Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 77 (1913)
- Issue
- Heft 25 (20.6.1913)
- Date
- 1913-06-20
- Page
- Seite 300 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3224737-3229069-3229095--69546-3281853- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
300 bemerkt: „Er — der Rabbiner, ganz gleich welcher religiösen Richtung er angehört — Lars aber nicht in seiner Unterweisung diejenigen Gemeindemitglicder, die einer anderen Richtung huldigen, herabwür- Ligen und ihre religiösen Ueberzeugungen verspotten und als nichtjüdische bezeichnen." Daß aber die Ausführungen des HerrnMabbiners' Dr. Petuchowski aus diesen Ton gestimmt waren, ist nicht meine Schuld. Herr Rabbiner Dr. Petuchowski stellt in Abrede, daß er die Begründer oder die Anhänger einer neuen Religion, von der er ' überhaupt nicht gesprochen haben will, Abtrünnige genannt und auf sie deü Satz: „Die Unbefugten usw." in der von mir mitgeteilten Form angewendet hätte. Dagegen muß ich mit aller Entschiedenheit protestieren. — Herr Rabbiner Dr. Petuchowski hat nicht Von den Begründern und Anhängern einer, sondern der neuen Religion gesprochen und auf sie den Vers uni nttV in freier Auslegung angewendet: „ Die Unbefugten, die an das Heiligtum mit fortschrittlichen Ideen herantreten, sind dem Judentum abgestorben." Wohl hat Herr Rabbiner Dr. Petuchowski von dem Ueberhandnehmen des Abfalls vom Judentum in der ersten Hälfte des vorigen Jahrhunderts gesprochen, aber im Verlaufe seiner Rede zeichnete er mit schreiender Farbe die „dem Zeitgeist huldigenden, über den Geist der Thora fortschreitenden" Juden der Gegrnwart, auf die allein er in. dem von mir allgeführten Passus hinwies. Da nützt kein Dementi, und da hilft keine Berichtigung mit dem üblichen: „Es ist objektiv unwahr." Was ich über seine Predigt berichtet habe, ist wahr, wie es auch wahr ist. Laß er die gesetzestreuen Rabbiner als die echten Leviten bezeichnete, denen allein das Recht zustehe, „schützend um das Heiligtum zu lagern". Im übrigen will ich bemerken, daß ich nicht im entferntesten daran dachte, Herrn Rabbiner Dr. Petuchowski persönlich nahezutreten, und ich nehlile keinen Anstand, zu erklären, daß ich von ihm schon manche geistreiche und begeisternde Predigt gehört habe, die in Form und Inhalt mustergültig war. Ich habe in meinem Bericht nur seine Predigt vom 31. Mai kritisiert, die in ihren Ausführungen und Wendungen zu einer weit schärferen Kritik als die meinige war, herausforderte. Daß Herrn Rabbiner Dr. Petuchowski gerade an jenem Tage von vielen Seiten Worte der Anerkennung und des Dankes ausgesprochen wurden, das will ich ihm gern glaubell. *! An die Redaktion der „Allgemeinen Zeitung des Judentums" Berlin. Sehr geehrte Redaktion! In Nr. 22 Ihres Blattes vom 30. Mai d. I. bringen Sie unter der Spitzlnarke „Der Antisemitismus in den Banken und die Juden" einen Artikel, der an den vor einiger Zeit im „Plutus" erschiellenen Aufsatz ankilüpfte, der den Antisemitismus der Kölner Direktion des A. Schaaffhausenschen Bankvereins scharf geißelte und auch den Erfolg Zeitigte, daß die Berliner Direktion in einer mündlichen Unterredung die Versicherung abgab, daß nunmehr energisch Remedur in Köln geschaffen lverden würde und — entgegen der seit 30 Jahren sanktionierten Gewohnheit — nunmehr eine durchaus Paritätische Auslese unter den Angestelltenaspiranten getroffen werden würde. Als Verfasser jener Notiz im „Plutus", der auch dann später die betreffende Unterredung mit der Berliner Direktion geführt hat, möchte ich hier noch kurz aus die Betrachtungen eingehen, die Ihr — leider anonymer — Mitarbeiter an den besprochenen Fall geknüpft hat. . Ihr Artikel konstatierte, daß der Antisemitismus des Schaaffhnnsenschen Bankvereins durchaus kein sporadisch vorkommender Fall sei, sondern, daß es sich hier um eine Erscheinung handelt, die ziemlich gleichmäßig das ganze deutsche Bankgewerbe durchsetzt. Das ist durchaus richtig. Ich persönlich weiß — und im „Plutus" sind auch nachher bei der weiteren Besprechung des Falles Schaaffhausen noch einige andere Banken namentlich angeführt worden — daß außerordentlich viel deutsche Banken — ganz abgesehen von den zahlreichen Privatfirmen, über die uns ja, soweit sie in christlichen Händen sind, ein eigentliches Kontrollrecht nicht zusteht — strikt antisemitische Angestelltenpolitik betreiben, und daß der Existenzkampf des jüdischen Bankbeamten von Tag zu Tag sich schwieriger gestaltet. In einer Artikelserie in der „Jüdischen Rundschau" habe ich im vergangenen Monat , diese Zustände beleuchtet