Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1913-06-20 · Heft 25 (20.6.1913) · p. Seite 297

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
77 (1913)
Issue
Heft 25 (20.6.1913)
Date
1913-06-20
Page
Seite 297 (sequence 9)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3224737-3229069-3229095--69543-3281850
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

297 Bruder geschäftlich tätig. Wie er dazu kam, Taubstumme zu unterrichten, war lange unbekannt. Nun weiß mag, das; auch ihn die Liebe, und zwar die Liebe zu seiner taubstummen Schwester, dazu trieb. Um diese gründlich unterrichten zu können, studierte er eingehend die damals vorhandenen Schriften über den Taubstummenunterricht. Als er sich 1744 m La Rochelle, einer kleinen Stadt an der Westküste Frankreichs, aushielt, würde ihm eines Tages ein jüdischer taubstummer Schneiderlehrling zugesührt. Diesem erteilte er unentgeltlich ungefähr 100 Unterrichtsstunden. Da er sich entschlossen hatte, den Unterricht und die Erziehung taubstummer Kinder zu seinem Lebensberuse zu machen, hielt er, um andere Schüler zu bekommen, in der Stadt einen Vortrag und stellte den versammelten Bürgern seinen Schüler vor, der, wie alle wußten, von Geburt an taub und stumm war. Die Leute erstaunten gar sehr, als sie merkten, der Knabe habe in kurzer Zeit etwas sprechen gelernt. Diesem Vortrage wohnte auch ein angesehener Mann der Stadt, ein Herr d'Etavigny bei, der einen taubstummen Sohn hatte. Der Vater hatte ihn von verschiedenen Lehrern, zuletzt in einem Kloster fern von La Rochelle unterrichten-'lassen, aber sprechen hatte der Knabe nicht gelernt. Nun hatte Pereira in seinem Vortrage das Buch Ammans „Der redende Taube" erwähnt, ein Werk, das damals die beste Anleitung bot, Taubstumme zum Sprechen zu bringen. Anstatt seinen Sohn dem Pereira zum Unterricht anzuvertrauen, verschaffte sich d'Etavigny dieses Buch und schickte es den geistlichen Lehrern seines Knaben zu, damit sie ihn sprechen lehrten. Die ehrwürdigen Herren bemühten sich auch ein Jahr lang, aber ohne Erfolg, und rieten schließlich dem Vater, seinen Sohn, der' damals schon!6 Jahre alt war, von Pereira, „dem einzigen Menschen, welcher den Taubstummen die Sprache geben könnte", unterrichten zu lassen. Der Entschluß,-sein Kind einem Juden anzuvertrauen, scheint dem Vater sehr schwer gefallen zu sein. Er schloß mit Pereira einen sehr komplizierten Vertrag ab, nach dem dieser 3000 Livres (2391 Mark) in drei Raten zu 1000 Livres ausbezahlt erhalten sollte, wenn er den Knaben dahin gebracht habe, daß er sich über einfache Dinge der Umgebung mündlich und schriftlich ausdrücken, lesen und Gelesenes verstehen könne. In dem Vertrage stand auch, daß der Unterricht in dem Benediktinerkolleg unter der Aufsicht der bisherigen Lehrer erteilt werden müsse. Nur aus Liebe zur Sache ging Pereira daraus ein, zog sich ein ganzes Jahr von der Welt zurück und unterrichtete den jungen d'Etavigny treu und gewissenhaft. Als er aber dann, ebenfalls vertragsgemäß, mit seinem Schüler nach Paris veisen wollte, um ihn daselbst weiter zu unterrichten und der dortigen Akademie vorstellen zu dürfen, zog d'Etavigny seinen Sohn zurück. Nur mit einem Zeugnis, das ihm der Prior des Benediktinerkollegs über seine Unterrichtstätigkeit ausgestellt hatte, kam Peveira nach Paris. Ein sehr ehrenvolles Anerbieten, die taubstumme Nichte des Vizekönigs von Sardinien zu unterrichten, schlug er aus, weil er Paris und Frankreich nicht verlassen wollte. Nach zehn Monaten übergab ihm Herr d'Etavigny wieder seinen Sohn, weil dieser sonst die Sprache ganz verlernt hätte, und 1749 konnte Pereira endlich seinen begabten Schüler der Pariser Akademie vorstellen. In einer Denkschrift hatte er die bei seinem Unterrichte verfolgten Grundsätze niedergelegt. Die Akademie, zu. deren Bevollmächtigten damals unter anderem der große Naturwissenschaftler Busfon gehörte, beurteilte die Leistungen von Lehrer und Schüler sehr günstig. Hierdurch und