Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 77 (1913)
- Issue
- Heft 26 (27.6.1913)
- Date
- 1913-06-27
- Page
- Seite 311 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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311 Leipzig, 22. April 1843. Die neue Broschüre von Bruno Bauer „Die Judenfrage" wird jedenfalls sehr großes Aufsehen machen. Die Schärfe seiner Kritik zersetzt das Judentum ganz und gar, und ohne mit allem einverstanden zu sein, muß man ihm 'doch Dialektik, Geist und tiefes Denken zugestehen. Es ist schade, daß solch ein begabter Mann nicht im Interesse der guten Sache tätig ist. . . Frankfurt, 21. Mai 1848. Als neuestes Kuriosum melde ich Ihnen, baß die Unternehmung einer neuen Zeitung im Werke ist. Dieselbe soll auf Aktien' gegründet werden, und eine namhafte Summe oder das Ganze (20--25 000 Fl.) soll bereits beisammen sein. Die Unternehmer sind die Doktoren Braunsels, Creizenach und (hinter beiden) Gutzkow. Creizenach ist bereits in Darmstadt gewesen, um dort wegen 'der Konzession zu unterhandeln. Ich zweifle, daß man sie ihm geben wird; dann wird man sich in Nassau, Hessen-Kassel oder hier umsehen. Ob es jetzt an der Zeit ist, eine neue, politische Zeitung, deren Tendenz auf der Hand liegt, im Mittelpunkte Deutschlands edieren zu lassen? Die Aktionäre sind samt und sonders Israeliten, und von einer Positiven Richtung wird um so weniger die Rede sein, als die Herren Braunsels und Creizenach vielmehr nur zu der jüdisch-negativen Richtung Talent besitzen ... Frankfurt, den 14. November 1844. Die Gesellschaft „Iris", welche fast ganz aus freisinnigen Literaten besteht, feierte gestern abend ihr Stiftungsfest und zugleich die Geburtstage Luthers und Schillers. Die Geburtstagsfeier Luthers ist um so bemerkenswerter, da die Hälfte der Mitglieder der „Iris" Juden, und ein Teil der zweiten Hälfte Katholiken sind. Ja, ein Katholik, der Schriftsteller Heribert Rau, hielt eine Lobrede auf Luther und verband damit einen Toast auf den katholischen Priester Ronge, wegen seines Sendschreibens an den Bischof Arnoldi. Ueberhaupt wurden mehrere Spottgedichte auf die Ausstellung des Heiligen Nockes vorgetragen, u. a. eines von Dr. Ludwig Wihl verfaßt: „Die Eselin von Verona", ein anderes von Pirazzi in Offenbach verfaßt: „Ein neues Wunder". Die Juden jubilieren über die Profanierung, mehrere Christen sprachen sich aber, obgleich Protestanten/streng dagegen aus. Frankfurt, den 30. November 1844. Der Schauspieler Hallenstein bei dem hiesigen Theater hat ein langes Gedicht verfaßt, das „Zwei Ellen Raum im Himmel" heißt, in welchem ein Papst einem Juden, der ihn von Zahnschmerzen befreite, eine Verschreibung auf zwei Ellen Raum im Himmel als Belohnung gegeben. Der Jude verschachert aber den Schein gegen Gold an einen sterbenden Katholiken und verteidigt sich dann aus eine Weise beim Papste, daß dieser ihn gehen lassen muß. Es wird einiges Aufsehen machen, denn es ist sehr pikant und unsere Zeit für solche Dinge sehr empfänglich. Den Schluß mag ein Bericht, Frankfurt, den 5. Januar 1845, machen. „Dr. Verth old Auerbach weilte einige Tage hier und ist nun bei seinem Freunde Heinrich König in Fulda. Von da geht er nach Norddeutschland und will zunächst einen längeren Aufenthalt in Berlin nehmen, um die dortigen Zustände kennen zu lernen. Auerbach, der seit länger als Jahresfrist in