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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1913-06-27 · Heft 26 (27.6.1913) · p. Seite 307

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
77 (1913)
Issue
Heft 26 (27.6.1913)
Date
1913-06-27
Page
Seite 307 (sequence 7)
Language
German
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SS H 307 Sujets darstellen. Polnische oder russische Rabbis im Gebetmantel studieren in den heiligen Schriften. Auf dem einen Bilde hat der jüdische Gelehrte einen Esrog in der Hand und f sucht in Gemeinschaft mit einem anderen Rabbi die entspre- | chende Vorschrift in dem dicken Folianten, der vor ihnen | liegt, zu ergründen. Und wenn wir die Auslagen in den § Schaufenstern der Juweliere mustern, finden wir eine f reiche Ausbeute für den jüdischen Altertumsforscher. Ich J entdeckte hier eine silberne Uhr mit einem hebräischen Zifferblatt. Statt der Zahlen befinden sich die Buch- 1 staben Aleph Beth usw. daraus. Daneben finde ich einen silbernen Teller für Mazzos mit entsprechender he- \ bräischer Inschrift und außerdem einen silbernen Teller, aus dem zwei Barches eingeprägt sind, und die ebenfalls mit he- ) brätschen Worten verziert sind. Aufgerollt ist ferner eine aus j Pergament schön geschriebene Megillah, die mit recht bunten J Zeichnungen versehen ist. Aus der einen sehen wir, wie 5 Haman an den Galgen ausgehängt wird und wie der Henker / gemütlich aus der Leiter hinaussteigt, um ihn zu befestigen. Eine recht naive Darstellung, über die man nur lächeln kann, f In der nebenan befindlichen Buchhandlung gibt es schon -• ernstere Themata. Professor Sombarts Buch. „Das Wirt- } schaftsleben der Juden" ist ausgestellt und Felix Philippis \ geistreicher Artikel über Kissingen, der im „Berliner Tageblatt" erschienen ist und hier großes Aussehen erregt hat. Wenden wir uns dann nur noch einige Schritte weiter, 2 dann entzückt uns das neue, in diesem Jahre im Beisein des J Prinzregenten undseiner Gattin eröffnete prächtige Kur- | Haus. Der geniale Baumeister Max Littmann hat hier ein S"' durch seine solide, aber in höchstem Grade imponierende Bauart. prachtvolles Gebäude geschaffen, das dem Badeorte zu J höchstem Ruhm gereicht. Kissingen besitzt jetzt nächst Wies- J baden wohl das schönste Kurhaus. Hier fand gestern zu Ehren des 25 jährigen Regierungsjubiläums des Kaisers ein glänzender Ball statt, und dieser bildete den Abschluß der vielen Veranstaltungen, die aus diesem Anlaß getroffen waren. Auch in der Synagoge hat am letzten Sabbat der hiesige Distriktsrabbiner Dr. Bamberger den Kaiser als den Friedenssürsten gefeiert. Von den bei dem Jubiläum ausgezeichneten Glaubensgenossen, befinden sich einige hier zu Kur. Vor allem erwähne ich Herrn Dr. h. c. James Simon, den Vorsitzenden des „Hilssvereins der Deutschen Juden" und Mitglied der „I. C. A.", der den Roten Adlerorden zweiter Klasse erhalten hat. Ferner weilt hier der Stadtverordnete Kommerzienrat Bamberg, der mit dem Roten Adlerorden dritter Klasse dekoriert worden ist. Ich sah hier verschiedene Mitglieder der Berliner Berwaltungskommiffionen, aber noch keinen Rabbiner. Vermutlich kommen diese, ebenso wie unsere russischen Glaubensgenossen, erst später im Juli. Die Anzahl der jetzt hier weilenden östlichen Glaubensgenossen ist auffallend gering — und viel geringer als in früheren Jahren, obgleich Kissingen bereits längst überfüllt ist. Auch an dem Wochenfest war die Synagoge sehr gut besucht. Die Verwaltung der hiesigen jüdischen Gemeinde hat anerkennenderweise den Anfang des Gottesdienstes aus Rücksicht auf die Badegäste auf 10 Uhr morgens verlegt und hat sich hierbei nach dem Beispiel der Berliner Orgel-Synagogen gerichtet. Der erste Gottesdienst findet bereits früh 7 Uhr für die Mitglieder der Kultusgemeinde Kissingen statt. Von diesen ist ein Teil noch sehr strenggläubig. Sie schließen, trotz der Hochsaison, am Sonnabend ihre Läden, und so haben sie in voriger Woche — d. h. während acht Tage — vier Tage — an zwei Sabbaten und Mittwoch und Donnerstag — ihre Geschästslvkale fest geschlossen gehalten. Eine solche Bereitwilligkeit, für die Religion Opfer zu bringen, verdient die höchste Anerkennung! Allerdings ist die Anzahl der Feiernden auch hier nur klein. Die meisten jüdischen Geschäftsleute haltenwie bei uns, an Sabbat- und