Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 77 (1913)
- Issue
- Heft 24 (13.6.1913)
- Date
- 1913-06-13
- Page
- Seite 3 (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
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Mäßigung um 20 Prozent eintreten zu lassen. — Lissa. Das neunzigste Lebensjahr vollendete in diesen Tagen bei leidlicher körperlicher Rüstigkeit und geistiger Frische Frau Ernestine Hamburger, die Ehefrau des vor etwa 20 Jahren hier verstorbenen Michael Hamburger. An ihrem Geburtstage wurde ihr aus ihrem großen Verwandtenkreis und von Bekannten und Freunden vielfache Aufmerksamkeit zuteil. — Die Nachbargemeinde Schwetzkuu mußte wegen des Fortzuges vieler ihrer Mitglieder ausgelöst werden. — Kletzko. Der Rentier Moritz Jolowitz schenkte der hiesigen Synagogengemeinde einen Leichenwagen im Werte von 1000 Mark. — Z n i n. Die hiesige Shnagogengemeinde wird auf ihrem an der Bromberger Chaussee gelegenen Friedhof eine Leichenhalle erbauen; die erste in hiesiger Stadt. — Krojanke. In der Repräsentantenversammlung wurden zu Vorstehern der hiesigen Synagogengemeinde die Herren Heimann Sommerfeld, Abraham Klein und Benno Meherstein gewählt. Breslau, 6. Juni. Der diesjährige F e r i e n k u r s us i n Religionswissenschaften für jüdische Lehrer beginnt Montag den 7. Juli und dauert bis Donnerstag den 24. Juli inkl. Es werden lesen: Seminarrabbiner Professor Dr. Lewh: lieber Mischnah Verachoth) (dreimal wöchentlich); Dozent Dr. B r a n n: 1. Jüdische Geschichte: Geschichte der Kultusreform im 19. Jahrhundert (zweimal wöchentlich); 2. Exegese: Die Propheten Amos und Hosea (zweimal wöchentlich); 3. Pädagogik: Methodik des nachbiblischen Geschichtsunterrichtes mit anschließenden Probelektionen (einmal wöchentlich); Dozent Dr. Horovitz: 1. Maimunis Kommentar zum Traktat Abot (Fortsetzung, zweimal wöchentlich); 2. Homiletik: Kasuälpredigten mit Hebungen (Fortsetzung, einmal wöchentlich); Rabbiner Dr. Zuck er - mandel: Ritualien: Ueber Trauergebräuche (zweimal wöchentlich); Kapellmeister Elsner: Musiktheorie (für Kantoren) in noch festzusetzenden Stunden. Einzelne Disziplinen dürften wohl noch hinzutreten. Der Kursus ist unentgeltlich und steht jüdischen Lehrern und Lehrerinnen frei. Auswärtigen Teilnehmern werden nach Maßgabe der vorhandenen Mittel Subventionen gewährt. Mit der Leitung des Kursus ist Kollege Karlsberg, Neichenbach in Schlesien, betraut worden. Der allgemeine Studienplan wird den sich anmeldenden Kollegen rechtzeitig zugehen. Neben der wissenschaftlichen Arbeit sollen Annehmlichkeiten mannigfacher Art geboten werden. Die Nachmittage, die von Vorlesungen freigehalten sind, sollen besonders dazu benutzt werden, die Jahrhundertausstellung, die eine Sehenswürdigkeit ersten Ranges | ist und eine besondere Anziehungskraft ausübt, unter sachkundiger Führung kennen zu lernen. Anmeldungen zur Teilnahme an dem Kursus sind baldigst an den Schriftführer der Kommission, Lehrer M o o P s, Breslau, Ohlauer Straße 1, zu richten, der gern geneigt ist, weitere Auskunft zu erteilen und sich angelegen lassen fein will, den Teilnehmern Preiswerte Wohnungen mit und ohne Beköstigung uachzuweisen. Am 30. Juni wird die Teilnehmerliste geschlossen. Nürnberg, 6. Juni. Der zehnte Jahresbericht