Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 77 (1913)
- Issue
- Heft 27 (4.7.1913)
- Date
- 1913-07-04
- Page
- Seite 316 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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316 Wehrgesetz, das dein Herz mit dankbarem Jubel erfüllt, ändert nichts daran, daß du in demselben Heere, das du willst und wünschest, nicht für fähig erachtet wirst, mit gleichen Rechten und gleichen Möglichkeiten das gleiche persönliche Opfer zu bringen wie jeder andere, der eine andere — Glaübensfirma trägt. Ich bin nicht Soldat gewesen. Ich habe es also so hart nicht empfunden wie die Tausende,, die der anderen Leid und Mühsal und Freude geteilt, und die dann Plötzlich den Kameraden aufrücken sahen und Zurückbleiben mußten, nicht weil sie schlechtere Soldaten waren, sondern weil sie im Standesregister als Juden verzeichnet waren. Ich sage dies daher auch nicht, damit ich Reserveoffizier werde, oder der und jener andere. Sondern damit das aufhört, daß ich und meine Brüder und meine Kinder es nicht werden können. Im Lande und ein Jahrhundert nach der Einführung der allgemeinen Wehrpflicht. Und wenn es auch nun nicht aufhört, dann sage ich es, damit die anderen es hören, und damit sich das Gefühl stärkt für die Rechtsverweigerung, die da geschieht. Bei dem wunderbaren Gedanken der allgemeinen Wehrpflicht. Das zu sagen, habe ich mir damals vorgenommen. Seit mehr als dreißig Jahren gibt es im preußischen Heere weder einen Juden, der zum Offizier der Linie noch der Reserve ernannt worden wäre. Trotz all der tausende jüdischer Soldaten, und jüdischer Einjähriger. Ein preußischer Jude, der seine Dienstpflicht mit den gleichen Aussichten erfüllen will wie ein Preußischer Christ, muß nach Bayern gehen oder — sich taufen lassen. Ich könnte Zahlen nennen. Bor mir liegen zwei Schriftchen, die Material genug enthalten: „Die Inden im Heere", herausgegeben vom Verein zur Abwehr des Antisemitismus und „Das jüdische Bekenntnis als Hinderungsgründ bei der Beförderung zum Preußischen Reserveoffizier", dargestellt im Aufträge des Verbandes der deutschen Juden. Berlin 1911. Wer sich für Zahlen interessiert, der mag sie lesen. Man mag sie glauben oder nicht. Man mag sagen, daß sich mit Statistik allerlei beweisen lasse. Die Tatsache, daß seit 30 Jahren kein Jude Offizier genwrden ist, spricht mehr, als alle anderen Zahlen sagen können. In jedem Jahre wird von den Vertretern der verschiedensten Parteien von der äußersten Linken bis weit auf die rechte.Seite des Reichstags beim Militäretat diese Tatsache erörtert, und lange Zeit hindurch ist stets bestritten worden, daß die Konfession irgendeine Rolle bei der Beförderung spiele. Das ist jene Verschleierungsmethode, mit der man in fraudem legis — wie der Jurist sagt, „unter Anwendung von Rechtskursen" möchte man übersetzen — jegliches Recht verweigern kann, ohne einer Nachprüfung mit seiner Entschließung zu unterliegen. Und wenn die Juden hundertmal weniger Personen unter sich Zählen, die geeignet sind, über die notwendige achtunggebietende Persönlichkeit zu verfügen, dann müßte doch wenigstens in einem Falle ein geeigneter Anwärter sich gefunden haben. In der bayrischen Armee gibt es doch' eine ganze Anzahl; in den verbündeten Armeen von Oesterreich-Ungarn gibt es einen jüdischen Feldmarschall und in Italien war vor kurzer Zeit der Kriegsminister ein Jude. Die Tatsache aber, daß es seit 1880 in Preußen kein einziger Jude zum Offizier gebracht hat, macht es unzweifelhaft, daß das hindernde Moment allein sein Judentum ist. Es wird von der Seite, welche die Rechtsverweigerung verteidigt, gern behauptet, daß nicht etwa der Religionsunterschied die Nichtbeförderung begründe, sondern das Vorhandensein von Nassenmerkmalen, die einen Juden als zum Vorgesetzten ungeeignet erscheinen lassen. Ebenso unzweifelhaft wie es ist, daß seit 1880 keine Juden in Preußen Offiziere geworden sind, ist es aber auch, daß sie es geworden sind, wenn sie das Christentum angenommen haben. Es ist nachzuweisen, daß mindestens 1200 bis 1500 jüdische Einjährige, die sich kurz vorher hatten taufen lassen, die Qualifikation zum Reserveoffizier bekommen haben und auch als solche gewählt worden sind. *Es ist doch nicht anzunehmen, daß die Eigenschaften, die zum Vorgesetzten befähigen, durch einen zu besserem Vorwärtskommen vorgenommenen Glaubenswechsel vermehrt werden. Zum Schlüsse noch eine Zahl: Im Jahre 1870/71 waren im preußischen Heere 120 Reserveoffiziere jüdischer Konfession. Wir stehen vor einem neuen Wehrgesetz, das uns seit des Reiches Bestehen die mächtigste Verstärkung unserer Wehrkraft liefern soll, das von jedermann, ohne Unterschied des