Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 77 (1913)
- Issue
- Heft 25 (20.6.1913)
- Date
- 1913-06-20
- Page
- Seite 299 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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Wie sie Stufe für Stufe auswärts ging, war es einen Moment, als könnte sie freier schreiten, als gelänge es ihr, dieses Gedrücktsein abzustreifen; sie richtete sich gerader auf, so, daß zwischen der sandfarbenen Taille und dem torfbraunen Rock die schmutzige Litze des Korsetts zu sehen war. . . Drinnen legte sie die Bücher auf das Bord und ging zu Sische, der mit schwindsüchtigen Wangen am Fenster auf einem Gurtsessel lag. . . . . ■ . „Sische, ich komme diesen Herbst ans Theater! Hörst du? Hundertsechzig Kronen werde ich jeden Monat bekommen!" Sische sah sehr gleichgültig aus. Warum sollte er sich freuen? Er würde doch nichts mehr davon haben. Seine Augen glänzten; in seinen Adern war das Fieber und mahnte. Mit jedem Pulsschlag nahm es ihm Kraft, von dieser armen schwachen Kraft, die nur mehr ein vages unbewußtes Anklammern an gewohnte Daseinsformen war. - Esther ging an den Tisch, suchte nach einem Blatt Papier und schrieb dann verschiedene Namen auf. Namen, aus denen sie den wohlklingendsten auswählen wollte für ihre künftige Laufbahn. Bald war ihr einer zu hochkliygend, dann wieder einer zu nichtssagend und leer. Schließlich blieb sie bei Lisalotte Waldeck. Das klang deutsch und gefiel ihr. Zu ihrem Bruder sagte sie nichts mehr. Die blauen gelbglänzenden vpalen Lichter verschwanden an den kleinen Fenstern. Die alte Sarah Chaim spürte, daß die Sonne fort war und fror. Nun humpelte sie schwer und mühsam die Treppe hinauf, ging an den Herd und kochte die Abendsuppe. Ein Geruch von Zwiebeln, Knoblauch, Gänsefett und geröstetem Schwarzbrot machte Sische husten. Esther Chaim lernte an der „Julia". * Zehn Jahre war Lisalotte Waldeck von Stadt zu Stadt gezogen. Sische war längst tot. Er hatte kein Lob, keinen der Provinztheatertriumphe-feiner Schwester erlebt. - > Noch denselben Spätherbst, da Esther mit einem funkelnagelneuen Reisekorb abgereist war, hatte er sein quälendes Leben zu Ende gehustet. Frau Chaim, die nun noch ein wenig gebückter ging, trug ein gutes schwarzes Kleid, hatte einen neuen Scheitel und ein schönes Spitzentuch. Wenn Lisalotte spielte, saß sie im Parkett und hörte nur immer dann, wenn ihre Tochter sprach. Was die anderen Schauspielerinnen und Schauspieler, redeten, interessierte sie nicht. Ihr Rücken war noch gekrümmter, ihre Nase so scharf wie der Schnabel eines Vogels geworden. Klein, verkümmert saß sie da. Wenn manchmal jemand sie ansprach, gab sie nur knapp und scheu eine Antwort. Nach der Vorstellung wartete sie auf ihre Tochter; dann stapfte sie in kurzen harten Schritten neben ihr her und tat, als ob sie auf ihrer Tochter Reden hörte. Zehn Jahre spielte diese schon die „Jungfrau von Orleans", die --Julia", die „Rahel" und vieles ändere. Sie liebte bunte, starke Farben und brachte durch irgendwelche Farbenvereinigungen überraschend fremde Eigenarten in das.traditionelle der üblichen Provinztheäterjulias. Lisalotte Waldeck war noch immer-ein hübsches Mädchen. Freilich war ihr Rücken ein wenig rund und ihre Arme, die schlank und weiß waren, hatten etwas Hofsfnungsloses, Verlangendes, unentrinnbar Trauriges in der Bewegung. Da traf es sich, daß sie bei Gelegenheit eines Bühnenfestes einen Referendar, einen Herrn von Baben kennenlernte. Er machte ihr den Hof und sie ging strahlenden Antlitzes von ihm begleitet nach Hause. . Sie konnte lange, lange nicht einschlafen. Immer hörte sie den Klang feiner klaren Stimme, immer sah sie ein Paar klarblauer Äugen vor sich. Die^ Hände über der Brust gefaltet, so, als sollten sie. alle Seligkeit, die in ihr flammte, beschützen, schlief sie lächelnd ein. Eine selige Zeit begann. Veilchen oder Nelken, in dichten runden Sträußen gebunden, erwarteten sie in der Garderobe. Wenn ihre Zeit es zuließ, machte sie.mit Herrn von Baben weite Spaziergänge in der schönen bergigen Umgebung der Stadt. . Nun spielte sie ihre „Julia" für ihn. Ein neues, srischquellendes, rufendes Glück lebte in ihr. Noch nie war ihr die Balkonszene in dieser Weichheit und hinschmelzenden Zärtlichkeit gelungen. Ein heimlicher Jubel, ein singendes Jauchzen klang durch ihre Stimme. Im Parkett saß Herr von Baben und schaute erstaunt, verblüfft auf diese klassische Julia; er sah sie wie eine niegeahntes Wunder und fühlte, daß diese Zärtlichkeit, dieses Locken, diese sinnverwirrende Liebe ihm galt. Ihm, der: Herrn Referendar von Baben. Ja, er fühlte sogar ein klein wenig Warme um sein kühl beobachtendes Herz. Der alte, nervöse Regisseur aber war entzückt und prophezeite dieser Julia eine königliche Bühne. Er gab sich von dieser Zeit an besondere Mühe und leitete Lisalottes Aufmerksamkeit auf Charakterrollen. Bald wußte die halbe Stadt von Lisalottes Neigung, das heißt, sie vermutete es nur, und das ist in so einer Provinzstadt sofort Gewißheit. Nur die alte Frau Chaim lebte ruhig und ahnungslos ihren Tag dahin und war froh, wenn sie abends „Esther" nicht holen zu brauchen. (Schluß folgt.) SPrechssal. . Berlin, den 8. Juni 1913. Zu dem in Nummer 23 Ihres Blattes enthaltenen Bericht über die von mir am 31. Mai in der Alten Synagoge gehaltene Predigt habe ich das Nachfolgende zu erklären: ' Es ist objektiv unwahr, daß ich in jener Predigt die religiöse Ueberzeugung irgendeines Gemeindemitgliedes als unjüdisch bezeichnet habe. Es ist objektiv unwahr, daß ich die Begründer oder die Anhänger einer „neuen Religion", von der ich überhaupt nicht gesprochen, Abtrünnige genannt habe. Es ist objektiv unwahr, daß ich den angeblich nach seinem Wortlaut zitierten Satz: „Die Unbefugten usw." in dieser Form gesagt habe. Da ich in dem fraglichen Passus meiner Rede ausdrücklich aus „das Ueberhandnehmen des Abfalls vom Judentum in der ersten Hälfte 6es vorigen Jahrhunderts" hingewiesen habe, so ist die Behauptung, daß ich die Verfasser oder die Anhänger der „Richtlinien" habe kennzeichnen wollen, hinfällig. Wenn der Berichterstatter jenen Passus durchaus auf diese bezieht, so ist es nicht meine Schuld; hätte ich nur die „Richtlinien" treffen wollen, so hätte ich mich auch nicht gescheut, sie zu nennen und ihren Inhalt zu erörtern. Die Beurteilung der Frage, ob meine Ausführungen dem Judentum zur Ehre und der Gemeinde zum Segen gereichen, überlasse ich getrost einem höheren Richter. Daß die Zuhörer in meiner Predigt nicht eine „Beleidigung des Gotteshauses" erblickten, bewiesen die Worte der Anerkennung und des Dankes, die mir gerade an jenem Tage von sehr vielen Seiten ausgesprochen wurden. ■■■''* - :- Rabbiner Dr. M. Petuchowski. -Erwiderung unseres Berichterstatters. Herr Rabbiner Dr. Petuchowski erklärt im obigen, meinen Bericht' über seine am 31. Mai in der Alten Synagoge gehaltene Predigt für objektiv unwahr. - - Das bedauere ichaufrichtig — seinetwegen. Es haben jene Predigt außer mir noch verschiedene andere v o r u r t e i l s l o s e Gemeindemitglieder angehört, und. ich glaube nicht, daß diese'meinen Bericht als objektiv unwahr bezeichnen werden. Herr Rabbiner Dr. Petuchowski bestreitet, die religiöse Ueberzeugung irgendeines Gemeindemitgliedes als unjüdisch bezeichnet zu haben. Das habe ich gar nicht behauptet. Ich habe nur von den Rechten und Wichten des Rabbiners im allgemeinen gesprochen und