Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 77 (1913)
- Issue
- Heft 26 (27.6.1913)
- Date
- 1913-06-27
- Page
- Seite 309 (sequence 9)
- Language
- German
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809 auch die Pflicht, es auszuüben und ebenso die Pflicht, ein eingeschränktes Recht Schritt für Schritt wieder auf den Statusquo zurückzusühren. Wir haben nicht das Recht und handeln falsch, wenn wir uns immer weiter zurückdrängen lassen. Wir haben unsere Kinder in die Ortsschule zu schicken und dafür zu sorgen, daß ihnen ein ausgiebiger Religionsunterricht erteilt wird. Es ist richtig, daß die Siniultanschule Zurückgeschraubt wird durch das Volksschulunter- Haltungsgeseß. Aber wir müssen eine Aenderung zu erringen suchen und daran'denken, daß je mehr die Konsessionalisierung der Schulen ausgedehnt wird, die Erlangung der Simu'ltanschule desto schwieriger wird. Es wird weiter ins Feld geführt, der Grundsatz der Gleichberechtigung. Wenn andere Konfessionsschulen errichten, sollen wir das gleiche Recht haben. Aber er sage, die christliche konfessionelle Volksschule erachten wir als einen Fehler. Sollen wir den gleichen Fehler.mitmachen? Und die Hauptsache, die Erziehung in einer konsessioNellen Schule widerspricht dem obersten pädagogischen Grundsatz noä! :schöle set. Vitae. Wenn die Kinder in konfessionell abgeschlossenen Schulen im zarten Alter erzogen werden, so treten sie als Blinde , in das Leben hinaus, die erst' sehen lernen müssen. Der edelste Wettstreit des Geistes wird nur in der allgemeinen Schule angeregt. Dort ist die Möglichkeit der Zusannnennrbeit, des Zusammenstrebens, des.Kampfes um dem. Vorrang gegeben. Und wie sieht es aus, wenn die Kinder aus der Konfessionsschule in einen Beruf, in ein Handwerk treten wollen? Ist es da nicht natürlich, daß der christliche Lehrmeister Kinder aus der Schule seiner Konfession bevorzugt? Dann ist nicht ein Grund gegen die konfessionelle Schule: Wenn wir sie erstreben, geben wir zu, daß der Religionsunterricht den Mittelpunkt des ganzen Unterrichts bildet. Im Mittelpunkt unseres Gesamtunterrichts muß aber unsere Muttersprache stehen. Die Forderung des konfefsionalisierenden Unterrichts ist ein nagender Wurm. Nur wo ganz besondere Berhältnifse vorliegen oder irgendein besonderer Wunsch hervortritt, soll man in kleiner! Gemeinden auch jüdische Volksschulen errichten. Jetzt die Personalsrage. Man sagt, dern.-jüdischen Lehrer sei es schwierig, Anstellung zu finden. Aber es ist doch nicht unmöglich, es ist doch erreichbar. Soundso viele Hunderte haben es erreicht. Gründe liegen oft auch darin, daß in vielen Gemeinden das Kantorat nicht besonders besetzt werden kann, sondern vom Lehrer ausgeübt werden muß.. Da wäre es gut, wenn sich die jungen Lehrer dies vergegenwärtigten. Durch die Einrichtung neuer Konfessionsschulen geben wir zugleich das Reckst für die Anstellung jüdischer Lehrer an öffentlichen Volksschulen, also ein Ziel, um. das wir schwer gekämpft haben und noch känrpfen, aus. Vielleicht ist man jetzt schon auf dem Wege, uns dieses Recht zu nehmen. Diese Gründe haben den Referenten auf den Standpunkt geführt, den der Ausschuß des Gemeindebundes schon vor Jahren eingenommen hat. Er bitte um die Annahme der folgenden Thesen: 1. Die vorhandenen und lebensfähigen jüdischen Volksschulen sind zu erhalten und zu fördern. 