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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1913-06-20 · Heft 25 (20.6.1913) · p. Seite 295

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
77 (1913)
Issue
Heft 25 (20.6.1913)
Date
1913-06-20
Page
Seite 295 (sequence 7)
Language
German
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295 . f .; ihrer Religion die ganze Welt zu erobern. Nicht zwar so, wie es einst Mohammed seinen Gläubigen ans Herz gelegt, daß sie der Religion mittels Feuer und Schwert 'die Wege ebnen sollten — denn eine Liebe, die erwürgt, ist keine wahre Liebe. — Wohl aber konnte das.Judentum den Weg beschreiten, den das Christentum beschritten und mit großem Erfolge beschritten hat: es konnte Sendboten ausschicken nach nah und fern mit dem Austrage, durch milde Ermahnung and liebevolle Belehrung der jüdischen Lehre neue Anhänger zuzuführen. ' . Das ist ja nun richtig, das Judentum konnte so handeln; es konnte, wenn es nur wollte, Mission treiben. Es hat es aber nie gewollt, denn es hat sich von jeher auf den Standpunkt gestellt und diesen Standpunkt bis heute nicht verlassen: eine Religion soll wohl bestrebt sein, der ganzen Welt zu dienen, sie soll ihre Gedanken wohl der übrigen Welt zugänglich machen, sie soll ihre geistigen Schätze den anderen keineswegs verschließen. Nie aber soll sie sich ihnen ausdrängen, weder durch Mittel der Gewalt, noch durch Mittel der Ueberredung. . - In dieser Beziehung konnten wir Juden mit Genugtuung einen Ausspruch begrüßen, der vor zwei Jahren aus dem „fünften Weltkongreß für freies Christentum und religiösen Fortschritt" in Berlin getan worden.ist. Dorthin waren, wie erinnerlichaus allen Teilen der Welt Vertreter der verschiedensten Bekenntnisse zusammengeströmt. Auch das Judentum kam dort zu seinem Recht. Drei hervorragende Vertreter unseres Glaubens, Professor Hermann Cohen aus;. Marburg, Claude Montefiore aus London und Rabbiner Emil'' Hirsch aus Chicago, verstanden es-in ausgezeichneter Weise, unser Judentum in das rechte Licht zu setzen. Aus diesem Kongreß rief ein Vertreter des Buddhismus den Vertretern des Christentums zu:'„Schicken Sie uns keine Diss i.o n ar e". Wir wünschen nicht, bekehrt zu werden. Meinte er, weder mit Gewalt noch mit Güte und Liebe, wir suchen Gott so eifrig, wie ihr es tut. Möget ihr es auf eurem Wege tun, wir werden euch nicht stören und euch unsere- Meinung nicht aufdrängen. Drängt also auch uns bitte, eure Meinung nicht aus, laßt auch uns ungestört unseres Weges ziehen, und am Ziele werden wir uns vielleicht von selbst begegnen... Dieser Gedankengang entspricht ganz und gar der Auffassung, welche die Juden von Anbeginn über das Verhältnis der einzelnen Glaubensbekenntnisse zu einander vertreten haben. . Wenn das Judentum nun aber dauernd daraus verzichten wird, Mission zu treiben, darf es dann hoffen, mit seinen Gedanken einmal die Welt zu erobern? Darauf ist folgendes zu sagen: Wenn wir das Wort Mission nicht.allzueng fassen, dann treibt auch das Judentum Mission. Es gibt nämlich zwei Arten und Möglichkeiten, Mission zu treiben: Entweder gehen wir zu denjenigen, von welchen wir glauben, daß sie von uns lernen können und sollen; oder aber wir warten darauf, daß jene aus eigenem Antriebe und eigener Erkenntnis zu uns kommen. Der erstere Weg, den das Christentum eingeschlagen hat, ist der geräuschvollere und mehr in die Augen springende. Wenn aber dabei auch der äußere Erfolg zunächst größer ist, so muß doch derjenige, der den Weg betritt, darauf gefaßt sein, daß man ihn. hie und da energisch zurückweist; denn nicht jeder ist gewillt, sich solchermaßen bestimmen und bekehren, zu lassen. Wir Juden haben darum den ersteren Weg niemals beschritten, sondern den zweiten vorgezogen, die anderen an uns herankommen