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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1913-06-20 · Heft 25 (20.6.1913) · p. Seite 293

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
77 (1913)
Issue
Heft 25 (20.6.1913)
Date
1913-06-20
Page
Seite 293 (sequence 5)
Language
German
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Durch alle diese Bemühungen erschien Zadoc Kahn, der nun über zwanzig Jahre lang Großrabbiner von Paris gewesen war, als würdiger Kandidat für den Posten eines Großrabbiners von Frankreich, der durch den Tod des ehemaligen Großrabbiners Isidore verwaist war. Er wurde auch zu diesem Posten gewählt und. am 20. März 1890 in das neue Amt eingesührt. (An seine^Stelle als Großrabbiner von Paris trat I. H. Dreysuß.) In dieser neuen Stellung hatte er nicht mehr für die Gemeinde der Hauptstadt allein, sondern für das Judentum in Frankreich überhaupt zu sorgen, und wenn er auch schon vorher diese Aufgabe nicht vernachlässigt hatte, so widmete er sich nun dieser neuen Tätigkeit mit seiner ganzen Kraft. Er hielt es zunächst für seine Pflicht, mit Energie gegen die antisemitischen Bestrebungen in Frankreich aufzutreten, und unterstützte mit regem Eifer das Hilfswerk für die in Rußland zurückgebliebenen und die aus Rußland ausgewanderten Juden. Er wurde ein eifriger Mitarbeiter an den großen Plänen des Barons Hirsch, in dessen Verwaltungskomitee er 1896 eintrat, und verstand es, durch seine eifrige Werbetätigkeit auch von anderen große Summen zusammen zu bekommen. Bei den furchtbaren antisemitischen Hetzereien tri' Frankreich suchte er seine Glaubensgenossen durch kräftige Worte zu trösten und der Fahnenflucht entgegenzuarbeiten. Im Jahre 1894 begannen die Bemühungen zur Herausgabe einer französischen Jugendbibel, zu deren Leitung er sich entschloß. Der erste Band dieses neuen Unternehmens, das nicht mit der früher erwähnten allgemeinen Bibelübersetzung'zu verwechseln ist, erschien freilich erst 1899, der zweite, bei dem Kahns Mitarbeit bedeutender, hätte werden sollen als bei dem ersten, wurde erst nach seinem Tode ohne seine Beiträge veröffentlicht. Gerade in diese Zeit, da der Plan einer Jugendbibel erwogen und mit dessen Ausführung begonnen wurde, fällt die Dreyfußasfäre. Sie ist unseren Lesern noch in zu frischer Erinnerung, als daß sie im einzelnen erzählt werden sollte. Hier mag nur kurz daran erinnert werden, daß Kahn, dessen Sohn übrigens zuerst die Fälschung des sogenannten Bordereau entdeckte, nicht besonders aktiv in dieser Sache tätig war, aber mit dem allergrößten Interesse die einzelnen Phasen verfolgte, die Verurteilung des Unschuldigen aus tiefster Seele beklagte und den Triumph der gerechten Sache noch miterlebte. Er wurde von den verschiedensten Seiten angeregt, in diese Sache praktisch mit einzugreifen, hielt aber eine solche Beteiligung für unvereinbar mit seiner hohen Stellung, wenn er es auch an gutem Rat und stiller Mitarbeit nicht fehlen ließ. Seine ganze Zeit war den großen allgemeinen Angelegenheiten, besonders auch dem geplanten allgemeinen Religionskongreß, den Kolonisationsangelegenheiten, der Erziehung der jüdischen Jugend Frankreichs gewidmet. Den in den neunziger Jahren gleichfalls erwachenden Zionismus verfolgte er mit Aufmerksamkeit, trat in Beziehung mit Herzl, dessen Enthusiasmus ihn begeisterte, verweigerte aber seine Teilnahme am Zionistenkongreß. Er trat lebhaft gegen die armenischen Greuel auf (1897) und erhob kräftig feine Stimme gegen dieWerfolgungen, die gegen die Juden in Algier ausbrachen (1898). : Im Jahre 1904 begann der definitive Sturm gegen die bisher in Frankreich gültige Verbindung von Kirche und Staat. Die Trennung von Kirche und Staat, die auch für die Rabbiner von sehr bedeutsamen Folgen sein mußte, erfolgte am 3. Juli 1905. Die Folgen dieser merkwürdigen Entwicklung hat Zadoc Kahn nicht mehr erlebt; am.8. Oktober 1905 (am Versöhnungstage) erkrankte er schwer, nachdem er noch am Vorabend seine Funktionen in gewohnter Weise erfüllt hatte, und starb am 8. Dezember desselben