2. Neue jüdische Volksschulen sind in kleineren Gemeinden einzurichten, wenn sie durch die am Ort bestehenden und bei der Einrichtung in Betracht kommenden Verhältnisse begründet und deshalb notwendig erscheinen. -3. Neue jüdische Volksschulen sollen in größeren Gemeinden nicht errichtet werden; vielmehr ist die Anstellung jüdischer Lehrkräfte und die Ei-urickstuug jüdischen Religionsunterrichts in der allgemeinen -Volksschule mit allem Nachdruck zu betreiben. 4. Die Auflösung bestehender Simultanschulen soll verhindert, die Schaffung neuer erstrebt werden. — Der zweite Referent Herr Rektor Feiner führte etwa aus: Die Schule sollte nicht Gegenstand der Politik sein. So selbstverständlich diese These dem Kulturfreunde auch erscheint, fo sehr haben die reaktionären Gewalten es verstanden, gerade dieses Instrument zur Beherrschung der Geister zu handhaben, ohne indes den Lehrer diesem Geiste gefügig gemacht zu haben. So ist es begreiflich, daß auch der' jüdische Lehrer gleich seinen christlichen Kollegen sich der gleichen politischen Richtung angeschlossen hat. — Er dankt dem Gemeindebund, daß er die Frage der öffentlichen Volksschule endlich in die öffentliche. Diskussion gerückt hat, und bemerkt: .„Die gesamte jüdische Lehrerschaft Deutschlands wird nicht eher das Feld der öffentlichen Erörterung räumen, als bis die Frage der Begründung und. Erhaltung jüdischer Volksschulen, die für sie eine Lebensfrage geworden ist, ihre Lösung gefunden hat." Der Redner gibt dann einen Ueberblick über die Entwicklung der Schulpolitik und resümiert sich dahin, daß die allgemeine Staatsfchule, -die. unbedingt auch für die Lehrer die zu erstrebende Schulsorm ist, bisher nirgends in die. Erscheinung getreten ist.: Die Simultanschule, ist nur eine idealisierte Konfessionsschule. Selbst unter dem Ministerium Falk wären nur zwei Prozent aller Lehrer an Simultanschulen angestellt und wurden nur fünf Prozent aller Kinder dort unterrichtet. Wo die Simultanschule die Schulform ist, wie zum Beispiel in Nassau, sind die jüdischen. Lehrer doch ausgeschaltet, und simultan ist die Schule nur hinsichtlich der evangelischen und katholischen Christen. Im Osten' werden abgehende oder pensionierte jüdische Lehrer nicht wieder durch Juden ersetzt. Die Berliner Schulen sind für die jüdischen Lehrer nahezu gesperrt. In Breslau, Ivo rnan einige angestellt hat, sind siezu Lehrern niederen, Grades degradiert. Die jüdische Schule loar es, die die Juden in die Neuzeit hinübergesührt hat, und die jüdische Schule ist noch heute mehr als je ein Erziehungsinstitut. Es sei sehr bedauerlich, daß die Juden ihre Volksschulen zu Armenschulen heruntergedrückt haben. Man sage, wir Lehrer wollten die Juden wieder ins Ghetto zurückführen. Das ist eine Beleidigung der jüdischen Lehrer. Viele wissen gar nickst, daß ' die jüdische Schule nach dem Urteil der Behörden Hervorragendes und Mustergültiges leistet. Gerade dort, wo die jüdische Volksschule besteht, ist der GleichLerechtigungsgedanke am stärksten , in der Bevölkerung vertreten. Der Referent verliest sodann die Zuschrift eines hervorragenden christlichen Lehrers, die in dem Freien Lehrer- und Kantorenblatt veröffentlicht ist, und die sich in sehr warmen Worten für die jüdische Konfessionsschule ausspricht. Die Verschiebung' der jüdischen Bevölkerung habe den