Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 77 (1913)
- Issue
- Heft 25 (20.6.1913)
- Date
- 1913-06-20
- Page
- Seite 292 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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292 Dezentralisation für erforderlich erachtet wird, noch in. welcher Richtung hin ev. die Vorlage geändert werden soll.. Glauben - Sie wirklich, daß der Vorstand sich hiernach hinsetzen und eine neue Vorlage ausarbeiten wird? So, wie der Antrag vornegt, würde seine Annahme, nach meiner Ueberzeugung nur die Repräsentantenversammlung bloßstellen. Negieren ist leicht; bessermachen ist schwer. Aber einerseits negieren und anderseits erklären, man wisse nicht, ob man negieren und was man letzterenfalls an seine Stelle setzen solle, halte ich für einfach unzulässig. , Eine geordnete Verwaltung der Gemeinde ist nach meiner Auffassung nur denkbar bei planmäßigem und sachgemäßem Zusammenarbeiten des Vorstands und der Repräsentanten. Haben. Vorstand und Repräsentanten durch ihre gemeinsamen Delegierten, wie sie in der gemischten Deputation zusammengearbeitet haben, eine grundsätzliche Entscheidung getroffen, so halte ich es nicht für angängig, wenn die Repräsentantenversammlung jetzt einfach so tut, als wenn sie noch niemals mit der Sache besaßt worden sei, oder als wenn gar der Vorstand, wie dies in der Rede unseres verehrten Kollegen Kalischer der Fall war, in einer Weise angegriffen wird, als ob sich der Vorstand gegen elementare Grundsätze der Verwaltung oder gar gegen die Auffassung der Repräsentanten versündigt hätte. Daher ist es nach meiner Auffassung erforderlich, entweder die Sache nochmals an den Ausschuß III zurückzuweisen oder die ganze Vorlage einer gemischten Deputation zu überweisen. Ich. würde in der Angelegenheit nicht in dieser Weise Stellung nehmen, wenn ich nicht überzeugt wäre, daß die Tragweite der Entscheidung, welche die Repräsentanten heute anscheinend zu treffen gewillt sind, unterschätzt wird. Meine Herren, wir befinden uns in einer für die Entwicklung des Gemeindelebens und unserer Berliner Gemeinde überaus gefahrvollen Zeit. Unter den verschiedensten Vorwänden wollen zentrifugale Kräfte die Berliner Gemeinde sprengen. Die einen suchen religiöse Motive heraus, andere soziale, noch andere lokale, wieder andere nationale; jedenfalls wird von den verschiedensten Seiten versucht unter allerhand Vorwänden die Gemeinde zu zerstören. Manche Angriffe sind auf Böswilligkeit zurückzuführen; anderen wird man wenigstens die Gutgläubigkeit nicht äbsprechen können. Es ist begreiflich, trenn der oder jener in einer großen Gemeinde von 140 000 Seelen sich aktiv oder Passiv nicht genügend berücksichtigt findet, auch wenn er auf eine solche Berücksichtigung einen Anspruch nicht hat. Aber die Gemeinde hat nach meiner Auffassung die Pflicht, nach Möglichkeit derartige Empfindungen zu berücksichtigen. Sie muß wenigstens zeigen, daß sie gewillt ist, jedem einzelnen nach Tunlichkeit gerecht zu werden. Vor allem aber: sie hat das politische Interesse, die Gesamtgemeinde aufrechtzuerhalten und daher den zentrifugalen Bestrebungen nach Kräften jeden Vorwand zu entziehen. Ich wies bereits hin auf die politische Bedeutung des Antrags. Sie wissen, daß die Weiterentwicklung der Gemeinde von vielen Seiten beargwöhnt wird. Wir haben gesehen, daß das Herrenhaus eine Regierungsvorlage auf Grund hinterlistiger Angriffe aus dem Lager unserer Glaubensgenossen verworfen hat, obwohl diese Regierungsvorlage nichts weiter als die Ermöglichung einer verständigen Verwaltung erstrebte. Zu den Angriffen, aus Grund deren die Vorlage zurückgewiesen wurde, gehörte auch die nicht genügende Berücksichtigung ganz lokaler Verhältnisse. -Wenn wir hier aus eigener Initiative die bessernde