Jahres. Man sieht aus dieser kurzen Zusammenstellung der Tatsachen eines wohlgeführten Lebens — eine Zusammenstellung, die den Angaben des am Anfang dieser Skizze erwähnten Buches entnommen ist — daß Zadoc Kahn sein Leben im Dienste des Judentums verbrachte, daß er ein redlicher und unermüdlicher Arbeiter war. Seine Einzelleistung mag den Nichtfranzofen nicht besonders eminent erscheinen und vermutlich auch den Franzosen, die seine Kanzelreden nicht gehört haben. Denn wenn man heute seine Predigten liest, so steht man nicht mehr unter dem Zauber des Sprechenden und empfängt nicht den Eindruck, der den Hörer ergriff. Seine religiöse Stellung war so gemäßigt, daß sie den Ultraorthodoxen ebensowenig genügte wie denen, die einen wirklichen Fortschritt im Judentum wünschten. Auch was er schrieb, war weder überraschend durch Originalität, noch etwa imponierend durch stupende Gelehrsamkeit, obgleich sein Wissen groß und allseitig war. Seine Initiative in allgemeinen Angelegenheiten war nicht von sichtbaren und bleibenden Folgen begleitet, obgleich er den bestehenden oder von anderer Seite gegründeten Vereinigungen seine eifrige Mitarbeit angedeihen ließ. Nur die schon hervorgehobene Begründung der gelehrten Gesellschaft in Frankreich ist sein eigentlich eigenes Werk. Und doch liegt in dem Geistlichen, dem Menschen, dem Juden, der ganzen Persönlichkeit ein eigener Zauber, der sich schwer analysieren läßt. Zadoc Kahn war ein trefflicher Mensch. Er lebte mit seiner Gattin innigst verbunden, war seinen Kindern ein treusorgender Vater. Er war ungemein wohltätig, mochte er aus eigenem Beutel oder aus den Hilfsmitteln spenden, die ihm reichlich' zur Verfügung gestellt wurden. Er besaß jene reizvolle unveränderliche Herzensgüte, die durch die traurigsten Erfahrungen nicht entmutigt wird. Diese natürliche Güte zeigte sich auch darin, daß er trotz seiner hohen Stellung, die 'er nicht etwa, von Ehrgeiz verzehrt, begehrt hatte, und daß er trotz aller Auszeichnungen (Orden und Titel), die ihm fast wider Willem zuteil wurden, einfach und bescheiden blieb. Gerade diese Einfachheit und zugleich das Erfülltsein von der Wahrheit dessen, was er verkündete, machte das Anhören seiner Reden zu einem Genuß. Sie hatten nichts Hinreißendes, - verschmähten den Prunk, wirkten aber durch ihre Mäßigkeit und Milde und durch die Festigkeit der Ueberzeugung. Der Biograph des vortrefflichen Mannes, der mit großer Wärme von seinem Helden spricht, führt als einen Lieblingsspruch des Geschilderten den Satz an: „Man lebt voll und ganz erst, wenn man für andere lebt." Das ist gewiß ein schöner Oebensgründsatz. Man muß Zadoc Kahn nachrühmen, daß er diese Worte nicht nur'im Munde führte, sondern auch betätigte. Er'war ein guter Mensch, ein eifriger Jude, ein pflichttreuer Beamter, eine repräsentative Persönlichkeit. Man kann von ihm schwerlich sagen, daß die Spuren seines Erdenlebens unvergänglich sein werden — denn dafür ist das wirklich von ihm Vollbrachte zu gering — aber man kann behaupten, daß er während seines Lebens seine Ausgaben voll und ganz erfüllte und einer jener bescheidenen und glücklichen Menschen war, der von den Gleichgültigen geachtet, von den Feinden nicht befehdet und von seinen vielen Anhängern bewundert und begeisternd gepriesen wurde. Sein Leben war eifrige Arbeit, und er hat die hohe Stellung, zu der er berufen wurde, würdig ausgesüllt. Orokrllor Ködert DamMohn ist geboren am 26. April 1853 in Danzig. Seine Eltern lebten in recht bescheidenen wirtschaftlichen Verhältnissen. Der Familie der Mutter entstammten einige Juristen, ihr Vetter, der nachmalige preußische Justizminister v. Friedberg und ihr Bruder, der 1881 in Berlin als Landgerichtsrat verstorbene Alexis Rosenberg, der indes Bedeutung besonders auF dem Gebiet prähistorischer Forschung erlangte. Seine Sammlung von Rugianischen Urnen, Feuersteinwaffen und -Geräten füllt als sein Vermächtnis einen mit seiner Büste geschmückten Saal des Germanischen Museums in Nürnberg.

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