunterschied Zangwills von anderen jüdischen Erzählern — handelt es sich im wesentlichen nicht um einen, Widerstreit zweier verschiedener Welten der jüdischen und der christlichen — sondern um ein intimes Versenken in die eigentlich jüdische Welt. Es ist einer der größten Vorzüge der Zangwillschen Erzählungskunst und seine Eigenart, die man unter den Deutschen nur bei Bernstein findet: die anheimelnden Bilder des jüdischen Familienlebens, des Friedens im Hause. Gerade in solchen Erzählungen ist es dann freilich , oft der Fall, daß sich neben dem behaglichen Humor, neben der lieblichen Verklärung alter Sitten und Gebräuche auch die Satire geltend macht. Sie gibt sich kund nicht in grimmigen Scheltworten, sondern in einer mit demütiger Trauer gemischten Ironie. Es. ist eine Satire, die nicht die Laster geißelt, sondern Unarten kitzelt („Träumer des Ghetto"). Und noch eine andere Eigentümlichkeit ist bei Zangwill hervorzuheben, die ihn von allen anderen jüdischen Erzählern, mit Ausnahme von Schalom Asch, unterscheidet. Zangwill war lange Zionist. Es ist bekannt und an manchen Stellen dieses Blattes hervorgehoben worden, daß er in den letzten Jahren gegen die. Besiedlung Palästinas auftrat, Ostafrika als Ziel der Kolonisation empfahl und auch praktisch für die Ausführung dieser Idee eintrat. Aber man würde sich irren, wenn man meinte, daß diese praktischen Pläne seine dichterischen Werke ausschließlich hestimmten; vor allem hat er, soviel mir bekannt, kein Dichtwerk in den Dienst seiner neuen Auffassung gestellt. Aber gar manches Zionistische kommt in seinen Erzählungen vor: die Sehnsucht der Greise, auf „heiligem Boden" zu sterben, das glühende Verlangen junger Menschen, die Idee des Zionismus zu verbreiten und an ihrer praktischen Durchführung mitzuarberten. Solche Ideen indessen sind nicht etwa diktiert, durch Haß. gegen das Geburtsland (England), sondern nur durch die Anschauung, daß es manchen der-von Poeten geschilderten Menschen unmöglich ist, sich in die Anschauungen der Kulturwelt Europas hineinzufinden. Denn wie schon angedeutet, Zangwill . ist kein Kulturhistoriker, kein Kämpfer, .kein, einseitiger Jude, sondern er ist ein Dichter. Er späht in die Seele der von ihm geschilderten Personen, er weiß diese Gestalten lebendig vor dem Leser hinzustellen, er macht ihn bekannt mit den Leiden und Freudenseiner Geschöpfe, er klagt mit ihnen bei ihren Qualen und jubelt über ihre Freuden. Er ist kein Schwarzseher, obgleich er es auch für seine Pflicht hält.. Schäden aufzudecken; er ist kein Schönfärber, wenn er auch das Gute, das er beobachtet, hat, zu registrieren und in Helles Licht zu setzen weiß. Er ist weder Realist allein, der sich, auch nicht um ein Titelchen von' dem wirklich Gesehenen und Erlebten zu entfernen wagt, noch ein bloßer Idealist, daß er meine, der Geschichtserzähler müsse sich nur auf ^em Boden des Erdichteten bewegen. Er ist von allem etwas, aber in der Hauptsache nur ein Dichter. Und dessen freuen wir uns mit ihm! L. G. Vom „a. % V " Aufklärung über die größte antisemitische Organisation Deutschlands. in paar Jahre schien es. als ob den unablässigen Schürern konfessionell-politischer Zwietracht im deutschen Kaufmannsstande mit ihren verdächtigenden antisemitischen Hetzereien einigermaßen das Handwerk gelegt sei. Der „D. H. V:", wie sich die geschickt in die Breite geleitete Organisation „Deutsch-nation al e r Handlungsgehilfenv e r b a n d" nach beliebter Methode wichtigtuerisch nennt, als der Kristallisationspunkt dieser zeitweise geradezu judenfresserischen Propaganda, war aufs empfindlichste getroffen und geschädigt durch die Entlarvung des schmählichen Treibensseiner maßgeblichen Spitze. Diese Persönlichkeit, der erste Vorsitzende des „D. H. V.", der deutsch-soziale Reichstagsabgeordnete Schack (Eisenach), der den moralischen Großsprecher im Parament wie draußen gespielt hatte, bis yr selbst als arg anrüchig bloß- und kaltgestellt wurde, verschwand, von seinen enttäuschten Anbetern als psychisch-physisch belastet entschuldigt, aber auch preisgegeben, in der Versenkung. Auf einmal leugnete die Hauptleitung des Verbandes, aus Angst, Abfall und Austritt der Getreuen und Mitglieder, könnten immer weitere Kreise ziehen sofort nach dem Bekanntwerden der präsidentlichen Verfehlungen, jegliche parteipolitische Gesinnung und Verbindlichkeit der Genossenschaft, ließen auch tatsächlich für eine Weile die antisemitische Parole fallen, ja warfen sich sogar ein halbwegs freiheitliches Mäntelchen um. Lediglich das Wohl uüd Wehe der deutschen Handlungsgehilfen, wie der Angestellten überhaupt, schwebe dem „D. H. V." , ...

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.