Karlsruhe wohnte, gehörte der gemäßigten Partei, aber immerhin den Liberalen an. Mit den Koryphäen der Opposition der Badischen Abgeordnetenkammer steht derselbe in sehr freundschaftlichem Verhältnis. Wenn er sich auch'nicht ganz offen darüber ausgesprochen hat, scheint er nach Berlin zu gehen, um für Bassermann ein Büch über die dortigen Verhältnisse zu schreiben. Auerbachs Schwarzwälder Dorfgeschichten sind in 1600 Exemplaren vergriffen und Bassermann läßt nun eine Prachtausgabe davon erscheinen. Auerbach stand seither auch mit an der Spitze der Deutschen Volksbibliothek, hat aber seine Redaktion an Hermann Kurz abgegeben. Er ist überhaupt ein eifriges Glied der Partei, welche das Volk durch geistige Bildung der Freiheit entgegenführen will und welche sich daher von der Gemeinschaft mit den eigentlichen Demagogen entfernt hält. Ein Heine, Karl Grün, Herwegh usw., sind nicht die Leute Auerbachs. Es ist überhaupt mit diesem Freiheitsapostel mehr sittlicher Gehalt als in den meisten anderen." Ghetto. Eine alte kleine Geschichte. Von EllynKarin. (Schluß.) 0 isalotte war glücklich und kümmerte sich um keinen Klatsch. Eines Morgens wartete sie vergebens, daß ihre Mutter sie zum Frühstück rufe. Alles blieb still. Da ging sie in ihrer Mutter Zimmer und sah, daß die alte Frau mit dem Gesicht der Wand zugekehrt dalag. Und wie sie sich übersie hinbeugte, sah sie, daß die Mutter tot war. Steif und kalt lag sie da und hatte die Finger ineinandergeklemmt. Lautlos sank Esther vor dem Bette in die Knie. Nun war sie ganz allein. Jetzt war niemand mehr da, der ein Recht hatte, ihr Gutes zu tun, niemand für den sie eine Pflicht fühlte, ganz, ganz allein war sie. Erstaunt blickte sie in sich und fand, daß doch eigentlich einer da sein sollte, an den sie sich in dieser schweren Stund'e hätte halten müssen. Aber plötzlich erkannte sie, daß nur sie stets die Gebende war. Da schämte sie sich, und zitternd vor Weh und Einsamkeit vergrub sie ihr Gesicht in ihren Händen. Am Abend mußte sie spielen. Sie erschrak, daß sie es konnte. Sie wunderte sich, daß sie in einer fremden Frau Gedankenkreis sich zurechtfand, und daß sie vergessen konnte die alte Frau, die mit dem Gesicht der Wand zu lag und still und stumm, war und nichts mehr wußte von der kleinen, engen Welt, in der sie gelebt und gelitten. Ueber sich selbst wuchs sie hinaus, litt Qualen und Schmerzen und hatte brennende Wunden in ihrer Seele. So hatte noch keine aus dieser Provinzbühne gelitten und geweint. Der Regisseur küßte ihr in einer Art, als stünde er auf der Bühne,' die blassen Hände. Die Garderobiere begleitete sie nach Hause. Auf der dunklen Treppe mußte sie sich an dem Geländer sesthalten, und die Tränen kamen ihr heiß und schwer,' so, als wollten sie erst sagen, wie verlassen und einsam sie war^ Aber ihr Zimmer fand sie beleuchtet, und die Haustochter ordnete alles zur Nacht. Freundlich meinte diese dann, „Fräulein Waldeck, nicht wahr, heute essen Sie bei uns, Mutter wartet mit dem Tee." „Danke Helene, ich kann nichts essen, ich bin so müde." Da ging Helene und brachte leise und still heißen Tee und einige belegte Brötchen. Sie machte sich auch ohne zu reden ein Bett zurecht auf der Ottomane und half dein Fräulein beim Auskleiden. Ganz still tat sie alles in jener wortlosen selbstverständlichen Art, wie es Menschen mit einem vornehmen Herzen an sich haben.