Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 77 (1913)
- Issue
- Heft 27 (4.7.1913)
- Date
- 1913-07-04
- Page
- Seite 315 (sequence 3)
- Language
- German
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weitergeschleppt worden- und schließlich Hot sich eine Anklagekammer . gesunden, die so wenig von der Schmach wußte, als die man ihren Beschluß in Westeuropa empfindet, daß -sie ihr Siegel unter eine Anklage drückte, die eine Ausgeburt krassesten Aberglaubens und wildesten.Rassenhasses ist. "All das wäre unmöglich, wenn das russische Justizministerium eine Behörde wäre, die wirklich das Recht überall schützen will. Aber der Staatsanwalt, der mit seiner Anklage die Voraussetzungen für neue Pogrome Zu schassen sucht, weiß sehr wohl, daß er bei Herrn Schtscheglowitow Wohlgefallen findet. Es ist kein Zweifel, daß der Ministerpräsident Kokowzow an solchen Auswüchsen des altrussischen Asiatentums keine Freude hat, schon deswegen nicht, weil er die russischen Finanzen verwaltet, die doch zum nicht geringen Teil auf westeuropäische Märkte, und zwar Lerade auf jüdische Finanzleute angewiesen sind. Aber er ist über seine, Kollegen ziemlich machtlos. Indessen liegen die Dinge doch so, daß ein Punkt erreicht ist, an dem die Geduld der europäischen Kulturwelt zu reißen droht, und die russischen Machthaber täten gut, sich beizeiten zu sagen, daß ihre Zugehörigkeit zu dieser Kulturwelt ihnen auch Pflichten auferlegt. Hilft der Appell an ihr Gerechtigkeitsgefühl nicht, dann wäre es wirklich angezeigt, wenn die Kreise der Finanzwelt, vor allem diejenigen Frankreichs, des Vaterlandes der Menschenrechte, einem Staate, der die raffinierteste Barbarei schalten läßt, die Mittel , zur Führung, seiner Wirtschaft weigerten. Die Stimme der Menschlichkeit muß doch nicht in den Bankpalästen, verstummen, um so weniger, wenn dort sür diejenigen, denen diese Stimme Hilfe herbeirufen will, auch, noch die Stimme des Blutes spricht. Die russische Negierung kann solchen Erwägungen nicht unzugänglich sein, und was von ihr erwartet wird, ist fein Eingriff in die ordentliche Rechtspflege, sondern umgekehrt eine Befreiung des Rechts von politischen Umtrieben und . eine Garantie dagegen, daß »licht das Recht gebeugt werde zugunsten der Parteileidenschast und des Rassenhasses. * Auch in einer wissenschaftlichen Versammlung in Rußland ist der Antisemitismus zum Ausdruck gekommen. Darüber schreibt die „N. I. K.": Der zurzeit in Peterburg tagende Kongreß der russische n Aerzte und Naturforscher — diese Kongresse, die den Naulen des großen russischen Mediziners und Menschenfreundes Pirogoiv tragen, sind der Sammelpunkt der fortschrittlichen und volksfrellndlichen Intelligenz Rußlands — hatte Gelegenheit, sich auch mit der Judenfrage zu,befassen. Leider ist selbst diese achtbare Institution von dem „Geiste der Zeit" nicht ganz.verschont geblieben. In der Sektion für Heeres- und Marinewesen referierte ein gelvisser Doktor Tanfilew über „körperliche Gebrechen" und hielt bei dieser Gelegenheit eine Schimpfrede aus die Juden, die er beschuldigte, sich häufig selbst zu verstümmeln, um dem Militärdienst zu entgehen. Schließlich verlangte der Redner den Ausschluß der Juden aus der Armee. Ihm assistierte dann ein zweiter patriotischer Arzt, Herr Krasnorutzky. Der Vorsitzende, Professor Makkawejew, Chef der militärärztlichen Akademie, ließ die patriotischen Redner gewähren. Zu Ehren des Kongresses muß aber sestgestellt werden, daß diese Auslassungen einmütige Entrüstung hervorriesen, so daß die betreffende Sektion sich veranlaßt sah, den Vorsitzenden zu beauftragen, in den Bulletins des Kongresses eine Erklärung zu veröffentlichen, die die erwähnten Redner ausdrücklich desavouiert. \ Im Gegensätze zu diesem unerquicklichen Zwischenfall hatte übrigens der Kongreß anderseits Gelegenheit, seine schönen humanen Traditionen zur Geltung zu bringen. Die Sektion für gesellschaftliche Medizin nahm einstimmig eine Resolution an, die die Abwanderung russischer Studenten nach dem Auslände als Folge der engherzigen reaktionären Negierungspolitik hinstellt und gegen die Russenhetze an den. ausländischen Universitäten, protestiert. Der Kongreß drückte -gleichzeitig die Hoffnung aus,, „daß die freiheitlichen Traditionen des deutschen Volkes schließlich über die, kleinlichen nationalistischen und Standesinteressen den Sieg davontragen werden." Wichtiger noch als diese Resolution war eine andere Kundgebung des Pirogowkongresses. Unter stürmischer Zustimmung der Versammlung nahm der Kongreß am 18. Juni eine Resolution