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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1913-07-04 · Heft 27 (4.7.1913) · p. Seite 317

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
77 (1913)
Issue
Heft 27 (4.7.1913)
Date
1913-07-04
Page
Seite 317 (sequence 5)
Language
German
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317 Intentionen des 13. Deutsch-israelitischen Gemeindetages hat der Ausschuß bei seinen Zuwahlen darauf Bedacht genommen, Vertreter der kleinen Gemeinden, Anhänger der gesetzestreuen und zionistischen Richtung sowie weitere Vertreter des Rabbiner- und Lehrerstandes und einen Vertreter der Kantorenschaft in sein Kollegium zu berufen. Folgende Herren sind in den Ausschuß eingetreten: . Direktor Dr. Adler-Frankfurt a. M., Lippmann Bloch-Breslau,. Landtagsabgeordneter Rechtsanwalt Dr. Cohn-Dessau, Isidor Dülken-Köln, Kantor Fabisch-Göttingen, Rabbiner Dr. Nobel-Frankfurt a. M., Sanitätsrat Dr. Peyser-Königsberg i. Neumark, Vorsteher Nosenbaum-Grebenstein, Rechtsanwalt Dr. Victor-Wandsbek. Ferner ist an Stelle des zu früh verschiedenen Herrn Stadtrat Gabriel Hirsch-Halberstadt, dessen versöhnlichen Bestrebungen warme Anerkennung gezollt wird, Herr Dr. Emil Hirsch-Halberstadt und für Herrn Geheimrat Wollstein-Breslau Herr Stadtrat Marck daselbst als Vertreter des Gemeindeverbandes Breslau-Liegnitz und seiner Heimatgemeinde in den Ausschuß eingetreten. — Das Delegiertenkollegium hatte schmerzliche Verluste zu beklagen. Die neue Delegiertenversammlüng strebt eine engere Verbindung mit der Zentralbehörde und den Bundesgemeinden an; das hat eine große Zahl neuer Ernennungen zufolge gehabt. — Die Gemeinde Berlin hat vom Jahre 1914 ab ihren Beitrag von 12 000 Mark auf 15 000 Mark erhöht. Der Mehrbetrag soll zur Erhöhung des Etats der Gemeindeunterstützungskommission verwendet werden. — Dem stenographischen Berichte über die Beratung der „Verhältniswahl" ist zu entnehmen, daß die „Gemischte Kommission" ohne Widerspruch anerkannt hat, daß das Proportionalwahlshstem für politische Körperschaften und Interessengemeinschaften wertvoll sein mag, sich aber für die Ausschußwahlen nicht eignet, da der Deutsch-israelitische Gemeindebund weder partei-religiöse Ziele verfolgt noch mit politischen Parteibestrebungen etwas zu tun hat. In die leitende Körperschaft einer Vereinigung, die sich lediglich mit Verwaltungs-, Erziehungs- und Wohltätigkeitsfragen beschäftigt, passen nicht Parteimänner, sondern unparteiische und sachverständige Mitarbeiter. — Der einen Druckbogen umfassende Rechnungsbericht gibt in seinen trockenen Zahlen ein Bild der ungemein vielseitigen Wirksamkeit des Bundes und der ihm angegliederten Institutionen. Ueber Reichstagsabgeordneten Dr. Werner und die Juden im höheren Lehrerstand schreibt uns ein aktiver bayerischer Oberrealschulprofessor: Der Vertreter der Universitätsstadt Gießen im Deutschen Reichstage, der Oberlehrer an der Großherzogl. Realschule zu Butzbach in Oberhessen, Dr. Ferdinand Werner, hat in der Sitzung vom 20. Juni innerhalb seines schroff antisemitischen Schimpsergusses unter anderem geäußert: „Nach einer A e u ß e r u n g des bayerischen. M i n i st e r s v. W e h n e r sind die Juden auch zum S ch u l d i e n st nicht g e e i g n e t." Obwohl ich über die bezüglichen Anschauungen und Auslassungen der im Januar 1912' mit dem ganzen Ministerium Podewils zurückgetretenen Kultusexzellenz Dr. v. Mehner — bielerseits sagt man ihm (Wiener?) bekanntlich selbst unmittelbare jüdische Abkunft rmch — ziemlich genau Bescheid weiß, habe ich mich "an verschiedenen passenden Stellen über diese Sache erkundigt, aber auch nicht das geringste darüber in Erfahrung gebracht. Im Gegenteil: es widerspräche der auch von Kultusminister Dr. v. Wehner während seiner zehnjährigen Amtstätigkeit geübten tatsächlichen staatsbürgerlichen Gleichberechtigung, wie sie in Bayern auch heute noch in den meisten Beämtenrubriken herrscht, ganz und gar. Dr. Werner wird also schon mit einem Nachweis seiner Behauptung Herausrücken müssen. Uebrigens zählt der gesamte Lehrkörper der staatlichen Lehranstalt Bayerns heute rund zwei Dutzend — teilweise' schon jahrelang — festangestellte Mitglieder israelitischen Bekenntnisses. An den Volksschulen unterrichten Zahlreiche jüdische Lehrer, allerdings dem Gesetze nach nur in Religion, daneben noch in Schreiben und Stenographie. Isrsrl Lsngwi!!. 