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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1913-06-20 · Heft 25 (20.6.1913) · p. Seite 291

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
77 (1913)
Issue
Heft 25 (20.6.1913)
Date
1913-06-20
Page
Seite 291 (sequence 3)
Language
German
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geübt hat, darf man hoffen, daß'dieser Appell seine Wirkung tut. / . ' Es wäre dringend zu wünschen/ daß ein wenig Beruhigung in die Welt einzieht. Der unselige Krieg, der Taufende und aber Taufende hingemordet, weite Länderstrecken verwüstet, die kriegführenden Mächte in große finanzielle Bedrängnis gebracht hat, fügt auch den Finanzen anderer Länder, dem Handel und der Industrie die schwerste Schädigung zu. Der Händel nach dem Osten ruht naturgemäß fast ganz; auf die Zeiten gewerblicher Hochkonjunktur scheint eine Zeit wirtschaftlicher Depression zu folgen. Die großen Ausgaben, zu denen die neue Wehrvorlage jedem einzelnen nötigt, die beständige Steuererhöhung, die natürliche Folge der stets vermehrten Ausgaben Preußens und des Reiches, erfüllen jeden Staatsbürger mit banger Sorge für die Zukunft. # Unser Artikel über die Stellung des Schaaffhaufensch en Bankvereins, der uns manche Zuschrift eingetragen hat, (vgl. auch den Sprechsaal dieser Nr.), hat die „Staatsbürger-Zeitung" veranlaßt, diesen Artikel äbzudrucken und mit hämischen Bemerkungen zu begleiten. Natürlich nennt sie, was wir als „Notwehr" bezeichnen, in ihrer liebenswürdigen Art „Ueberhebung und Unverschämtheit". Sie fetzt dann hinzu: Das deutsche oder arische Publikum müßte den hingeworfenen Fehdehandschuh aufnehmen und mit denselben Kampfesmitteln antworten, .mit denen, es vom Judentum herausgesordert worden ist. Es käme auf den Versuch an, festzustellen, ob die von arischer Seite den Banken anvertrauten Depositen größer sind als die von jüdischer Seite hingegebenen. . Wenn das Judentum diesen Kampf will, braucht ihn das'deutsche Volk nicht abzulehnen. Die Folgen eines solchen Kampfes werden sehr schwer sein und das Bankentum ungeheuer schädigen. Es dürfte daher nur recht und billig sein, diesen Kampf nur dann aufzunehmen, wenn er notwendig ist und wenn sich das Bankentum mit den verhetzenden Ausführungen in der „Allgemeinen Zeitung des Judentums" einverstanden erklärt. Erst muß aber einmal die Antwort der Banken abgewartet werden, die diese verhetzende Kampfesart des Judentums sicherlich kaum untmnchen werden. Dem gegenüber können wir nur feststellen, daß nicht wir herausfordern und verhetzen, sondern, daß wir nur uns unserer Haut wehren und einen ehrlichen Kampf kämpfem - Einen solchen führen wir auch, wenn wir nach dem „Berl. Tagebl." den Ä ntisemitismus im K o n fir m at i o n s u n t er r i ch t aufdecken. Das Blatt schreibt: In der Tagung vom 10. Juni der Kreissynode Friedrichswerder II, die außer den westlichen Kirchengemeinden Berlins diejenigen von Schöneberg und Charlottenburg umfaßt, machte zum'Bericht der Charlottenburger Luisengemeinde der Syn. Erdmannsdörfer (Lib.) Mitteilungen über das antisemitische Gebären des Pfarrers Luckan. Erdmannsdörfer bedauerte, daß der Pfarrer Luckan nicht anwesend sei, und berichtete: In einer Zeitung sei eine unwidersprochene Notiz erschienen, wonach Pfarrer Luckan im Konsirmationsunterricht wenig angenehme antisemitische Aeußerungen gemacht haben soll. Er soll seinen Konfirmanden nahegelegt haben, die Konfirmationskleider nicht bei Juden zu kaufen (Bravo bei den Positiven) und daß, wenn sie sich für ihn photographieren lassen wollten, dieses ihn sehr erfreuen würde, daß er aber weniger erfreut sei, wenn er auf den Photographien Firmen wie Cohn, Silberstein oder Levh lesen muß. (Bravorufe rechts.) Es sei sehr bezeichnend, daß von der rechten Seite Bravo! gerufen werde. Seine Freunde halten es für mrangemessen, daß ein evangelischer Geistlicher derartige Aeußerungen macht, noch dazu im Konfirmationsunterricht. (Sehr wahr! links.) Es liege im Interesse des Ansehens der Luisengemeinde, daß Pfarrer Luckan sich recht bald zur Sache äußert. (Bravo! links.) Pfarrer Kraatz (Lib.) führt weiter ans: Daß Pfarrer Luckan >diese Aeußerungen getan, stehe ziemlich fest. Er sei auf dem Bureau erschienen, und als der Rendant ihn auf den Zeitungsartikel aufmerksam machte, habe er die Finger in die Westentasche gesteckt und mit schriller Stimme höhnisch gerufen: „Weih geschrien!" Pfarrer Luckan fei bekannt als Antisemit ersten Ranges, was gegen das christliche Gebot der Nächstenliebe verstößt! (Beifall links.) -Bemerkenswert ist, daß ein Mitglied der Synode, der Oberpfarrer. D. Riemann, den Pfarrer Luckan verteidigte, indem er meinte, wenn Pfarrer Luckan es nicht der Mühe für wert gehalten habe, auf einen solchen Zeitungsartikel zu antworten, so befinde er sich in guter Gesellschaft. — Um diese „gute Gesellschaft", die nicht den nötigen Mut aufzubringen vermag, um ihre Handlungen auch persönlich zu vertreten, wenn und wo sie deswegen interpelliert wird, braucht man wohl die Herren Riemann und Luckan nicht weijer beneiden. * Aus London berichtet man der „N. I. K.": Der Herausgeber der Zeitschriften „Eye Witneß" und „New Witneß", Cecil Chesterton, der bemüht ist, den kontinentalen Antisemitismus nach England zu verpflanzen und u. a. eine heftige Kampagne gegen die beiden jüdischen Mitglieder des englischen Kabinetts eröffnet hat, ist von Godfrey Jsaacs, dem Bruder des Justizministers und Direktor der Marconigesellschaft, wegen Verleumdung verklagt worden. Die Klage gelangte am 7. Juni zur Verhandlung. Chesterton hatte zahlreiche Artikel über den Kontrakt geschrieben, den der Generalpostmeister Herbert Samuel, bekanntlich ein Jude, mit der Marconigesellschaft abgeschlossen hatte, und in allen diesen Artikeln war Godfrey Jsaacs durch den Schinutz geschleift-und der Abschluß des Kontrakts als Korruptionsskandal schlimmster Art hingestellt worden, als ob der Generalpostmeister und andere Minister zusammen mit dem Direktor der Marconigesellschaft bei dieser Gelegenheit unerlaubte Privatspekulationen gemacht hätten. Chesterton wurde wegen Verleumdung unter dem allerschärfsten Tadel des Richters zu 100 Pfund Geldstrafe und Tragung der, sehr hohen Gerichtskosten verurteilt. - Lur Frage der De?entraülatwn der Milchen Gemeinde Lerlin. Von Herman Veit S i m o n>) Meine Herren! Zu meinem lebhaften Bedauern muß ich zu dem Antrag des Ausschusses III eine völlig ablehnende Stellung einnehmen. Zunächst erscheint mir dieser Antrag nach parlamentarischen Grundsätzen und mit Rücksicht auf die ganze Sachlage unmöglich. Die Vorlage, -um die es sich hier handelt, ist nicht einfach aus der Initiative des Vorstands hervorgegangen. Nach der ersten Anregung, die von Herrn Justizrat Breslauer ausgegangen war, ist eine gemischte Deputation eingesetzt worden. Die gemischte Deputation ist zu einem Beschlüsse gelangt, der grundsätzlich mit der Vorlage des Vorstandes übereinstimmt, und dessen Ausführung diese Vorlage darstellt. Der Beschluß ist in der Deputation einstimmig gefaßt worden; insbesondere finden sich unter den Zustimmenden hervorragende Mitglieder unserer Repräsentantenversammlung, die jetzt plötzlich ihre Meinung völlig geändert haben. Ich will keineswegs behaupten/ daß jeder, der einmal eine Ansicht geäußert hat, darauf ein für allemal festgelegt werden soll. Aber es berührt doch eigenartig, daß bei einer grundsätzlichen Vorlage dieselben Männer, die vor wenigen Monaten eine prinzipielle Entscheidung in einer für unsere Gemeinde hochwichtigen Angelegenheit gefaßt haben, nicht nur Umfallen, sondern die ganze Vorlage für unannehmbar erklären. ■ ■ , ' Der Antrag selbst erscheint mir so, wie er vorliegt, auch in-, haltlich unmöglich. Zuerst wird darin die Vorlage des Vorstands für unannehmbar erklärt. Dann wird gesagt: wenn der Vorstand eine Dezentralisation für angezeigt erachte, solle er eine andere Vorlage machen. Der Antrag sagt weder, ob eine *) In eurer der letzten Sitzungen der Berliner Repräsentantenversammlung' hat Herr Justizrat H. B. Simon die folgende bedeutsame - Rode' gehalten, die wir hier folgen lassen, da unser Bericht über die Sitzung ihr nicht gerecht wurde. Die Red.

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