durch Zeitungsberichte über seine Tätigkeit wurde Pereira in Frankreich bekannt. So lernte er den Herzog de Chaulnes, einen am französischen Königshose sehr beliebten Mann, kennen. Dieser führte ihm seinen taubstummen Stiefsohn Saboureux de Fontenay als Schüler zu. Der Knabe war schon 13 Jahre alt Md bis dahin nur sehr ungenügend unterrichtet worden, aber auch er war. sehr begabt. Durch die Ausbildung dieses Schülers hat sich Pereira ganz besonderen Ruhm erworben. De Fontenay wurde später ein hochgebildeter, ja sogar ein gelehrter Mann, der seinem Lehrer sein Leben lang dankbar blieb. Er war es auch, der uns Pereiras Unterrichtsmethode am zuverlässigsten geschildert hat, von der wir uns sonst kein rechtes Bild machen könnten; denn Pereira hat außer einigen Denkschriften kein größeres Werk über seine segensreiche Tätigkeit hinterlassen. Saboureux de Fontenay hat übrigens auch selbst Taubstumme unterrichtet. Durch Vermittlung des Herzogs de Chaulnes bekam Pereira, nachdem er einen seiner Schüler dem König Ludwig XV.. persönlich vorgestellt hatte, als Anerkennung für seine Leistungen bis an sein Lebensende eine königliche Jahresrente von 800 Livres. Mit vielen hohen und einflußreichen Persönlichkeiten ist Pereira im Lause der Jahre ferner bekannt geworden. So lernte er fast alle Fürstlichkeiten, die sich besuchsweise in Paris aufhielten, kennen, die Könige von Polen, Schweden, Dänemark (letzterer suchte ihn 1768 in Begleitung seines Leibarztes Struensee auf), ja sogar Kaiser Josef II. von Oesterreich (1777). Die namhaftesten Gelehrten und Schriftsteller seiner Zeit, der schon genannte Busson, ferner La Eondamine, Diderot, Rousseau u. a. sprachen von ihm und seinen Leistungen in höchst anerkennender Weise. Pereira hatte stets nur zwei oder drei Schüler in seinem Hause, denen er mit Unterstützung seines Bruders David und einer Schwester einen sehr gründlichen Unterricht in der L a u t s p r a ch e erteilte. Vom Absehen von den Lippen hielt er nicht viel. Dafür bediente er sich eines von ihm für eine Hand vereinfachten F i n g e r a l P h a - bets, mit dem er nicht bloß buchstabieren, sondern aüch die Aussprache angeben konnte. Er unterschied drei Arten von Taubstummen, ganz taube, solche mit Sch all gehör und solche mit Gehör für einzelne Laute. Er unterrichtete seine Schüler nach ihrer Individualität. Zuerst brachte er ihnen die Aussprache bei, dann führte er sie in das Verständnis der Sprache ein. Vor allem verstand er es, seine Zöglinge frühzeitig zum Lesen von guten Büchern zu befähigen. Und Saboureux de Fontenay verdankt sicher in erster Reihe dem Bücherstudium, zu dem ihn Pereira allerdings angeleitet hat, seine hohe Bildung. Pereira war nicht bloß ein genialer Taubstummenlehrer, sondern auch ein vielseitig gebildeter Mensch. Er beherrschte verschiedene Sprachen. Außer dem Französischen sprach er seine spanische Muttersprache, portugiesisch, lateinisch und hebräisch. Auch dieser Sprachkenntnisse wegen wurde er geschätzt. 1765 wurde er zum Interpret des Königs für Spanisch und Portugiesisch ernannt. Einmal trat man sogar an ihn heran, die Sprache eines Wilden, den der Entdecker der Insel Tahiti von seiner Entdeckungsfahrt im Großen Ozean mitgebracht hatte, zu untersulhen. Pereira unterzog sick) dieser Ausgabe und verfaßte darüber eine Denkschrift. \ Eine hervorragende Begabung hatte er für Mathematik. Sein Biograph (La Rochelle) berichtet, daß er eine sehr praktische Rechenmaschine erfunden, und daß er sich eingehend mit der Lösung einer von der Akademie gestellten Preisausgabebefaßt hat, w i e m a n d i e K r a f t des Windes bei Segelschiffen aus die vorteilhafteste Weise verstärken kann, einem Problem, das damals, wo es noch keine Dampfschiffe gab, die besten Köpfe beschäftigte. Auch die sich später bei seinen Enkeln zeigende Begabung auf finanziellem Gebiete war schon bei ihm vorhanden. Seinen regen Geist nahmen zweimal auch große finanz-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.