Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 77 (1913)
- Issue
- Heft 26 (27.6.1913)
- Date
- 1913-06-27
- Page
- Seite 312 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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- 312 Wie Lisalotte sich, zu Bett begeben hattelöschte Helene die Lampe und sagte ein weiches Gutnacht mit einer Stimme, die wie eine linde Hand war. Herr von Baben sandte einen Kranz und eine Karte mit höflicher Teilnahme an dem schweren Verlust. Er besuchte sie nun nicht mehr so oft wie früher. . Die komische Alte, das Nemgkeitsblatt des Theaters, wußte, daß Herr von Baben sich mit der Tochter eines der reichsten Fabrikanten der Stadt verlobt hatte. Diese edle Seele verschaffte sich eine Verlobungsanzeige und legte sie Lisalotte vor den Schminkspiegel. Sie tat es aber ein wenig zu spät, denn Lisalotte überraschte sie bei dieser höflichen Aufmerksamkeit. „Ich danke Ihnen, Frau Greiffer," sagte sie. „Ich weiß es schon von Herrn von Basten selbst." So schnitt sie allem Spott und Hohn den Lebenssaden entzwei. Nach dem Theater, wie Helene ihr beim Aufräumen bei einigen Toilettesachen behilflich war, fühlte diese Plötzlich zwei schlanke Arme um ihren Hals, und ein Weinen und Schluchzen löste sich aus einer schier unerträglichen Oual und versank dann wieder in Schweigen und Verstehen, in einer stummen Bitte um Stille und in einem Versprechen, das weder Worte noch Laute brauchte. * Nach vielen Jahren, die erfüllt von Arbeit waren, fand Lisalotte Waldeck krank, überreizt bei einem Verwandten in der kleinen galizischen Vaterstadt wieder Unterkunft. Sie war sehr mager geworden, sie ging sehr gebeugt, und wenn ihre Taille abends über der Sessellehne hing, zeigte sie einen runden ausgedehnten Rücken. Der wundersame Glanz ihrer Augen war erloschen. Die Brust tat ihr weh, und sie fühlte sich so gar nicht zu Hause bei diesem kleinen Häuflein feilschender, rechnender, im tiefsten Kleinstadtmilieu steckender Juden. Sie hatte für eine Weile den Atemzug des Ghetto vergessen. Vergessen, daß auch hinter ihr die Ketten dieses Volkes leise klirrten. Nun sah sie sich um und erschrak. Aus dieser Mitte war sie gegangen und hatte unermeßlich Großes gewollt. Aus einer tiefen Sehnsucht kamen die Schmerzen bitterer Enttäuschung, qualvolle Furcht und Angst vor dem Alter. Ihr Mund hatte seine schöngeschwungene Linie verloren, er senkte sich wie zu einem herben Vorwurf gegen das Leben. Sie sprach wenig und hielt sich so viel es irgend möglich war, fern von der geschwätzigen Neugier, die sie umgab, von all den aufdringlichen Ratschlägen, von dem Lärm und dem Getue dieser Verwandten. Stundenlang ordnete sie verblichene Kleider, die an. den Säumen von dem Staub vieler Bühnen zerfressen waren. Die einstmals bunten Farben waren verblaßt; verschiedenes Rot hatte sich in schmutziges Gelb oder fahles, lebloses Braun verwandelt. Assyrisches Blau war in schmutziges Grau versunken. Heber dem Mantel der „Julia", der einst golden wie die untergehende Sonne war, weinte sie heiße, bittere verzehrende Tränen. Mitunter tastete ihre linke Hand nach dem Herzen, Das tat ihr so weh, ach so weh! So, als wäre es in einem viel zu engen, hartwandigen Raum eingezwängt. Dann schlürfte sie die Luft wie einen Trank, die Falte über der scharf gewordenen Nase vertiefte sich und weit — weit in einer glanzvollen Ferne sah sie Rampenlichter, sah Menschen mit großen edlen Gebärden, sah Blumen und weite Gärten, hörte