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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1913-06-27 · Heft 26 (27.6.1913) · p. Seite 304

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
77 (1913)
Issue
Heft 26 (27.6.1913)
Date
1913-06-27
Page
Seite 304 (sequence 4)
Language
German
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‘ 304 Zum Schlüsse faßt Dr. Sachs seine Meinung dahin zusammen, daß weder der Zionismus noch das liberale Judentum das Heil bringe, daß dieses Heil vielmehr einzig und allein im konservativen Judentum liege. Die Judenheit müsse religiös konservativ, d. h., strenggläubig und im Zusammenhänge damit Politisch konservativ, d. h. staatserhaltend werden. Eine andere Lösung der Judenfrage sehe er nicht, er bezweifle auch stark, daß es eine solche gebe. * Von unserem liberalen Standpunkt aus freuen wir uns der Reichsta gs w ahl in W a l d e ck - Ph rrn o n t, wo Friedrich Naumann mit 6585 Stimmen gegen den Antisemiten Dietmeyer (6337 Stimmen) gewählt worden ist. Wie nötig es ist, den Antisemiten entgegenzutreten, zeigt die folgende Debatte im Deutschen Reichstage (20. Juni): Abg. Dr. Werner-Gießen (Wirtsch. Vg.): Es ist kein Kunststück, den Antisemitismus als Schmach des Jahrhunderts abzutun. Sachlich ist damit nichts bewiesen. Der Jude Isidor Wittkowsky, der sich jetzt Maximilian Harden nennt, hat die antisemitische Bewegung weit objektiver behandelt, als Sie, Dr. Müller. (Gelächter.) Ich bin kein unbedingter Lobredner des Offizierkorps. Es sind schon oberfaule Sachen da vorgekommen. Wir bedauern auch diese Adelswappenvergoldungen im Interesse der Reinerhältung unserer Rasse. (Großes Gelächter links.) Das verstehen Sie natürlich nicht, weil unter Ihnen zuviel Juden sitzen. (Lachen links.) Wir haben im Reichstag zwanzig Herren jüdischen Stammes. Es ist interessant, wie sie ihre Religion bezeichnen. Vier nennen sich evangelisch, sieben konfessionslos, drei israelitisch, drei jüdisch, zwei mosaisch, einer hat sich noch nicht entschieden. So verschieden sind ihre Aeußerungen. aber sie sehen sich alle furchtbar ähnlich. (Große Heiterkeit rechts.) Sie sollten einmal Zusammenkommen, dann würden sie sich alle als Brüder eines Stammes fühlen. (Heiterkeit rechts, Lachen links.) Das Judentum eignet sich nicht für den Militärdienst in dem Maße, wie Sie glauben/ (Lachen.) Wieviel Juden haben sich denn nach China gemeldet. Wieviel waren dabei, als der englische Admiral ries: Die Deutschen vor die Front!? Wieviel waren in Afrika? (Zurufe.) Eine Schwalbe macht noch keinen Sommer. Nach einer Aeusierung des bayerischen Ministers v. Wehner sind die Juden auch zum Schuldienst nicht, geeignet. Das sind aber Imponderabilien, die im Blute liegen. (Lachen links.) Unter den Juden befinden sich viele revolutionäre Elemente. (Huhu!-Ruse der Sozialdemokraten.) Wenn ich Ihren edlen Kreis betrachte, so habe ich gleich den Beweis. (Zuruf rechts: Der Abg. Heine war früher auch Antisemit.) Ich bedauere, daß der Abg. Heine mit dem zunehmenden Alter die Vernunft seiner Jugend aufgegeben hat. (Große Heiterkeit rechts.) Wir lehnen die jüdischen Offiziere ab, erst recht, wenn sie getauft sind. Mau sollte die Juden ein jüdisches Regiment bilden lassen. Wenn das erste jüdische schwere Reiterregiment über die Aecker dahinbraust, dann werde ich aus vollem Herzen singen: Das ist Bernsteins wilde, verwegene Jagd! (Große Heiterkeit rechts.) Abg. Schöpflin (Soz.): Bon einer antisemitischen Bewegung können nur kaum mehr sprechen,-da diese Bewegung in so jämmerlicher Weise zusammengekracht ist, daß sie heute kaum mehr existiert. Diese ganze antisemitische Bewegung war von der ersten Stunde, wo sie auskam, bis zu dem kläglichen Ueberrest Dr. Werner-Gießen (Große Heiterkeit) nichts weiter als eine fortgesetzte Schändung der Kultur und der Reinlichkeit. (Lebhafte Zustimmung links.) Man braucht sich nur die edle Reihe anzusehm, von Herrn Ahlwardt bis hinunter zu der jüngsten Blüte, um zu wissen, was diese Bewegung wert ist. Ich nehme das Wort Antisemitismus in anständiger Gesellschaft nur zwangsweise in den Mund. (Sehr gut! links.) Herr Dr. Werner möchte im Interesse der Rassenreinheit nicht, daß' eine Vermischung mit den Juden erfolgt. Wenn Herr Dr. Werner-Gießen wirklich der TYP des Germanen ist, dann glaube ich, daß die Rassenvermischung für das Germanentum außerordentlich vorteilhaft wäre. (Große Heiterkeit und Sehr gut! links.) Wenn Herr Dr. Werner der Vertreter des Germanentums ist — dann, Germania, verhülle beschämt dein Haupt! Und wenn weiter jemand, wie Herr Dr. Werner-Gießen, darauf Anspruch macht, ein Vertreter des Christentums zu sein, dann läßt es sich parlamentarisch nicht bezeichnen, wenn er fo auftritt wie Dr. Werner. Weiß der Herr nicht, daß