Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 77 (1913)
- Issue
- Heft 26 (27.6.1913)
- Date
- 1913-06-27
- Page
- Seite 303 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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303 Für Dirnen und Vagabunden ist das Arbeitshaus viel häufiger anzuwenden. Hier finden sie den ihnen nötigen Halt und den heilsamen Zwang einer regelmäßigen Beschäftigung. Anderseits ist die Polizeiaufsicht unbedingt zu beseitigen, weil sie den Gebesserten den Weg in geordnete Verhältnisse erschwert. Ich schließe.mit meinem ceterum censeo, mit der Mahnung, die ich schon wiederholentlich an die Oefsentlichkeit gerichtet habe: So lange der Staat nicht jedem Gefangenen, der zur Entlassung kommt, die nötige Arbeit verschafft, haben private Fürsorgeorgane dafür zu sorgen, daß kein Gefangener die Anstalt verläßt, ohne sofort in eine geordnete Tätigkeit überzugehen. Zumal bei den jüdischen Gefangenen, die zumeist dem Handelsstande angehören, sind die Schwierigkeiten ganz ungeheuer, sofort geeignete Stellungen zu finden. Daher müssen unbedingt in jeder Stadt zu diesem Zwecke jüdische Vertrauensmänner ernannt werden, die des Dichters Mahnung beherzigen: Nun geht hinaus in alle Gassen und laßt die Irrenden herein! Die Mache. Berlin, 24. Juni. ie Weltlage bleibt dunkel und verworren. Die Einladung, die Zar Nikolaus an die vier Balkanmächte gerichtet, ihre Vertreter nach Petersburg zu schicken, hat nicht die gewünschte Wirkung gehabt. Bulgarien weigert sich dem Rufe zu folgen, bevor nicht Serbien die gewünschten Grenzzugeständnisse gemacht hat; Serbien, das offenbar von Rußland unterstützt wird, beharrt bei seinem Widerspruch. Zwischen den beiden Staaten, die beide gerüstet sind und ihre Rüstungen fortsetzen, kommt es wiederholt zu Plänkeleien, die einen sehr ernsten Charakter annehmen können. Denn auf Serbiens Seite steht Griechenland, und es ist zu fürchten, daß Rumänien, das sich bisher neutral gehalten hat, die gute Gelegenheit ergreifen wird, sich einznmischen. Da auch Oesterreich-Ungarn entschlossen ist, diesen neuen Verwicklungen nicht tatenlos zuzusehen, so ist die Lage sehr ernst. Keine Macht ist imstande, ein Machtwort zu sprechen; die heimlichen Scherereien und der starke Gegensatz zwischen «den ehemaligen Verbündeten können zu den ernstesten Verwicklungen führen. Bei der Berliner Universitätsfeier des Kaiserjubiläums hat Professor Hi.ntze eine bemerkenswerte Rede gehalten, in der folgender Passus vorkam: Der Kaiser steht, obwohl er alle Fäden der Negierung in der Hand zu behalten wünscht, streng auf dein Boden der Verfassung. Der beste Beweis dafür ist, das; der Kaiser das politische T e st a m e n t Friedrich Wilhel m s IV. v e rbra n n t h a t. Unter atemloser Spannung der Hörer erzählt der Vortragende folgende bisher imI>cEamTte Tatsache, die ihm der Kaiser gelegentlich mittoilte. Er hat ihm gestattet, davon Gebrauch zu machen. Jetzt sei wohl die passendste Gelegenheit. Der Justizminister und Kronsyndikus Dr. Friedberg wies den Kaiser in den letzten Stunden, seines kaiserlichen Vaters daraus hin, daß ihm sofort nach dessen Hinscheiden ein für diesen Fall bereit gehaltenes verschlossenes Schriftstück 0011 großer Wichtigkeit vorgelegt werden würde; und in der Tat war dies das erste, was der Kaiser auf seinem Schreibtische vorfand. Er ervffnete es und erkannte sofort die charakteristischen Schriftzüge König Friedrich Wilhelms IV. mit vielen Unterstreichungen und Ausrufungszeichen, wie dieser zu schreiben pflegte. Es war ein politisches Testament, das jedem Thronfolger beim Regierungsantritt vorgelegt werden mußte; es enthielt eine in den stärksten und beweglichsten Wendungen gehaltene Mahnung, die Nersassung noch vorder Beeidigung u m z u st 0 ß e n. König Friedrich Wilhelm IV. hatte ja, wie uian weiß, zeitlebens an dem Gedanken gehangen, die im Sturm und Drang des Revolutionsjahres geborene, von der Regierung zwar erst oktroyierte, danri aber aus dem Wege der Vereinbarung mit der Volksvertretung revidierte Verfassung zu ersetzen durch einen aus königlicher Machtvollkommenheit verliehenen Freibrief, der gar nichts von dem