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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1913-07-04 · Heft 27 (4.7.1913) · p. Seite 314

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
77 (1913)
Issue
Heft 27 (4.7.1913)
Date
1913-07-04
Page
Seite 314 (sequence 2)
Language
German
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314 die Mitglieder des Gemeindevorstandes vermögen. Sie . kennen das Bedürfnis und die Ansicht der Gemeindemitglieder, sie sind imstande, nützliche Fingerzeige zu geben. 3. Es gibt/in Berlin g e i st i g s e h r h o ch st e h e n d e M an n'e r, die dem Gemeindeleben fernstehen. Ich will keine Namen nennen, aber ich möchte daran erinnern, daß es in Berlin viele bedeutende jüdische Juristen, Mediziner, Philosophen, Physiker, Mathematiker, Historiker, Literarhistoriker, feingebildete Kaufleute gibt, die man, solange das Institut der Probe- oder Gastpredigten besteht, zu einer solchen berufen und nach einer solchen befragen sollte. Man sage nicht, diese Männer werden doch nicht kommen. Ich. bin vielmehr überzeugt, daß, wenn man sie in einem höflichen, dringenden Schreiben,"nicht etwa mit einer gedruckten Eintrittskarte einlüde, jn einem Schreiben, in dem die Wichtigkeit der Angelegenheit und die Bedeutsamkeit ihres Rates hervorgehoben würden, sie alle oder wenigstens ein.großer Teil unter ihnen das Opfer bringen würden^ eine solche Predigt anzuhören und ihr Gutachten zu erteilen. 4. Vor allem aber, wenn man z. B. das Befragen der Rabbiner scheut, sollte man vor der Berufung eines Rabbiners jüdische Gelehrte von Ruf, an denen es auch in unserer Gemeinde nicht fehlt — ich nenne, um nur ein paar hervorzuheben, Direktor Holzman, Dr. Sonnenschein, Dr. Ellbogen — offiziell über die Kandidaten befragen. Solche Männer wären bei ihrer literarischen Bildung und ihrer Personalkenntnis wohl geeignet, ein Gutachten zu erstatten, nicht etwa nur über eine Probepredigt, die ich ja perhorresziere, sondern über den Mann, über seine Begabung, seine Kenntnisse, seine Leistungen und feinen Charakter. Durch solche Gutachten würden die Gemeindebehörden besser instruiert als durch zufällige, von auswärts eingeholte Berichte oder durch die gutgemeinten, aber höchst unheilvollen Empfehlungen von Gymnasialdirektoren, Regierungspräsidenten und anderen/ gewiß sehr wackeren Männern, die bei ihren Empfehlungen meist die besten Intentionen haben, aber durch sie viel mehr Schaden als Nutzen stiften. 5; Bisher ist immer vorausgesetzt worden, daß die Gemeindebehörden, das heißt Vorstand und Nepräsentantenkollegium, die Wahl vornehinen, aber ich glaube, dieser ganze Modus müßte geändert w e r d e n. In Stockholm findet, wie ich höre, die Wahl eines Rabbiners durch die ganze Gemeinde statt. Das läßt sich vielleicht in Berlin nicht durchführen, aber man müßte ad lioc eine besondere Kommission wählen, die aus Männern zu bestehen hätte, die in den obigen Ausführungen unter 1 bis 4 gekennzeichnet sind. Wenn man zu den etwa 40 Männern (wobei ich den Vorstand, ° die Stellvertreter, die Repräsentanten und ihre Stellvertreter zusammenrechne) etwa ebenso viele aus der Gemeinde wählen ließe: Rabbiner, Vorsteher der Synagogen, Notabeln der verschiedensten Art und jüdische Gelehrte, so würden diese 80 Männer in der Tat die geeignetste Gemeindevertretung bei einem so hochwichtigen Ereignis sein, wie es die Wahl eines Rabbiners ist. Ich bin überzeugt, daß manche deutsche Gemeinde — denn mein Vorschlag bezieht sich keineswegs nur auf Berlin, sondern gilt in ähnlicher Weise für viele der größeren und kleineren Gemeinden — durch die Beachtung dieses Vorschlags von manchem Mißgriffe zurückgehalten und auch das Wohl der Gemeinde gefördert würde. Sie Mochr. Berlin, den 1. Juli 1913. Wnter den führenden deutschen Blättern ist die „Franks. Zeitung" das einziges das immer wieder in großen Leitartikeln auf die Sache des Beilisprozesses, auf diese aller Menschlichkeit und aller Gerechtigkeit hohnsprechende Tragikomödie eingeht und sie aufs schärfste brandmarkt So schreibt sie: Denn keine Ritualmordafsäre der letzten Jahrzehnte dürfte''eine solche Fülle organisierter Gemeinheiten enthalten hüben. Die demoralisierende Wirkung des Hasses i hat vielleicht einzig und allein in der Dreysusäffäre ebensolche erschreckenden und ahstoßendeir 'Erscheinungen gezeitigt: Die-geriebenen