3frael Zangwill ist 1846 in London geboren. Sein Vater war ein russischer Einwanderer; von ihm und seinen Umgebungen hat er wohl die Kenntnis des jüdischen Ghetto und der guten und schlimmen Eigenschaften der russischen Juden kennen gelernt. Er selbst ist ein Engländer, der die englische Sprache als Künstler und Meister handhabt. Seit dem Jahre 1888, also nun 25 Jahre lang, ist er als Schriftsteller tätig. Seine Romane und Dramen bewegen sich auf den verschiedensten Gebieten. Im Jahre 1892 trat er zum erstenmal auf dem Felde des jüdischen Romans auf, in dem er bald ein unbestrittener Meister wurde. Seine „Kinder des Ghetto", Ghettotragödien und Ghettokomödien: „Der König der Schnorrer", „Träumer des Ghetto", um nur seine Hauptwerke zu nennen, die in viele Kultursprachen, auch mehrfach ins Deutsche übersetzt worden sind, haben ihn in die erste Reihe der Ghettoschriftsteller erhoben. Diese Arbeiten bieten etwas durchaus Eigenartiges dar. Sie sind nicht mit den Werken L. Kompert's und A. Bernsteines zu vergleichen, ohne diesen irgendwie zu nahe zu treten, denn ich erkenne den künstlerischen Wert und die zeitgeschichtliche Bedeutung dieser Kompositionen durchaus an. Sie haben nichts mit den begeisterten Assimilationsversuchen des deutsch-böhmischen Erzählers zu tun, denn trotz seines eigenen, durch und durch englischen Wesens ist Zangwill doch der Ansicht, daß der Jude, hauptsächlich freilich der aus Rußland eingewanderte, sehr schwer, vielleicht niemals ganz vollkommen zum Engländer werden kann. Sie sind auch mit den liebenswürdigen Idyllen Bernsteins nicht zu vergleichen, die sich mit romantischer Verklärung, denen sehr viel Humor und ein klein wenig Ironie beigesellt ist, in eine längst entschwundene Vergangenheit versenken. Nur in einer Eigenschaft gleicht er Kompert — wobei es mir gänzlich fernliegt, eine Abhängigkeit des Engländers von den Deutschen zu behaupten — nämlich in dem edlen Sinne, der das Schöne und Erhabene bevorzugt; in einer anderen Eigenschaft läßt er sich mit Bernstein vergleichen: nämlich in jener Lust des Verklärens und in dem sonnigen Humor. Nicht minder unrecht wäre es, Zangwill auf dieselbe Linie mit seinem Zeitgenossen Schalom Asch oder mit dem vor einigen Jahren verstorbenen Karl Emil Franzos zu stellen. Vielmehr unterscheidet er sich von dem ersteren durchaus. Er besitzt nicht dessen krassen Realismus oder — sagen wir richtiger — seine Schwarzseherei, womit nicht etwa Unwahrheit, absichtliche Verdrehung, sondern nur die Sucht bezeichnet werden soll, bloß das Düstere, - Schlimme und Beoenkliche hervorzuheben. Nicht minder ist er auch in seiner Tendenz von jenem hochbegabten, aber in seinen meisten Leistungen unerquicklichen Russen entfernt: denn er schafft nicht bloß, wie der Genannte, Momentaufnahmen, Skizzen ohne rechten Abschluß, sondern er bietet künstlerisch vollendete Bilder, dichterische Darstellungen, die ein Lebensschicksal nicht nur andeuten, sondern wirklich in abgeschlossener Weise zu Ende führen. Soviel Aehnlichkeit er auch in manchen Einzelheiten mit Franzos haben mag: er besitzt nicht — das soll weder Lob noch Tadel, sondern nur eine Aufzeichnung der Individualität sein —dessen Kampfnatur. Denn Franzos war auch in seinen mit Recht vielgelesenen jüdischen Skizzen und seinen auch nach seinem Tode hochgeschätzten, ja immer mehr verbreiteten Romanen jüdischen Inhalts ein Kämpfer. Der Mann, der das geflügelte Wort geprägt hat: „Jedes Land hat die Juden, die es verdient", wollte -di-e Geringwertigkeit gar mancher Juden in jenen Ländern nicht etwa als Wirkung ihres Glaubens, noch weniger durch die in ihnen wohnenden Laster, sondern durch die Berührung mit schlechten Menschen anderer Nationen erklären. Daher schilderte er die Juden im Streite mit ihren gewaltigen Nachbarn, manchmal als Sieger, und zwar die Männer durch ihre Schlauheit, die Frauen durch ihre Schönheit, öfter als Besiegte, besiegt durch die Roheit, die Gier und die Gewalttätigkeit ihrer Gegner.

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