des VereinsJsraelitisches M ä d ch e n st i f t E. V. ist soeben erschienen und zeigt, wie immer mehr der Gedanke sich Raum verschafft, daß die Allgemeinheit die Verpflichtung hat, den wirtschaftlich Schwachen zum Ausstieg zu verhelfen und insbesondere der Jugend Gelegenheit zu verschaffen, sich zu einem ehrbaren Berufe vorbereiten zu können. Die auf dem Lande oder in kleinen Städten auswachsenden Mädchen sind in der Regel daraus angewiesen, in Schulen und Geschäften der Großstadt ihre Ausbildung und alsdann Stellung zu suchen. Die entsprechende Unterbringung der Tochter bildet hierbei die Haüptsorge der Eltern; das im jugendlichen Alter stehende Mädchen, das bisher in elterlicher Obhut stand, bedarf eines wirksamen Schutzes gegen die Gefahren der Großstadt, bedarf eines auf Herz und Gemüt wirkenden Familienlebens, in welchem es die freien Stunden außerhalb des Dienstes verbringen kann, damit es nach den Mühen des Tages Ruhe, Erholung, aber auch Aufmunterung zu weiterer Arbeit findet. Diese Gesichtspunkte waren es, welche den verstorbenen Herrn Max Heim und seine Gattin Frau Elise Heim in Frankfurt am Main bestimmten, die Mittel zur Gründung dieser so segensreich wirkenden Anstalt zur Verfügung zu stellen, welche am 1. Juli 1903 eröffnet werden konnte. In der Anstalt findet das junge Mädchen bei guter Verpflegung ein wirkliches Familienheim, Anregung zu nützlicher Beschäftigung und Belehrung in den Mußestunden, im gemeinsamen Familienleben mit jugendlichen Kolleginnen Anregung für Geist und Gemüt. Es empfängt durch die Vorsteherin, die sich der jungen Pfleglinge mütterlich annimmt, Anleitung zu häuslicher Beschäftigung, Gewöhnung an Ordnung in Führung eines geordneten Hauswesens, wie dies in der Familie der Fall ist. Das Israelitische Mädchenstift hat sich seit seiner Eröffnung stetig entwickelt und ist der ihm gestellten Aufgabe treu geblieben. In diesen zehn Jahren haben 102 Mädchen Ausnahme gesunden, von denen ein großer Teil drei Jahre im Stift verblieben ist. Es sind teils Schülerinnen der städtischen Mädchenhandelsschulen oder kaufmännischer Privatkurse, Lehrmädchen, Verkäuferinnen, Kontoristinnen, Kassiererinnen, Modistinnen, Schneiderinnen usw. Die finanziellen Verhältnisse gestalteten sich durch die Mitgliederbeiträge und Geschenke innerhalb der abgelaufenen zehn Jahre recht günstig, so daß auch nach dieser Richtung die Existenz der Anstalt für die Zukunft auf eine feste Basis gestellt ist. c/2 Köln, 6. Juni. Der verstorbene Landesgerichtsrat Notschild hatte vor mehreren Jahren der Stadt Köln sein großes Vermögen unter der Bedingung vermacht, daß die Zinsen von einerhalben Million Mark für Lungenkranke verwendet werden, und daß für 100 000 bis 150 000 Mark ein Krematorium für Köln errichtet wird. Im Jahre 1907 wurde dieses Vermächtnis angenommen. Heute abend brachte in der Kölner Stadtverordnetensitzung die Stadtverwaltung eine Vorlage wegen Errichtung eines Krematoriums ein. Nach langer Debatte erklärte sich die Zentrumsfraktion in namentlicher Abstimmung gegen die Errichtung eines Krematoriums, während die Liberalen und der Oberbürgermeister dafür stimmten. Damit ist, da die Zentrumspartei die Mehrheit besitzt, das Vermächtnis wieder abgegeben worden, das nunmehr im Betrage von einer halben Million Mark dem jüdischen Asyl Zufällt. 