an, die gegen den Beilisprozeß und die damit verbundene Ritualmordhetze scharfen.Protest einlegt. Auch in Deutschland zeigt sich da und dort der Antisemitismus. In einem Berichtüber, die Cha r l o t t e n b u r g e r Stadtverordnetenversammlung heißt es: Bei der Vorlage über die Altersversorgung der Lehrkräfte an den privaten höheren Mädchenschulen (Referent des Ausschusses Stadtverordneter Dr. Damm) ergab sich eine Debatte über die Frage, ob die Lehrerinnen an. Schulen mit konfessioneller Beschränkung (Ausschluß von jüdischen Kindern!) mit in die Versorgung einbegriffen sein sollen oder nicht. Der. Magistrat hatte Berücksichtigung gewünscht, und Bürgermeister Dr. Maier vertrat diesen Standpunkt. Der Ausschuß hatte einen Kompromißweg vorgeschlagen. Hiernach soll die an Schulen mit konfessioneller Beschränkung zurückgelegte Dienstzeit unberücksichtigt bleiben, aber bei gleichzeitiger Unterrichtserteilung auch an anderen Schulen soll die' gesamte Wartezeit angerechnet werden. Die Leiter konfessionell beschränkter Schulen sollen unter keinen Umständen die Unterstützung genießen. Stadtverordneter Granitza (V. A. Fr.) bekämpfte den Magistratsstandpunkt lebhaft und trat sür die völlige Beseitigung der privaten Schulen ein. Die Lehrkräfte an antisemitischen Schulen dürften nicht unterstützt werden. Stadtverordneter Jastrow (lib.) plädierte für das Ausschußkompromiß und verlangte Berücksichtigung der Gefühle der jüdischen Bevölkerung, die in den konfessionell beschränkten Schulen und in der Zurücksetzung der jüdischen Mädchen eine Ungerechtigkeit sähe. Bürgermeister Dr. Maier betonte demgegenüber, daß viele jüdische Herren gerade den Magistratsstandpunkt billigten. Stadtverordneter Schwarz (lib.) hob gegenüber Granitza hervor, daß die Abschaffung der Privatschulen nicht so einfach sei. Die Lehrerinnen an antisemitischen Schulen seien manchmal gezwungen, um Brot zu verdienen, an solche Schulen zu gehen. Sie dürfe man nicht durch Entziehung der Unterstützung strafen. Stadtverordneter Dr. Landsberger (lib.) betonte demgegenüber, daß unter allen Umständen die konfessionelle Ausgestaltung bekämpft werden müsse aus Gerechtigkeitsgefühl. Wollte man etwa auch die Lehrkräfte adliger Schulen unterstützen, wenn sich solche auftun würden? Hier müsse man einen prinzipiell klaren Standpunkt' einnehmen. Stadverordneter Vogel (Soz.) wundert sich, daß sonst ganz vernünftige Leute hier so „verbohrt" seien, gegen die Magistratsvorlage zu spreche!», nahm aber ans Zureden des Vorsitzenden Dr. Frentzel diese Ausfälle zurück.. Stadtverordneter Hirsch (Soz.) meinte, durch die Ablehnung der Vorlage würde man eine große Ungerechtigkeit gegen die Lehrkräfte begehen, die ihr Brot an solchen konfessionell beschränkten Schulen verdienten. — In der etwas komplizierten Abstimmung wurde schließlich das Ansschußkompromiß abgelehnt und die Magistratssassung angenommen. Wir denken auf die etwas unklare Angelegenheit nochmals zurückzukommen. # Sehr erfreulich wirkt ein Artikel der „Kölnischen Zeitung" zur Frage der Iuden im Heer e. Er ist zwar von einem Juden geschrieben, aber daß ihn die genannte Zeitung ausnimmt und durch keine Bemerkung abschwächt, ist mit Freude zu begrüßen. Der Artikel lautet: Im Februar und März war ich in Frankreich'. Verspürte an mir die Stimmung der Franzosen, aus der Lunöville und Ranch folgten. Kann bestätigen, was in der- „Kölnischen Zeitung" über das unangenehme Verhalten der Franzosen Deutschen gegenüber an der Riviera berichtet und anderswo bestritten wurde. Focht den üblichen vergeblichen Strauß aus mit den: Hotelbesitzer, der seinen Tisch mit den Fahnen. aller Länder und Ländchen ziert und die deutsche wegläßt. War in jener bekannten Volksversammlung, in der man Jaurös nicht zu Worte kommen ließ, weil er zur Besonnenheit 'mahnte, und wo man das Wort „Preuße" gebrauchte wie ein verächtliches Schimpfwort. Und las' alles das an Schmachreden und. Beleidigungen, was von der großen Pariser Presse zusammengetragen wurde, um das' Gesetz über die dreijährige Dienstzeit vorzubereiten, das damals begann, zur öffentlichen Erörterung gestellt zu werden. Und nur einer, der 'damals dabei gewesen ist, kann so recht die Freude verstehen, die ich und die anderen da draußen empfanden, als das große deutsche Wehrgesetz angekündigt wurde. Und dazwischen, wo dein deutsches Volksgesühl aufbrauste wie nie zuvor, kam . mir so recht der Schmerz darüber zum Bewußtsein, daß du, da draußen der Deutschesten einer, drinnen im Lände zu einem Deutschen zweiten Grades. gesteinpelt. wirst. Denn dasselbe