Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 77 (1913)
- Issue
- Heft 25 (20.6.1913)
- Date
- 1913-06-20
- Page
- Seite 298 (sequence 10)
- Language
- German
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298 technische Probleme in Anspruch. Das eine Mal war es ein Projekt »für eine Seetvansportversicherung, das andere Mal der Plan einer französischen Staatsanleihe mit Serienlosen. La Rochelle berichtet auch hierüber ganz ausführlich, doch hier ist nicht der Ort, daraus näher einzugehen. Dagegen muß hier noch. wenigstens kurz darauf hingewiesen' werden, daß Pereira seinen, Glaubens- und näheren Stammesgenossen, -'den spanischen und portugiesischen Juden, die sich nach ihrer Vertreibung von der Phrenäenhälbinsel zu einem Teile in Frankreich niedergelassen hatten,- große Dienste leistete. Seinem Einfluß und seinem Bemühen hatten sie es damals hauptsächlich zu verdanken, daß sie von verschiedenen Bedrückungen und Belästigungen, denen, sie sonst auch in Frankreich ausgesetzt gewesen wären, verschont blieben. Sein Eintreten für die portugiesischen Juden, speziell in Bordeaux, war allerdings, wie Grätz*) berichtet, für die aus Av i g n o n stammenden und für die deutschen Juden von großem Schaden; denn im Gegensatz zu den portugiesischen Juden wurden jene mit Pereiras Zustimmung 1761 aus Bordeaux ausgewiesen. Ist dieses Verhalten Pereiras auch nicht zu verzeihen, so ist es doch vielleicht aus der Zeit heraus zu verstehen. - Die Portugiesen halten sich bekanntlich noch heute für etwas Besseres als die deutschen und polnischen Juden, und Wer weiß, wie damals die Verhältnisse tatsächlich lagen. Ein so edler Mensch wie. Pereira, dessen Lebensberus es. war, unglückliche'taubstumme Kinder zu unterrichten, wird sicher nicht anders haben handeln können. Seine Haupttätigkeit war und blieb der Taubstummenunterricht. Sein Plan, eine größere Anstalt und ein Täubstummenlehrerseminar zu gründen, gelangte trotz seiner und des Herzogs de Chaulnes Bemühungen nicht zur Ausführung. Das wäre schon deshalb sehr gut gewesen, weil uns dadurch seine geniale Art, Taubstumme in der Lautsprache zu unterrichten, übermittelt worden wäre. Der Begründer eines allgemeinen Taubstummenunterrichts in Frankreich wurde der edle Abbä de llEpee. Er war es, der 1770 die Pariser Anstalt, das spätere Nationalinstituh eröfsnete, der aber im Gegensatz zu Pereira die Taubstummen nicht in der Lautsprache, sondern in einer künstlichen Gebärdensprache unterrichtetes. Alle Welt bewunderte damals de llEpees selbstloses Wirken, im Dienste der Taubstummen, Pereiras vortreffliche und segensreiche Tätigkeit geriet "aber nach und nach in Vergessenheit. Pereira, in methodischer Beziehung Gegner de llEpöes, verwarf übrigens nicht die G eb är den - spräche als solche, sondern nur die künstlichen der Lautsprache analog gebildeten Zeichen de llEpees. Pereira war schon damals der Ansicht, wenn Taubstumme schön sprechen lernen, so ist das gut; wichtiger als schönes Sprechen jedoch ist, wenn Geist und Gemüt angeregt und gebildet werden, wenn die Taubstummen für das Leben so vorbereitet werden, daß sie sich nach der Schulzeit selbst weiter bilden, daß sie zufriedene, glückliche und bürgerlich brauchbare Menschen werden. Zur Verständigung mit ihnen dürfe man sich neben Sprache und Schrift auch natürlicher Gebärden bedienen. Pereira hätte de llEpoes Angriffe auf die Lautssivachmethode viel -energischer zurückweisen müssen — er war der Mann dazu — dann wären seine ausgezeichneten Erfolge in der Lautsprache nicht so schnell vergessen worden. Hr starb 1780. Erst nach hundert Jahren, als die Lautsprach-;pethode, die in Deutschland immer angewandt wurde und - 0 S' Geschichte der Juden, Bd. XI, S. 52. 