100 000 bis 150 000 Mark erhält der Feuerbestattungsverein. M. S. Bleicherode, 6. Juni.. Unsere seit über 200 Jahren bestehende Gemeinde hatte vor 100 Jahren 24 Familien; heute zählt sie die doppelte Anzahl mit 170 Seelen; sie ist nicht allein an Personen, sondern auch an Steuerkraft gewachsen, und macht also eine Ausnahme vor vielen anderen kleinen Gemeinden. Anläßlich der Jahrhundertfeier hat sie ihren Veteranen immerwährende Steuerfreiheit gewährt. Der seit 8 Jahren hier amtierende Kultusbeamte und Lehrer Herr Stein ist seit Jahresfrist an der städtischen Mittelschule angestellt. Auf sein Gesuch an den Herrn Kultusminister kann er auch gottesdienstliche Verrichtungen weiter vornehmen. Für einen christlichen Kollegen, welcher aus ein Jahr beurlaubt ist, wurde Herr Dr. Bloch aus Müllheim in Baden an die Mittelschule berufen, und wirken also jetzt zwei jüdische Herrenan derselben. Ein Beweis von der Toleranz unserer Behörden. Als Schächter und Synagogendiener fungiert jetzt Herr A. Kottke ans Boppard. Seine Vorgängerin, Fräulein Hopseld, welche den Gemeindedieust 50 Jahre lang versehen hat, ist pensioniert; dieselbe hat noch länger eine. Privatwohnung in einem christlichen Hause ununterbrochen inne, nachdem das Haus dreimal den Besitzer gewechselt hat; auch ein seltenes.Vorkommnis. Unser Etat betrügt für 1913/14 6580 Mark, wozu außer einer Synagogenschuldentilgungssteucr von 1400 Mark, welche noch drei Jahre lang zu zahlen ist, noch 32 Prozent der Staatseinkommensteuer erhoben werden. Die Synagoge wurde 1881 mit einem Kostenaufwand von 50 000 Mark erbaut; vorher benutzte die Gemeinde für den Gottesdienst einen Betsaal, welcher im Jahre 1791 ihr von einer christlichen, sehr toleranten Dame, Freif r a u v. H a g e n (dieselbe ist die Urgroßmutter des Grafen v. Hagen, welcher in der Provinz Sachsen mehrere große Fideikommißgüter besitzt), zur ewigen Benutzung vermacht war, sie hat aber seit 1882 auf dieses Recht weiter verzichtet und den betreffenden Raum an den damaligen Hausbesitzer gegen eine kleine Entschädigung abgetreten. 2^2 Bruchsal, 6. Juni. Der Landesverein zur Erziehung israelitischer Waisen im G r o ßh e r z o g t u m Baden blickt nunmehr auf ein Vierteljahrhundert seit seiner Begründung zurück. In der Vorbemerkung zu dem soeben erschienenen 25. Jahresbericht heißt es sehr richtig: Wie hinfällig würde unser Leben sein, wären wir nicht imstande, gute Werke in dasselbe hineinzupflanzen! Sie vor allem geben ihm Licht und Dauer, denn mit ihnen fällt ein Stück von uns auf einen hungrigen Boden, um neues Leben aus ihm hervorzulocken. Solch eine Tätigkeit, deren Saaten erst in der Zukunft richtig aufgehen, entfaltet unser Verein, indem er sich der armen israelitischen Waisen unseres Großherzogtums liebevoll annimmt. — Ueber die Ergebnisse des verflossenen Jahres wird folgendes berichtet: „Bei seinem Beginne hatten wir in unserer Mitte 108, an seinem Ende 112 Kinder, da in seinem Verlaufe 20 ausgenommen worden und 16 zur Entlassung gelangt waren. Ueber den Anteil, den die einzelnen Rabbinatsbezirke Badens daran haben, gibt eine genaue Zusammenstellung der auf die einzelnen Bezirke entfallenen Waisen Auskunft. Von den Schützlingen des Vereins