Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1913-06-13 · Heft 24 (13.6.1913) · p. Seite 2

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
77 (1913)
Issue
Heft 24 (13.6.1913)
Date
1913-06-13
Page
Seite 2 (sequence 14)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3224737-3229069-3229094--69529-3281835
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

2 frequentiert. Der Unterricht wird in aussteigenden Klassen mit je 14 bis 15 Kindern erteilt. Die. unterste Klasse oder Vorschule, die in pädagogischer Beziehung die größte Schwierigkeit bietet, wird von dem Erziehungsinspektor, Herrn'Beim selbst geleitet, in den beiden anderen Klassen unterrichten zwei aus dem Berliner Seminar hervorgegangene jüngere Lehrer. Mit den Pädagogischen Leistungen ist der zuständige Ortsschulinspektvr außerordentlich zufrieden. Die religiöse Unterweisung und die ärztliche Aussicht unterstehen den Kuratvriumsmitgliedern Herren Rabbiner Dr. Schreiber, Potsdam und Dr. med. Rawratzki, Nikolassee. Der Gesundheitszustand war nach dem Bericht des Ortsarztes, Herrn Dr. Wetzel in Beelitz, ein zufriedenstellender, die körperliche Entwicklung eine günstige, und im Verein mit der harmonischen Fürsorge für Körper und Geist sind auch' die geistigen Fortschritte innerhalb der der Natur gezogenen engen Grenzen als erfreuliche zu bezeichnen. Der Ausbildung im Handfertigkeitsunterricht für Knaben und der handwerklichen Unterweisung wird die gebührende Sorgfalt gewidmet; in der Tischlerei unterrichtet der Wärter, in der Korbmacherei ein Korbmacher aus Treuenbrietzen, in der Schneiderei ein Meister aus Beelitz. Die Leistungen, die gelegentlich der Schulferien ausgestellt werden, überraschen die Besucher ebenso angenehm wie das frische Aussehen und die frohe Stinnnung der Zöglinge. Jede Gelegenheit wird benutzt, um die Herzen der Kinder zu erfreuen; dazu tragen nicht bloß die liebevolle Behandlung bei, sondern auch' die Geschenke seitens der Freunde der Anstalt. Von größeren Zuwendungen sind zu erwähnen: die Oskar-und-Betty- Tietz-Stiftung in Höhe von 6000 Mark, die von Herrn Geheimrat Boas begründete Stiftung von 500 Mark für Bekleidungszwecke und die Zuwendung des Herrn Jakob Mandelbaum (Manvli) in Höhe von 5000 Mark zur Verwendung für einen Erweiterungsbau. Die Errichtung eines solchen ist eine Notwendigkeit geworden, selbst für den Fall, daß die Frequenz nicht erhöht werden soll, um für die älteren Zöglinge Werkstätten zu schassen; denn wenn auch bei den meisten Schützlingen eine Selbständigkeit im wirtschaftlichen Erwerb nicht erreichbar ist, so können sie doch zu einer nützlichen und einigermaßen eindringlichen Beschäftigung herangezogen worden. Dankbar anzuerkennen sind die Zuwendungen aus verschiedenen Stiftungen der jüdischen Gemeinde zu Berlin und Dresden, der Emil-und-Gertrud- Mosse-Stistung in Berlin, der Baronin-v.-Cohn-Oppenheim-Stistung in Dessau lind namentlich der zahlreichen Bne-Brith-Logen, die zu den schätzenswertesten Gönnern der Anstalt zählen. Berlin, 10. Juni. Interessante Einzelheiten berichtet die Tagespresse über den Mörder Weißenborn, der sich jüngst durch Selbstmord der strafenden Gerechtigkeit entzogen hat. Der Mörder war seit vielen Jahren ein arbeitsscheuer Mensch. Er befaßte sich mit allen möglichen Dingen, nur nicht mit seinem Handwerk. Seine besten Zeiten sah er, als er für den Grafen Pückler tätig war. Er war damals nicht nur der Einberufer der Versammlungen des Grafen, sondern er pflegte auch das Amt des Kassierers auszuüben. Bekanntlich wurde immer ein Entree von 