Festtagen ihre Läden offen, und auch an diesen Tagen flutet es auf den Promenaden und auf der Saline von Glaubensgenossen, die in der herrlichen Luft Erholung suchen von all den Kämpfen, die das Leben ihnen bringt. Und sind die drei oder vier Wochen vergangen, die der Arzt verordnet hat, dann geht es dankbar für die genossene Kräftigung wieder nach Hause. Der VI. Deutlch-IlrselttllcheVkrbsndstag. y. Berlin, 22. Juni. 3n den Räumen des zweiten Verwaltungsgebäudes der jüdischen Gemeinde fand heute der 6. D e u t sch-Is r ael i t i sch e V erba n d s t a g unter dem Vorsitz des Herrn Professors Dr. Kalischer statt. Erschienen waren die Vertreter fast aller Gemeindeverbünde, außerdem Delegierte der drei großen Verbände der Rabbiner, Lehrer imd Kantoren. Die Zuziehung der letzteren erfolgte, weil es sich bei den Beratungen ausschließlich uni Fragen des Kultusbeamtenstandes und der Schule handelte. Nach herzlicher Begrüßung der Erschienenen durch Herrn Professor Kalischer, der dabei den Wunsch aussprach, daß die Verhandlungen, obwohl es nicht an tiefen Meinungsverschiedenheiten über die Beratungsgegenstünde feljleu wird, vom Geiste der Versöhnlichkeit getragen sein mögen, referierte Herr Professor Türk über den ersten Punkt der Tagesordnung: „Normalvertrag für d i e G e m e i n d e b e a m t e n". Der Versammlung lag ein von der Kultusbeamtenkommission des Verbandes der jüdischen Lehrervereine herrührender Entlvurf vor, dessen grundlegender Paragraph 1 die Anstellung des Kultusbeamten auf drei Jahre mit sechsmonatlicher Kündigung und die Umwandlung der Anstellung stillschweigend in eine definitive vorsieht, falls vor Ablauf der drei Jahre eine Kündigung nicht erfolgt. Des weiteren enthält der Entlvurf in seinen Paragraphen 5 und 6 Bestimmungen über die Pensionierung und die Versorgung der Witwen und Waisen, letzterer bis zum vollendeten achtzehnten Lebensjahr. Herr Professor Türk verlvies ein- - leitend auf Die überaus traurige Lage der Lehrer, die durch die Annahme des Normalvertrages und der einzusetzenden Schiedsgerichte für Streitigkeiten zwischen Gemeinden und ihren Angestellten, die den zweiten Gegenstand der Tagesordnung bilden, gebessert werden solle. Daß Lehrerstellell mit einen: Gehalt von 800 und 1000 Mark ausgeschrieben werden, niüsse einen: direkt ans Herz greisen. Der D. I. G. B. hat sich vergeblich uu: eine Besserung bemüht. Die auf privaten: Wege versuchte Sammlung von Mitteln durch Versendung von Tausender: vor: Aufrufen hat leider ein geradezu klägliches Resultat ergeben. Es sei eine paradox anmutende Erscheinung, daß unsere Glaubensgenossen, die für. die ausländischen Glaubensbrüder erfreulicherweise so gebebereit sind, versagen, wenn es sich darum handelt, Mittel sür unsere Kleingemeinden und für ihre: Lehrer aufzubringen. Er halte selbstverständlich dieTätigkeit für die ausländischeil Glaubensbrüder sür segensreich und notwendig. Aber es muß auch etwas geschehen, um den D. I. G. B. in den Stand zu setzen, der: Gemeinden und Lehrern zu helfen. In erster Reihe käme hierbei der Staat in Frage. Er erhofft sür eine spätere Zeit die Erhöhung dcs- Resolutionssonds und vielleicht auch einer: Erfolg des bekannten Antrages der Abgeordneten Cassel und v. Campe, der bekanntlich Staatsmittel zur Besoldung der jüdischen Gemeindebeamten verlangt. Wenn Gen:einder: heute ihren Lehrer -entlassen, so geschieh: das nicht immer aris Böswilligkeit, sondern lediglich aus den: Mangel an materiellen Mitteln in diesen Kleingenreinden. Der vorliegende Normalvertrag sowie der Schiedsgerichtsentlvurf lvollen r:un eine rechtliche Sicherrurg llnd soziale Hebung des jüdischen Lehrerstandes herbeisühren. Schon 1902 ist ein Normalvertrag für die Kultusbeamten von: D. I. G. B. ansgearbeitet und veröffentlicht worden. Wie weit cr wirksam gelvorden ist, lasse sich nicht sagen. Der jetzige Normalvertrag schließt sich im wesentlichen dem von 1902 an. Der Ausschuß des D. I. G. B. hat an ihn: nichts geändert, sondern beschlossen, ihn dem Provinzialverband vorzulegen. Die Möglichkeit zu Disserenzen und. Widerspruch liege.wohl allein.::: dem Schlußpassus des Paragraphen 1, der die definitive Anstellung des Lehrers nach einer dreijährigen Karenzzeit vor sieht. — In der Debatte verweist Herr Liebenfeld-Bochum

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