Hand anlegen, so wird dies auch politisch von Einfluß fein müssen, während die Zurückweisung eines derartigen Versuchs der Gemeinde schädlich wäre. Nun will ich mich persönlich keineswegs mit der Vorlage identifizieren. Ich halte die vorgeschlagenen Bezirksausschüsse nicht für eine Erleichterung, sondern für eine Erschwerung der Verfvaltung. Was sollen die zehn Bezirksausschüsse gegenüber der Armenkommission, die sich bereits in sechs Teile geteilt hat! Wenn eine Kommission eine Auskunft haben will und sich erst wieder an eine andere Kommission wenden soll, so wird nach allen Erfahrungen des Lebens die Verwaltung nicht beschleunigt, sondern verlangsamt.-Ich denke mir daher persönlich die Sache so, daß die ganze. Gemeinde in örtliche Bezirke von etwa 2000 Seelen -eingeteilt wird; für jeden Bezirk -wird ein B-ezirksvorsteher eingesetzt... Hat eine Verwältungskommission nur mit -einer Auskunstspevson zu tun, so wird sie schnell und leicht Auskünfte erhalten können. Diese eine Person wird auch in der Lage sein, die Bedürfnisse der Bezirkseingesessenen eher zu übersehen- und sie zur Geltung zu bringen. Sollten dann in einzelnen Fällen die Interessen größerer Bezirke in Frage kommen, so werden all lloe die betreffenden Bezirks- Vorsteher gemeinsam berufen werden können. Auf diese. Weise würden weite Kreise unserer Gemeindemitglieder neu herangezogen werden und es würden diese Kreise ein stärkeres Gefühl dafür erhalten, .daß die Gemeinde bestrebt ist, jedem gerecht zu werden. . \.t,. Ich deute diese Gedanken nur an, um die Richtung zum Ausdruck zu bringen, die ich für möglich halte- Wenn wir uns auf andere bessere Vorschläge einigen können, trete ich mit meiner Anregung gern zurück. Jedenfalls bitte ich Sie, durch Annahme eines meiner Anträge die Möglichkeit zu schaffen, in positiver gemeinsamer Arbeit mit dem Vorstand doch noch zu einem Ergebnis zu gelangen, das unserer Gemeinde zum Heile gereicht, und möchte nochmals davor warnen, den Ausschußantrag anzunehmen, der nach meiner Ueberzeugung unsere Gemeinde und unser Gemeindeleben und darüber hinaus unsere politische Stellung im Staatswesen dauernd zu beeinträchtigen geeignet ist. Lsdor Lahn. Von Ludwig Geiger. 3 (Schluß.) m Verein mit anderen Männern, unterstützt durch die reichen Pariser Bankiers, förderte er große philanthropische Werke und hielt nicht bloß die Weihereden bei Eröffnung des Rothschildschen Waisenhauses und des Siechenhauses, sondern wußte gar viele zur Förderung allgemeiner und privater Wohltätigkeit anzuregen. Dem Zentralkomitee der Alliance Jsraelite Universelle war er schon 1870 beigetreten und unternahm im Aufträge dieser Gesellschaft größere Reisen; der Anglo-Jewish Association bezeugte er wenigstens seine Sympathie, wenn er auch nicht praktisch für ihre Ziele tätig' war. Das Erwachen des Antisemitismus, damals nur in Deutschland und in den östlichen Ländern — in Frankreich hielt die traurige Erscheinung dieser „Schmach des Jahrhunderts" erst einige Jahre später ihren Einzug — verfolgte er mit dem lebhaftesten Interesse, und als es galt, gegen die russischen Greueltaten aufzutreten, versagte er seine Beihilfe nicht. Er beteiligte sich sogar am Anfang der achtziger Jahre an einer Besprechung in Koblenz mit angesehenen Juden Deutschlands, Oesterreichs und Englands und wurde ein eifriger Förderer der Kolonisationsbestrebungen, einer Folge der Auswanderung vieler russischer Juden. Als es dann galt, den auch in Frankreich einziehenden rasch erstarkten Antisemitismus zu bekämpfen, stand er in der vordersten Reihe. Um den andersgläubigen Franzosen zu beweisen, daß die Juden in Frankreich sich als Vollfranzosen betrachteten, verherrlichte er im Jahre 1892 in Reden und Schriften das Jubiläum der Judenemanzipation in Frankreich.