das Rauschen des Beifalls und hörte den Klang ihrer Stimme wie sie einst war: silbern — kristallklar.. Nur einen Winter wollte sie ausrühen; wollte nicht arbeiten und sich frische Kräfte sammeln zu neuem Schaffen. - Sie träumte von einer Königin, die sie in einem smaragdgrünen Samtkleid, in das goldene Granatäpfel gestickt sein sollten, spielen wollte. Wie die Leute staunen und sie bewundern würden! Gleich einer wahrhaftigen Königin würde sie dastehen! Und da packte sie das Verlangen, irgendeine Rolle vorzulesen. Abends setzte sie sich dann hin und las „Maria Stuart" oder „Sappho", die „Claire" aus dem Hüttenbesitzer. Da saßen dann einige Verwandte und hörten zu. Die Frauen waren gerührt. Und die Männer machten wohl auch einen schlechten Witz. Wenn sie dann zu Ende gelesen hattesah sie mit ihren traurigbraunen Augen, in denen alle Erregung ihrer Seele stand, über diese Sippe hin. Und fühlte sich dann weit, weit fort und so fremd unter ihnen, daß ein Frösteln sie überkam und das Verlangen, allein zu sein.; Sie schrieb an Agenten und sorgte sich um ein Winterengagement. Endlich erhielt sie nach langem Warten und Drangen ein Engagement an eine mittlere Provinzbühne. Da begann sie Kostüme auszufrischen und ließ sich buchblattgrünen Samt kommen und fing nun an, Dranatäpsel in diesen Samt zu sticken. Zwei rote Rosen blühten auf ihren Wangen, und ihre Hände waren kalt vor Erregung, sengender 'Erwartung und Sehnsucht. So saß sie an dem alten wackeligen Stickrahmen, den sie für ein mäßiges Entgelt bei einer deutschen Kaufmannsfrau geliehen hatte, und stickte. Sie sah nicht, daß man hinter ihr die Achseln zuckte, sie sah nicht, daß man sie mitleidig anblickte, sie fühlte das hämische Bedauern nicht, das alle die haben,'bie klein, erstickt und engherzig das erfolglose Ringen eines Menschen ansehen, der es gewagt hat, außerhalb ihres Kreises sein Glück zu suchen. Ihre Augen waren unheimlich dunkel und groß geworden, und die tiefen Schatten, die um sie waren, verstärkten noch den Eindruck. . Wenn es Abend wurde und Lisalotte die Hände ruhen ließ, fürchteten sich die Kinder vor ihr und blieben scheu in ihrem Ofenwinkel und starrten sie an und wagten sich erst vor, bis die Mutter Licht machte und nicht mehr in den Laden hinunter mußte. Im Frühjahr trug man Esther Chaim hinaus, und nicht weit von Sische kam sie in die Erde. * Der Redakteur der kleinen Zeitung brachte am nächsten Sonntag einen Nachruf. In ihm war die Rede von Erfolg und Lorbeer, Glanz und hohem Künstlertum, wie ein Strahlenkranz um das Leben der Esther Chaim gewunden. „Seht, wie groß die Esther war", sagten die Verwandten, „und so bescheiden war sie, daß man keine Ahnung hatte von ihrer eigentlichen Bedeutung." Und sie waren stolz und freuten sich, wenn ein Kunde kam' und wissen wollte von Lisalotte Waldeck, die nun tief in der Erde schlief und ausruhte von Enttäuschung und Bitterkeit, von unerfüllten.Hoffnungen, wie sie nur ein Mensch empfinden mag in tiefem, tiefem Alleinsein. Der warme Frühlingswind blies die letzten Neste des Schnees und Eises aus den Furchen und Narben der Erde, weckte die schlummernden Keime und Gräser und blieb wie ein grüner Schleier haften auf den zwei Fliederbäumchen, die die alte Frau Chaim an Sisches Grab gepflanzt hatte! Druckkehlerbrrichtigmis. In dem in der vorigen Nummer im „Gemeindeboten" zum Abdruck gelangten Aufruf des D. I. G. B. muß es in der drittletzten Zeile statt Erfolg „Brot" heißen.