Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 77 (1913)
- Issue
- Heft 25 (20.6.1913)
- Date
- 1913-06-20
- Page
- Seite 294 (sequence 6)
- Language
- German
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294 Dem Zwange der Umstände folgend, mußte Davidsohn sechzehnjährig in ein -Getreidegeschäft seiner Vaterstadt eintreten, nachdem er zuvor durch Fürsorge zweier älterer Brüder zwei Jahre in Berlin in Pension gewesen war und dort die Schule besucht hatte. Später, 1872, nahm er während etwa eines Jahres'eine Stellung in einem größeren Berliner Bankhause ein, um mit 20 Jahren aus -eigenem Entschluß zum Journalismus überzugehen. Er war zunächst in der Redaktion der „Frankfurter Zeitung" tätig und nahm dann an der Leitung des von seinem Bruder George 1868 begründeten „Berliner? Börsen-Courier" teil, dessen Mitbesitzer er 1876 unter ungünstigen äußeren Umständen wurde. Als die antisemitische Bewegung begann, war er einer der ersten, die sich mit voller Entschiedenheit gegen sie und gegenihren bedeutendsten Führer, den Hosprediger Stöcker, wandten. Im Jahre 1884 schied er aus der Leitung des damals, in eine Aktiengesellschaft umgewandelten „Börsen - Courier" aus, dessen Ehesredaktion sein ältester Bruder George bis zu seinem Tode (1897) führte. D. sah sich jetzt im Besitze der Mittel, den Wunsch seiner Jugend zu erfüllen, und betrieb zunächst in der Schweiz und in Florenz die grundlegenden Vorbereitungen zu einem regelrechten Universitätsstudium. 1886 bezog er als längst verheirateter 33jähriger Mann die Universität Heidelberg, wo die Historiker Winkelmann und Erdmannsdörfer, der Rechtshistoriker Becker, der Nationalökonom Knies und der Philosoph Kuno Fischer seine Lehrer waren. Nach nur 124 Jahren des Studiums wurde er summa eum lande zum Doktor promoviert. Bei längerem Aufenthalt in Frankreich vervollständigte er durch Studien in Archiven und Bibliotheken feine Dissertation über „Philipp II. August und Jngeburg die 1888 bei Cotta erschien und die die Ehewirren des französischen Königs, seine 'Doppelehe mit Agnes v. Meran und das mannigfache Eingreifen des Papstes Jnnocenz III. zum Gegenstand hatte. Nach Reisen in Spanien und längerem Aufenthalt in Madeira wie auf den Kanarischen Inseln, siedelte sich D. 1889 in Florenz an, wo er seit dieser Zeit, mit Erforschung der reich bewegten Florentiner Geschichte beschäftigt, lebt. Von seiner „Geschichte von Florenz" erschienen bisher seit 1896 drei Bände, die der Darstellung gewidmet sind, sowie vier Bände, „Forschungen zur Florentiner Geschichte", teils unveröffentlichte Urkunden, teils Abhandlungen enthaltend. Es mag interessieren, aus den „Forschungen" die über die Entstehung des Kapitalismus. in Florenz im 13. Jahrhundert, aus den Urkunden (Zweiter Teil. Aus Stadtbüchern- und -Urkunden von San Gimigiano) die über die aus Siena anfangs des 14. Jahrhunderts dorthin gerufenen Juden hier zu erwähnen. Von der darstellenden „Geschichte von Florenz" ist eine italienische reich illustrierte Aebersetzung im Erscheinen begriffen, und diese ist stark/zumal in Toskana, verbreitet. Davidsohn hat für seine Arbeiten mannigfache äußere Anerkennung gefunden. Preußen ernannte ihn 1908 zum königlichen Professor, der König von Italien zum Commendatore der italienischen Krone, die Universität Freiburg i. B. machte ihn 1911 zum Ehrendoktor ihrer staats- und rechtswissenschaftlrchen Fakultät. Die Stadt Florenz ernannte den Ausländer zum Mitglied ihrer Kunst- und Altertumskommissipn, deren Beirat für die Verwaltung der monumentalen - weltlichen wie kirchlichen Gebäude, der städtischen Sammlungen usw. erfordert wird. Gleiches tat die kunstberühmte .toskanische Kleinstadt San Gimigiano. Die königlichen Deputationen „für vaterländische Geschichte" TManas in Florenz und der umbrischen Gebiete in Perugia wählten ihn zu Mit- ' gliedern. Die Königliche Akademie der Crusca zu Florenz wählte ihn 1903, die Königliche Akademie dei Lincei in Rom 1910 zu ihrem Mitglieds was 1908 bereits die Königliche Akademie der Wissenschaften in München getan hatte. Die Königlich Preußische Akademie der Wissenschaften in Berlin verlieh ihm 1912 ihre Leibnizmedaille. Außer den erwähnten Arbeiten veröffentlichte D. mannigfach Aufsätze und hielt Vorträge in italienischer und deutscher Sprache, die meist die Geschichte von Florenz und Gegenstände der - Danteforschung betrafen. Wie das Iudkntum WilLon treibt. &on Rabbiner Dr. Norden in Elberfeld. enn der Talmud von den an- - deren Völkern redet, so spricht er von ihnen als von den '„siebzig Völkern"; in diese runde Zähl pflegt er alle Völker der Erde außer Israel zusammensassen. So bemerkt z. B. Rabbi Elasar im Traktat Sukka (S. 55 b) mit Bezug auf die siebzig'Stiere, die nach biblischer Vorschrift am Hüttenfeste im Laufe der Festwoche auf dem Altäre dargebracht wurden: „Diese siebzig - Opfer bringt Israel dem Ewigen für alle Völker dar"; nachdem er am Versöhnungstage für sich selbst gebetet und geopfert, gedenkt er wenige Tage darauf, am Hüttenseste, der übrigen Völker, der ganzen Welt, aller Menschen ohne Ausnahme. Auch sie sollen rein und lauter vor dem Angesichte des Ewigen dastehen; das ist, nach Ansicht Rabbi Elasars, der Herzenswunsch Israels am freudigen Hüttenfeste, nachdem er am ersten Versöhnungstage sich selbst von der schweren Last der Sünden/ befreit hat. Wie ernst es den Talmudgelehrten mit der Sorge für das sittliche Wohlergehen, für die Sittenreinheit der Völker gewesen ist, zeigt uns ganz besonders ein Ausspruch des Rabbi Jochanan an eben jener Talmudstelle: „O, welchen Verlust haben doch die Völker durch den-Untergang unseres Tempels in Jerusalem erlitten. Sie wissen ja gar nicht,, was sie an ihm verloren haben. Denn solange das Heiligtum stand, konnten wir ihrer durch Opfer gedenken und Sühne für sie herbeiführen. Jetzt aber, wo der Tempel in Trümmern-liegt, - wer soll jetzt für sie eintreten?" Kann jemand nach solchen - Aussprüchen noch behaupten, das-Schicksal der nichtjüdischen^ Welt sei den Juden jener Zeit gleichgültig gewesen? Nun ist vielfach behauptet worden: Wenn es den Juden mit ihrer Liebe zu den anderen Völkern Ernst gewesen wäre, so hätten sie Mission treiben müssen. Denn wenn sie glaubten, im Besitze bestimmter Wahrheiten zu sein, die für die ganze Welt Glück und Heil bedeuten, dann mußten sie darauf bedacht sein, diese Glücks- und Heilswahrheiten über die ganze Welt zu verbreiten, dann müßten sie das Streben zeigen, mit Professor Robert Davidsohn.