2) Grätz ist falsch unterrichtet, wenn er (S. 51) von Pereira schreibter habe eine Z e i ch e n s p r a ch e für die Taubstummen erfunden. Das hat in Wirklichkeit Abbe de llEpöe getan. Pereira hat seine Schüler spreche n, gelehrt. . . deshalb auch die d e u t s ch e M ethod e genannt wird, sich nicht bloß' in Frankreich, sondern in allen Ländern, in denen Taubstumme unterrichtet tveröen, immer mehr verbreitete, da erinnerte man sich des großen Vorkämpfers für die Lautspräche in Frankreich und wies ihm dem ihm -gebührenden Platz in ^der Geschichte der Taubstumrnenbildung an. ~ Ghetto. Eine alte kleine Geschichte. Von Ellyn Karin. I. alte Sarah Chaim saß auf den ausgetretenen Steintreppen, die vom Haus in den schmutzigen Hof führten. Ueber den 'Scheitel trug sie ein verbrauchtes, grobes Spitzentuch; das war-längst nicht mehr schwarz. Fettig, klebrig und grau vom vielen . Tragen war es, Ihre kurze Jacke spannte sich armselig über den alten, ' krummen Rücken. Ihre Hände lagen braun wie zwei alte Spinnen in ihrem Schoß. So saß sie da und blinzelte in die Sonne. Gerade wie die alte viersarbige Katze, die müde, verdrossen und mauserig sich sonnte. Manchmal sah die Alte in die bernsteingelben Augen. Dann wieder sah sie über die Katze hinweg hinauf zu einem. Fenster. An diesem saß ihr Sohn Sische und sang -ein altes hebräisches Lied. Er sang es mit einer schrecklich leeren, blechernen Stimme so, daß man.es eigentlich kein Singen nennen konnte. Etwas war wehmütig müde und grenzenlos gleichgültig in diesen Lauten. „Nu singt er wieder, der Untam", murmelte die Alte. Dann seufzte sie tief, und ihre Hände kröchen über'die Schürze. Durch die Hoftür, vor der in einem Tümpel Enten umherplätscherten, kam Esther Chaim, ihre jüngste Tochter. Sie kam mit einem strahlenden Lächeln und mit vor Er- - regung gerötetem Gesicht. Armselig war sie angetan, aber über all dieser Armut lag ihrer Jugend leuchtender Glanz. „Nu, Esther? Haste am End gar gewonnen das große Los? Nu, — was is?" „Mutter, der Herr Krones hat für mich ein Engagement. Am sünszehnten September beginnt es!" „Und die Kleider? Und die anderen Sachen? Esther, was glaubste, wirste das alles hernehmen -- —?" „Es wird schon werden! Und dann — ein paar Gulden Hab ich doch auf der Sparkasse." „Wirste de se nehmen und wirste kaufen seidene Fetzen dafür, und sor de Lait machen en Kaspar. Und der junge Katz mit dem seinen Laden in der kleinen Maigassi will dir heiraten. Esther, Esther! Denk/daß ich bin alt und der Sische is krank, und .es is nix zum Derleben, daß er wird wieder ge- . sund." „Mutter lassi nur, ich werde verdienen, und ich werd euch geben von allem, was ich habe. „Die Jungfrau von Orleans" werde ich spielen und die „Julia!"; „Gott der Gerechte! Da wird sich was tun!" Esther Chaim ging glücklich die schmale ausgetretene Treppe hinaus. Sie hatte wunderschöne goldbraune Augen und einen leuchtenden Mund; aber ihr Rücken war ein wenig rund, so, als drückte sie ihrer armen Ahnen Knechtschaft. .