zu lassen. Dieser Weg ist freilich still und geräuschlos, aber er ist stolzer und selbstbewußter als der erste. Wir sind von der Wahrheit unserer Sache so fest überzeugt, daß wir uns sagen: Die gute und wahre Sache muß durch sich selbst wirken, indem sie besteht und sich v or aller W elt offen und d eutlich zei-gt. ' ■. ,; : Das ist die Mission, die das Judentum treibt, wenn wir das Wort in weiterem Sinne fassen, wenn wir unter. Mission den Wunsch verstehen, daß die anderen Bekenntnisse einmal für unser n Gottesglauben, für u n s e r e Weltanschauung mögen gewonnen werden. In diesem Sinne übt das Judentum allerdings Mission; denn es ist ihm nichts weniger als gleichgültig, wie sich die anderen Bekenntnisse dereinst zu ihm stellen werden. Aber in Ruhe und Geduld warten wir die Dinge ab, ohne je zu irgendeiner Form der Ueberredung zu greifen. Je fester wir von dem Wert und der Wahrheit unserer religiösen Auffassung überzeugt sind, - um so .ruhiger und geduldiger dürfen wir der Entwicklung der Dinge entgegensehen. So weit das Judentum gehen konnte, ohne sich etwas zu vergeben, so weit ist es immer gegangen. Und wenn der Talmud auf die Opfer aufmerksam macht, .die das alte Israel einst im Tempel zu Jerusalem am Hüttenseste für die ganze Welt darzubringen pflegte, so dürfen wir diese Bemerkung ergänzen.und dürfen sagen: Auch nach der Zerstörung des Tempels haben wir nicht ausgehört, der ganzen Welt Opfer zu bringen. Die Kulturwerte, die unser Stamm zu Tage gefördert, haben wir der ganzen Welt zur Verfügung gestellt, und die Welt hat das Geschenk Israels gern entgegengenommen. Ohne uns zu überheben, dürfen wir es aussprechen, denn es ist die volle Wahrheit: Wir Juden haben der Welt mehr gegeben, als wir von ihr empfangen haben. Darum werden wir auch niemals in der Hoffnung wankend werden, daß einmal die Stunde dankbaren Erkennens schlagen wird, von der schon unsere alten Propheten geträumt haben. Dann wird es keine verschiedenen Bekenntnisse mehr geben-und -keine einzelnen Sekten, sondern ein Bekenntnis, eine religiöse Weltanschaung, eine Gottesauffassung wird alle Bewohner der Erde umschlingen. LmJahrhundert bayerisches Iudenedikt. m 11. Mürz 1912 begingen die Judengemeinden Preußens festlich die hundertjährige Gültigkeit der formellen Judenemanzipation — aber die wirklich offenherzigen Stimmen bemängelten mit Recht, wie jetzt, sogar ein starkes Menschenalter nach dem Inkrafttreten der Verfassung des Norddeutschen Bundes von 1869, die Gleichberechtigung des' preußischen Staatsbürgers mosaischer Konfession in vielerlei Hinsicht immer noch oder soggr, wenn man die kurze liberale Aera des 19. Jahrhunderts wegstreicht, wiederum nur aus dem. Papier steht. - Anders im zweitgrößten Staate des neuen Deutschen Reiches, in Bayern, mit seinen so vielfach, namentlich in konfessionellen Dingen, ganz eigenartigen Verhältnissen. Am 10. Juni dieses Jahres waren 100 Jahre verflossen, seit durch Verkündigung des „Epikts über die V erh älitt i s s e der jüdische n G l a u b e n s g e n o s s e n i m Kö - nigreich Bayern",' Sie gesetzlichen Unterlagen' für die staatskirchenrechtliche Stellung der Israeliten der neu abgerundeten Wittelsbacher Monarchie feste Form erhielten. Und zwar diejenige Form, die dem Buchstaben gemäß noch heutigentags Gesetzesrang genießttrotz wiederholter Aenderungsvorschläge und neuerdings schier unablässiger Resormrufe. Es zeugt gewiß von dem ehrlich aufklärerischen Geiste des ersten bayerischen Königs, den Volks-, bürger-, freiheitsfreundlichen Max I. Joseph, den Vater der bayerischen Verfassung von 1818, und seinem, allen Dunkelmännern bös verhaßten Minister Montgelas, daß gerade in jenen politisch aufgeregtesten Zeitläuften des Sommers 1813 entscheidende

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