Führer der Reaktion fürchten darum, wie gesagt, noch mehr als den eventuell für sie ungünstigen Ausgang des Prozesses die Aufhellung ihrer, eigenen Missetaten. Dadurch in erster Reihe erklärt sich ihre Nervosität, dadurch ihre Unruhe nach ihrem Sieg, den ja die Bestätigung der Anklageschrift bedeutet! '! "l In einem zweiten Artikel schreibt dieselbe Zeitung: Käme es so, dann würde das allerdings die Krönung des Verfahrens bedeuten, das nun seit mehr als zwei Jahren im Gange ist und sich eigentlich aus lauter Ungereimtheiten, Willkürlichkeiten und Rechtsbeugungen zusammensetzt. Als man vor zwei Jahren die Leiche des ermordeten Knaben in einer Höhle bei Kiew fand, hatte das Gericht keinerlei Anhaltspunkte für die Feststellung der Täterschaft. Aber von Anfang .an wurde in anonymen Zuschriften der Verdacht eines Ritualmordes ausgesprochen, und der Untersuchungsrichter hat auch schon sehr bald auf .Veranlassung des Staatsanwalts die Untersuchung in der Richtung geführt, ob nicht ein Mord aus religiösen Motiven in Betracht komme. Die Tatsache, daß die Leiche des ermordeten Knaben mit 47 Wunden bedeckt war, sollte als ein Beweis dafür gelten, daß das Opfer des Mordes qualvoll gepeinigt und durch Blutentziehung getötet worden sei. Das steht nun zwar im Widerspruch mit allem, was sonst Don den Vertretern der Blutlegende über die Form des Ritualmordes behauptet wird. Dennoch haben sich Professoren der Universität Kiew, Obolonsky, der Vertreter der gerichtlichen Medizin, und der Psychiater Sikorski, in Gutachten geäußert, von denen das letztere ganz ausdrücklich den Ritualmord durch einen Juden annimmt, während, die Aeußerung Obolonskys offensichtlich, ohne dieselbe Vermutung klar auszusprechen, doch so äbgesaßt ist, daß sie auf dasselbe Ziel hinweist. Außerdem hat der Untersuchungsrichter noch den Archimandriten Ambrosius des Kiew-Petschersker Klosters vernommen, der zwar selbst erklärt hat, er habe die Frage des Rituglmordes nicht studiert, aber von zwei aus dem Judentum übergetretenen Mönchen gehört, daß bei der jüdischen Sekte der Chassiden der Brauch des Ritualmordes bestehe. Diese Gutachten nun sind von privater Seite einer Reihe von europäischen Autoritäten der gerichtlichen Medizin in Deutsch-' länd, Oesterreich, der Schweiz, Frankreich und England unterbreitet worden, und alle ohne Ausnahme haben, teilweise sehr kategorisch, erklärt, daß der medizinische Befund, wie er in den Sektionsprotokollen vorliege, zu den von den Kiewer Professoren gezogenen Schlüssen, auch soweit sie rein tatsächlicher Natur sind, nicht den geringsten Anlaß gebe. Einer von den privaten Gutachtern weist gegenüber Prof. Sikorski mit Recht darauf hin, daß immer nur dort „Ritnalmorde" vorkämen, wo man . daran glaube, wie auch Gespenster nur dort zu erscheinen pflegen, wo der Gespensterglaube noch herrscht. Es wird zwar in der russischen Presse,' die dem Staatsanwalt sekundiert, behauptet, das Gericht habe überzeugende Beweise gegen den Angeklagten in der Hand. In Wirklichkeit sind es jedoch in der Hauptsache nur die obenerwähnten „Gutachten", die das Bcweismaterial bilden. Dagegen ish durch die von dem früheren Polizeibeamten Krassowski und dem Journalisten. Brasul, Bruschowskr auf eigene Faust geführte Untersuchung überzeugend dargetan worden, daß der Mord des Knaben Juschtschinski das Werk einer Verbrecherbande gewesen ist, die einen unbequemen. Mitwisser beseitigen wollte. Der Staatsanwalt und das Gericht'haben freilich' diese privaten Erhebungen nicht nur nicht benutzt, um den wirklichen Täter zu suchen, sondern ihre Feststellungen für „Phantastereien" erklärt. Krassowski ist überdies, um ihn unschädlich zu machen, wegen eines früher begangenen Vergehens im Amte gemaßregelt und bestraft worden. Hartnäckig hat man an der wahnwitzigen Anklage sestgehalten, die im Begriffe steht, den Kiewer Prozeß zu einem Schandmal vor ganz Europa zu machen. Vergeblich haben zuerst die vornehmsten russischen Dichter und Schriftsteller, dann die hervorragendsten Vertreter der westeuropäischen Völker, .Männer der Kirche, der Künste und Wissenschaften, der Politik, des Handels und der Industrie warnend ihre Stimmen gegen das Ungeheuerliche erhoben, das sich in der Stadt des heiligen Wladimir vorbereitet. Cs hat alles nichts geholfen. Der Prozeß ist

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