die ersten Christen Juden waren, und daß sie alle Opfer der Unterdrückung ertragen haben, um dem Christentum zum Siege zu verhelfen? Ich will das Verhalten des Herrn Dr. Werner nicht mit dem richtigen Ausdruck bezeichnen, weil er mir nicht wert ist, einen Ordnungsruf seinetwegen zu erhalten. Auch -der Abgeordnete Erzberger vom Zentrum tritt dem Abgeordneten Werner entgegen: Abg. E r z b. e r g e r (Zentr.): Der Abg. Werner-Gießen sprach hier von der nationalen Pflicht, die Wehrvorlage zu bewilligen. Gewiß, wir haben die nationale Pflicht, mit allen Kräften dahin zu wirken, daß die Vorlage bis zum 1. Juli verabschiedet werden kann/ Wenn dieses Werk aber in den wenigen Tagen, die uns noch, bleiben, vollendet werden soll, dann ist es nicht angebracht, hier so deplacierte antisemitische Reden loszulassen. (Lebhafte Zustimmung im Zentrum und links.) Diejenigen Herren, die den Antrag auf völlige Gleichberechtigung im Heere eingebracht haben, sind mit keinem Wort irgendwie den Anhängern, einer christlichen Konfession zu nahe getreten. Daher hat auch kein Angehöriger einer christlichen Konfession einen Anlaß, die andere Glaubensgemeinschaft anzugreifen. (Sehr richtig!) Wenn ich als Angehöriger der katholischen Konfession, und wenn Sie, Herr Werner, als Angehöriger der evangelischen Kirche Respekt und Achtung vor Ihrer religiösen Ueberzeugung verlangen, dann muß Sie das schon abhalten, in dieser Weise die religiöse Ueberzeugung Andersgläubiger anzugreifen. (Lebhafte Zustimmung.) Es muß um eine Sache äußerst schlecht stehen, die mit solchen Mitteln verteidigt wird, wie sie hier der Abg. Dr. Werner angewandt hat. (Beifall.) Ich protestiere mit aller Entschiedenheit dagegen, wenn Herr Werner sagt, ich hätte manchmal antisemitische Aeußerungen getan. Das habe ich nie getan, und das werde ich nie tun, weil schon mein Geschmack mich daran hindert, jemand zu schmähen, der einer anderen religiösen Ueberzeugung zuneigt. (Beifall.) Ein wirklich religiöser Christ muß auch den jüdischen Mitbürgern im deutschen.Vaterlande dieselbe Achtung und denselben Respekt entgegenbringen,-die er für seinen Glauben verlangt. Darin stimme ich . allerdings Dr. Werner durchaus bei, daß scharf zu verurteilen sind diejenigen Juden, die wegen wirtschaftlicher und gesellschaftlicher Vorteile dem.Glauben ihrer Väter ohne innere Ueberzeugung entsagen. Diese Verurteilung gilt' aber auch allen denen, die einem solchen Mann, der nur aus äußeren Gründen seine Religion : verleugnet, die Tore öffnen, die ihm bisher verschlossen waren. (Zustimmung.) Nach der deutschen Reichsverfassung ist jeder Bürger gleichberechtigt, auch jeder Jude. Wenn Dr. Werner den Juden die Eignung zum Militärdienst abspricht, so sollte er doch einen Antrag einbringen, wonach die Juden nicht militärpflichtig sinh. Aber erwirb selbst nicht den Mut zu einem solchen Antrag haben. (Sehr gut!) Ich bedauere, daß wir durch solche antisemitische Reden, die mit der Sache nichts zu tun haben, so lange aufgehalten werden. (Beifall.) Abg. Heine-Dessau (Soz.): Es ist eine bekannte Tatsache, daß ich als Student einem nationalen Studentenverein angehört habe. Aber wie Sie (nach rechts) sich Ihre deutschnationale Zukunft vorstellen habe weder ich noch hat einer meiner Freunde sie sich gedacht. Ich habe noch heute ein starkes nationales Empfinden. Und gerade von diesem Standpunkt aus muß ich die Zumutung, daß wir Deutsche nach dem Rezept des Herrn Dr. Werner handeln sollen, als eine exorbitante Ungerechtigkeit, Unwahrhaftigkeit und Gesetzwidrigkeit ablehnen. Schon als Jurist würde ich mich eines solchen Verhaltens schämen. Ich schäme mich aber auch als Deutscher über die Unwahrhaftigkeit, daß man sagt, ein Jude könne nicht Offizier werden. Es liegt nur daran, daß immer nur eine Kleinigkeit fehlt. (Stürmische, anhaltende Heiterkeit.) Wo bleibt da die Disziplin und die Kommandogewalt und die Autorität des allerhöchsten Kriegsherrn? Die jetzigen Verhältnisse sind eine Verhöhnung des Gesetzes und eine Auflehnung gegen die Diszplin, daß jeder auch noch so tüchtige Jude abgelehnt werden kann. Sie (nach rechts) können sich nicht brüsten mit der militärischen Ehrenhaftigkeit, solange diese Heuchelei in der Armee herrscht. Als ein national empfindender Deutscher (Lachen rechts) schäme ich mich einer derartigen Unwahrhaftigkeit. Auch ich habe einst mit Antisemiten verkehrt. Aber es hat nicht vier Wochen gedauert, dann hat mich das so gegrault, daß ich aus Rein'lichkeitsgefühl heraus mich, von der Geschichte 'ferngehalten habe. (Beifall und Heiterkeit bei den Sozialdemokraten.) Nachdem Herr Dr. Werner noch, einmal repliziert hatte, erhielt er von dem Abgeordneten Waldstein folgende Abfertigung:

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