Bedarf an jüdischen Lehrern eingeschränkt. Die Verhältnisse in der deutschen Judenheit sind derart geworden, daß, wenn nickst in absehbarer Zeit eine Aenderung der jüdischen Schulpolitik von Grund aus vorgenommen wird, der jüdische Lehrerstand seinen! Untergang entgegengehen muß. Wie die Dinge liegen, muß der Nachwuchs ausbleiben. Die gegenwärtige Generation werde auf dem Posten ausharren und ihre Pflicht tun. Aber man könne -dem Lehrer nicht zumuten, eine neue Generation ' heranzuziehen, um ohne Licht, ohne Brot und ohne Wirksamkeit zu bleiben. Der Redner schließt mit einem Worte Gabriel Rießers, das sich gegen die Verfechter eines starren und darumin seiner Wirkung ungerechten Prinzips wendet. Er stellt schließlich den folgenden Antrag: „Der VI. Gemeindeverbandstag erklärt sich im Prinzip für die paritätische Volksschule. Angesichts des Umstandes/daß in den meisten deutschen Bundesstaaten die Volksschulen einen räin konfessionellen Charakter tragen, hält er im Interesse unserer staatsbürgerlichen Gleichstellung 'und im Interesse der jüdischen Erziehung unserer Jugend die Errichtung jüdischer Volksschulen neben den Bestehenden protestantischen und katholischen für wünschenswert." Der nächste Redner Sanitütsrat Dr. Apfel erklärt, daß er auf dem Standpunkt der Allgenreinschule stehe und weiter dafür kämpfen werde.- - Aber das Volksschulgesetz hat die Schulen konfessionnlisiert. Und das habe ihn zu einer Revision seiner Auffassung geführt. Nach einer im „Berliner Tageblatt" veröffentlichten Statistik sind, im Jahre 1911 7333 evangelische Klassen mit 198 043 Kindern neu geschaffen, - ebenso 5867 katholische Klassen mit 235 260 Kindern. Dagegen hat die'Zahl der Klassen der Simultanschulen um 703 mit 39 701 Schülern abgenommen. In einer Reihe von Städten sind die paritätischen- Schulen verschwunden. Nach einer Statistik in einem jüdischen Blatte besuchen nur Prozent der evangelischen und 10 Prozent der katholischen Schüler Volksschulen einer anderen Konfession, dagegen beträgt die Ziffer bei den jüdischen Kindern 78,1. Es sei nicht zu bestreiten, daß die'Kinder in den christlichen Schulen christianisiert und als Fremdkörper betrachtet werden. Wie'soll der jüdische Lehrer sein zweites Examen machen, wenn ihm in den christlichen Konfessionsschulen.nicht die Möglichkeit des Unterrichts gegeben wird, ohne , dessen Nachweis er. nicht zugelassen wird. Er verweist auf die Verhältnisse. in Köln, wo bereits seit Jahren erste städtische jüdische Volksschule, die von 8 Klassen auf 14 gestiegen ist, besteht, und wo die städtischen Körperschaften soeben die Begründung einer zweiten jüdischen Volksschule mit einem Kostenaufwand von 685 000 Mark beschlossen haben. Jüdische Schule und jüdischer -Lehrer sind dort vollkommen gleichberechtigt. Jüdisch-religiös könnten die Kinder in christlichen Schulen nicht erzogen werden. Er stellt den folgenden Antrag:,„Der VI. Verbandstag befürwortet unter den gegenwärtigen Verhältnissen die Gründung von jüdischen Volksschulen." Direktor Dr. Adler erkennt die Tätigkeit der Berliner und Frankfurter Gemeinde in bezug aus die Verbesserung des jüdischen Religionsunterrichtes an. Er erklärt, daß er unter den stegebenen Verhältnissen gegen Punkt 4 der Blaschkeschen. Thesen stimmen werde. Justizrat Friedmann betrachtet die Frage vom rein politischen Standpunkt, denn