revolutionären Charakter moderner Konstitutionen haben sollte. Es war die Wurzel der vielfältigen Meinungsverschiedenhelten zwischen ihm und seinem Ministerpräsidenten Otto v. Manteusfel gewesen, daß dieser die Hand dazu nicht hatte bieten wollen. Run hatte Friedrich Wilhelm IV. ilvch über seinen Tod hinaus auf seine Nachfolger eingnwirken gesucht mit aller Macht, die ein Toter -aus Lebende ausübeir kann, mit diesem Königswunsch in Zukunft doch noch einmal Erfüllung 51t verschaffen. Kaiser Wilhelm II. hatte ebensowenig wie seine beiden Vorgänger irgendwelche Neigung, diesem Appell seines königlichen Großoheims zu folgen; aber er ging weiter. Er erwog, daß die Möglichkeit nicht ausgeschlossen sei, daß in Zukunft eimnal ein junger, unerfahrener Herrscher zur Regierung käme, aus den dieses Testament doch vielleicht einen verhängnisvollen Eindruck hätte machen können: „Und seitdem" — sagte der Kaiser — „lvar es mir, als ob ich ein Pulverfaß im Hause hätte, und es ließ mir keine Ruhe, als bis das Testament vernichtet war." Es wurde verbrannt und das Kuvert an das königliche Hausarchiv abgegeben mit der Bemerkung: „I n h a l t v e r n i ch t e t." Auch wir stehen fest auf dem Boden der Verfassung. Aber wir sind der festen Ueberzeugung, daß diese Verfassung in liberalem Sinne ausgebaut werden kann und muß. Der Anteil an dieser Arbeit steht dem Juden wie jedem Staatsbürger zu. Darum mißbilligen wir aufs schärfste einen Aufsatz, den Professor Arthur Sachs, im „Jüdischen Volksblatt" unter dem Titel: „Die Lösung der Judenfrage" veröffentlicht. In diesem Aufsatz stellt der Verfasser folgende Gesichtspunkte auf: 1. Es gibt zwar jüdische Rasseneigentümlichkeiten, aber sie machen nicht das Wesen des Judentums aus. 2. Das Wesen des Judentums liegt auf religiösem, nicht auf jüdisch-nationalem Gebiete. 3. Das Reformjudentum ist zu bekämpfen. 4. Der politische Anschluß der Judenheit an den Liberalismus ist zu bekämpfen. In der Besprechung des dritten und vierten Punktes führt Professor Dr. Sachs unter anderem folgendes aus: „Jede liberale Religion trägt den Keim des Todes in sich. Eine Religion ohne Dogmen, Geistliche und Zeremonien ist ein Phantasiegebilde, das unter keinen Umständen fähig ist, dem einzelnen Menschen oder gar der ganzen Menschheit den notwendigen Halt in diesem Leben, die Hoffnung aus eine Vollendung im Jenseits zu gewähren. In dem Augenblick, wo eine Religion „liberal" wird, fängt sie an zur bloßen Philosophie herabzusinken. Kein philosophisches System aber hat es bisher vermocht, die metaphysische Sehnsucht der Menschheit zu stillen, und man darf ruhig prophezeien, daß dies auch niemals in Zukunft gelingen wird, weil jede Philosophie dem menschlichen Hirn entspringt, während die Religion eine gnadenreiche göttliche Offenbarung repräsentiert ... Aus dem von mir geforderten religiösen Konservativismus der Judenheit folgt für mich mit unentrinnbarer Notwendigkeit auch das Postulat des politischen Konservativismus. Den Satz, daß Politik mit Religion nichts zu tun habe, erkenne ich unter keinen Umständen an. Ich bin im Gegenteil der Ueberzeugung, daß die Religion die Grundlage aller Politik bildet. Ich halte es für durchaus inkonsequent, religiös konservativ und politisch liberal zu sein. Die religionserhaltenden Parteien sind die staatserhaltenden und umgekehrt. Da aber das Wesen des Judentums in Religionserhaltung liegt, so wäre es die größte Paradoxie der Weltgeschichte, wenn sich die Judenheit dm staatsbekämpfenden Parteien zugesellen wollte. Wenn die Judenheit vor die Alternative gestellt wird, ob sie gemeinsam mit den positiv-christlichen, oder aber den liberal-atheistischen Parteien gehen soll, so muß sie unzweifelhaft zu ersteren halten: die Mutter darf nicht die Tochter verlassen, um sich der Feindin beider anzuschließen. Was das Verhalten der Judenheit der Regierung gegenüber anbelangt, so muß zwar ausgesprochen werden, daß antisemitische Ungerechtigkeiten, wie die Zurücksetzung der Juden in Heer und Verwaltung, auf schärfste zu verurteilen und zu beklagen sind, keinesfalls aber darf sich der Jude hierdurch hinreißen lassen, politisch in die Fronde zu gehen!"