Bekenntnisses, großartige Opfer fordert, die man nicht ungern unter Berufung auf die Jahrhundertgcdächtnisfeier zur Erhebung Preußens mit einem Aufschwung der nationalen Begeisterung zu rechtfertigen sucht. Wäre dieses nicht die geeignetste Stunde, die allerletzten Schranken wegzuräumen, die uns von der gleichen persönlichen Hingabe an das Vaterland im Heere ohne Sondervorteile und Sonderbeschränkungen trennen! Hundert Wünsche und Verbesserungen werden der neuen Wehrvorlage mitgegeben. Hundert Verbesserungen werden geschaffen, wenn die Geburtsstunde des Gesetzes schlägt. Muß es bei dieser Frage bei mehr oder minder ernst gemeinten Resolutionen bleiben? Werde ich auch noch in den nächsten Jahren den schneidenden Schmerz verspüren müssen, als ich draußen an das deutsche Heer dachte und mein Verhältnis zu ihm, meines und das der anderen? * Die soeben erschienenen Mitteilungen Nr. 83 vom Deutsch- Israelitischen Gemeindebund berichten an erster Stelle von dem „Uebccgang der Geschäftsleitung". In seiner Ansprache tritt der Ehrenvorsitzende Herr Professor Philippson, der auch weiterhin den Arbeiten des Ausschusses seine bewährte Kraft leiht, der Legende entgegen, daß die „Aera Philippson" an dem Irrtum gescheitert sei, daß ein Zusammenhalten der deutschen Juden möglich sei. Sein Rücktritt ist nur aus Gesundheitsrücksichten veranlaßt. Der scheidende Vorsitzende spricht über die Eigenschaften, die der Leiter des Deutsch- Israelitischen Gemeindebundes aufweisen muß, und die in der Persönlichkeit seines Nachfolgers glücklich vereinigt seien. Herr Professor Kalischer führt aus, daß er das arbeits- und verantwortungsvolle Amt aus Liebe zum Judentum und im Vertrauen auf seine bewährten Mitarbeiter übernommen habe. — Erfreulich ist der Anfall des von dem früheren Ausschußmitgliede-Herrn Maurermeister Adler und seiner Ehefrau als Marcus und Selima Adler-Stiftung dem Bunde erblich überlassenen Hauses Georgenstraße 46a, ferner eines Vermächtnisses von Fräulein Jda Nathenau in Höhe von 6000 Mark. Stattlich ist das Sammelergebnis für den von den Behörden als notwendig bezeichneten Neubau der Fürsorgeerziehungsanstalt für israelitische Mädchen. Die bisherige Gesamtsumme beträgt 76 966.57 Mark und ist ausschließlich dem energischen Sammeleifer des Dezernenten, Herrn Professor Schaefer, zu verdanken. Als Beitrüge in Höhe von 1000 Mark und darüber seien angeführt: Vorstand der Jüdischen Gemeinde zu Berlin . . . 25 000 M. Deutsch-israelitischer Gemeindebund.10 000 „ Rudolf Masse, Berlin . .. 10 000 „ Emil und Gertrud Mosse-Stiftung, Berlin .... 5000 „ Plaut-Stiftung, Berlin .. 5 000 „ Vorstand der Synagogengemeinde Breslau .... 3000 „ Vorstand der israelitischen Gemeinde Frankfurt a. M. 2 500 „ . Simon Bing, Berlin. 2 000 „ Vorstand der Synagogengemeinde Köln. 2 000 „ Frau Direktor Dr. Minden, Berlin . . . . . . 2 000 „ Leo Schaefer, Loslau .. 1800 „ Frau Max Eisner, Wannsee. 1 500 „ Kommerzienrat Heinrich Eisner, Berlin ..... 1000 „ Norbert Levy, Berlin . 1 000 „ Frau Tony Wolf, Dresden .. 1000 „ Vorstand der Synagogengemeinde Posen. 1 000 „ Vorstand der Deutsch-israelitischen Gemeinde Hamburg 1 000 „ Die erforderliche Bausumme dürste 140 000 Mark betragen, daher sind weitere hochherzige Zuwendungen erwünscht. — Der seit drei Jahrzehnten zum Wohle der jüdischen Beamtenschaft so segensreich wirkende Vertrag des Deutsch-israelitischen Gemeindebundes mit der „Viktoria" hat sich ohne weitere Verhandlungen mit fünf Jahre Oerlängert. — Auch unter der neuen Leitung nimmt die Beamtensürsorge in großem Umfange die Tätigkeit des Bundes in' Anspruch: zwei Entwürfe, bei denen es sich um die Rechtsstellung der jüdischen Gemeindebeamten handelt, nämlich eine Geschäftsordnung für Schiedsgerichte und. ein Normalvertrag, sind aus Anregungen des Lehrerverbandes hervorgegangen und haben als Vorlage für den am 22. Jutti getagten 6. Deutsch-israelitischen Verbandstag gedient. Unter dem Sammeltitel „Der Deutsch-israelitische Gemeindebund und. die wirtschaftliche Lage der jüdischen Beamten" finden wir einen Bericht über die großen Anstrengungen des Bundes, eine Ersatzkasse zu schaffen, sowie über die Bemühungen, die Gemeinden zur Uebernahme des auf die Beamten entfallenden Anteils an den Zahlungen für das Angestelltenversicherungsgesetz zu veranlassen und ihnen überdies Teuerungszulagen zuzuwenden. — In das Kapitel Schulwesen gehört auch die Ankündigung einer auf den 4. Januar 1914 vom Deutschisraelitischen Gemeindebund gemeinsam mit dem Jüdischen Frauenbünde anberaumten Erziehungskonserenz. — Die vom Oberpräsidenten der Provinz Brandenburg bestätigte „Neue Grundversassüng" bedingte eine Vermehrung der Ausschußmitglieder. Entsprechend den