und historisch zu erklären, gesucht. Ich . konstatierte hierbei, daß es sich um einen Prozeß --7 g ' handelt, der heute?schon erkennen läßt, daß er zur . Verdrängung der Juden, von den leitenden Stellungen in die subalternen und zur zu- ..nehmenden, .Expropriierung und . Prolctarisierung weiter jüdischer Angestelltenschichten, insbesondere Natürlich der subalternen, führt. Diese Feststellung, die hier, wo ich nur das' Resultat ohne ausführlich Begründung vorbringe, vielleicht etwas allzu kraß und pessimistisch kliügen mag, wird noch unterstrichen durch die Tatsache, daß in einer Anzahl gerade der bedeutendsten und oft genug von Juden finanzierten Industrien sich ein den Vorgängen im Bankfach durchaus analoger Prozeß vollzieht.. Ueberall, sei es in der chemischen, seines in der elektrotechnischen Industrie, ist die Entwicklung dieselbe: der Jude vermittelt den Deutschen die höheren Wirtschaftsformen, ist gewissermaßen der Pionier im Banksach und in der Industrie gewesen, der Normen, geschaffen und wertvollste Arbeit geleistet hat. Dann in dem. Maße, wie das Wirtschaftsleben durch den Prozeß der Konzentration entpersönlicht und mechanisiert wird, wird auch der jüdische Lehrmeister überflüssig: der Mohr hat seine Schuldigkeit getan, er kann gehen. Ich bin der Ansicht, daß die deutschen Juden — obwohl es immer schwer, oft aussichtslos ist, gegen eine so deutlich erkennbare historische Entwicklung sich aufzulehnen, nicht kampflos sich allmählich den wirtschaftlichen Einfluß, der ihnen nach ihren Leistungen für die Entwicklung der deutschen Volkswirtschaft gebührt, aus den Händen winden lassen sollen. Ich habe deshalb-in der „Jüdischen Rundschau" auch ein Programm der wirtschaftlichen' Selbstwehr entworfen, das ich hier nur kurz zum Schluß skizzieren möchte. Geschaffen soll eine „Jüdische W i r t s ch a f t s z en t r al e" werden. Ihre Aufgabe soll fein, einmal der Versuch einer gesunden sozialen Gliederung der Juden, d. h. der Versuch, die zum Kausmannsstande nicht geeigneten Elemente in das Handwerk, die Gärtnerei und ähnliche Berufe abzulenken. Vor allem soll aber die Zentrale in die Generalversammlungen all der Aktiengesellschaften, die antisemitische Angestelltenpolitik betreiben, ihren Vertreter — natürlich mit einer geliehenen Aktie, versehen — entsenden und hier zur Sprache bringen, daß die Gesellschaft, anstatt den Interessen der Gesellschaft durch Auslese der Angestellten lediglich, nach ihrer Qualifikation zu dienen, das paritätische Institut der Aktiengesellschaft zu konfessionellen und politischen Zwecken mißbraucht. Ich verspreche mir hiervon, wenn die große liberale Handels- Presse uns unterstützt, sehr erhebliche Folgeerscheinungen, insbesondere bei Jndustriegesellschaften aus jüdische Abnehmer der Gesellschaft und bei Banken auf einen großen Teil der jüdischen Kundschaft, Ferner soll die Wirtschaftszentrale zur Unterstützung des schweren Wirtfchaftskampses der jüdischen Angestellten eine großzügig arbeitende U n t e r st ü tz u n g s - und K r e d i t k a s s e ins Leben rufen. Ueberall dort, wo systematisch der jüdische Einfluß im deutschen Wirtschaftsleben zurückgedrängt werden soll, kann die Zentrale, die ich mir entstanden unter der Assistenz der großen jüdischen Verbände denke, eingreifen und auf diese oder jene Art — vor allem auch durch statistische Arbeiten, die uns wirtschaftlich brauchbares Material verschaffen — unsere Position zu festigen suchen. Hand in Hand hiermit müssen gehen der rücksichtslose Boykott jüdischer Firmen, die keine jüdischen Angestellten einstellen und offene, scharfe Feindschaft gegen die Ueberläufer, die die Frucht der Arbeit von Generationen, die großen angesehenen alten Firmen, die bedeutenden Vermögen ins andere Lager tragen. Hans Goslar. Berlin. Handelsredakteur. * ' Hochgeehrter Herr Redakteur! Zu dem Artikel der letztwöchigen Nummer Ihres Blattes: „Der „Israelit" und Herr Dr. Wohlgemuth in Nöten" habe ich zu bemerken: Es ist unwahr, daß ich.mich den Artikeln des Herrn Dr. C. Seligmann gegenüber in den Hintergrund zurückgezogen habe. Wie unwahr die Behauptung ist, ergibt sich schon aus dem Umstand, daß in derselben Woche, in welcher der erwähnte Artikel in Ihrem Blatte steht, die „Jüdische Presse" einen Aussatz von mir, betitelt „die Verteidiger der Richtlinien" bringt, in dem ich mich mit den Schriften der Herren Dr. Samuel, Essen und Dr. Seligmann, Frankurt a. M. auseinnndersetze. Auf die beleidigenden Ausdrücke des Anonymus näher einzugehen, habe ich keine Veranlassung. Hochachtungsvoll Dr. I. Wohlgemuth.