20 Pfennigen erhoben. Weiße nborn lieferte jedoch das Geld nur in den seltensten Fällen an den Grafen ab. Auch als Graf Pückler sich schon aus der Festung und dann später in einem Sanatorium aushielt, berief Weißenborn noch Versammlungen ein, in denen er ankündigte, daß der Graf das Referat halten werde. Der Zustrom zu den Versammlungen war stets außerordentlich groß. Eines Tages betrat Weißenborn das Podium und teilte mit, daß der Graf infolge eines Automobilunfalles erst eine halbe Stunde später eintreffen werde. Dann begann er mit dem Referat und erging sich in so aufreizenden Reden, daß der anwesende Pölizeileutnant sich veranlaßt sah, die Versammlung auszulösen, noch ehe die Zeit verstrichen war, in der der Graf eintreffen sollte. Graf Pückler dachte natürlich gar nicht daran, nach Berlin zu kommen, er wußte überhaupt nichts von der Veranstaltung seines Freundes Weißenborn. — Die sauberen Gesellen hatten sich gegenseitig nichts vorzuwerfen. 2/D Berlin, 10. Juni. Einen schönen sportlichen Erfolg vermochte am Sonntag den 1. Juni die S p o r t a b t e i l u n g des Jüdischen Turnvereins Bar - Kochba zu erringen. Die größte leichtathletische Prüfung, die in jedem Jahre die sportfreudige Jugend Groß-Berlins vereint, ist der Stafettenlauf Potsdam—Berlin, zu dein die Turn-, Sport- und Jugendvereine sowie die Regimenter der Garnison Mannschaften von je 60 Läufern zu stellen haben. Diese Läufer werden auf der 26 Kilometer langen Strecke verteilt und haben die Aufgabe, eine Rolle mit einer Urkunde im Eilbotenlauf weiter zu geben. In diesem Jahre beteiligten sich in der starken Konkurrenz 57 Mannschaften, und es gelang der Bar-Kochba-Mannschaft, sich in dieser starken Konkurrenz als 16. zu behaupten. Bor zwei Jahren, als der Verein zum erstenmal eine Mannschaft meldete? erreichten sie als 23. und 38. das Ziel und konnten sich im Vorjahre unter 51 Mannschaften als 16. placieren. Der ständige Fortschritt in der sportlichen und organisatorischen Leistung dokumentiert sich in diesen Zahlen am besten, und es ist fraglos, daß der Bar-Kochba gerade im sportlichen Kampfe mit nichtjüdischen Mannschaften auch aus dem Gebiete des Hockey- und Fußballsports das seine dazu beitrügt, dem jüdischen Namen und der jüdischen Leistung Achtung zu verschaffen. 22 Frankfurt a O., 6. Juni. Die alte Judengemeinde unserer Stadt feierte am 1. d. M. ein Jubelfest. Der Senior der Judenschaft von Frankfurt a. O. Herr Lesser S t r u ck beging die 80. Wiederkehr seines Geburtstages. Von nah und fern waren zahlreiche Gäste herbeigeeilt, um dem Jubilar, der weit und breit als Muster eines aufrechten unbeugsamen Juden bekannt ist, ihre Verehrung und Liebe zu bezeugen. Unter den Tischreden heben wir besonders die Ansprache des Schwagers des Jubilars, Professor A. Berliner hervor, der selbst erst vor kurzem seinen 80. Geburtstag begehen konnte. Zur dauernden Erinnerung an diesen Jubeltag stiftete der Jubilar einen Fonds für die von ihm begründete,' streng gesetzestreue Synagoge in Frank- „ furt a. O. Durch Zahlreiche Zuwendungen wuchs dieser Fonds rasch zu beträchtlicher Höhe. Mögen dem allgemein geachteten Manne noch viele glückliche Jahre beschieden sein. Königsberg i. Pr., 6. Juni. Die 2 3. I a h r e s v e r s a m m - l u n g des Vereins jüdischer R eli gi o n sleh r e r O st - Preußens, die vor kurzem hier unter der umsichtigen Leitung des stellvertretenden Vorsitzenden, Direktors P e r i tz , tagte, legte beredtes Zeugnis für den Vorwürtsdrang der jüdischen Lehrerschaft ab. Herr K r o n e r - B a r t e n st ein sprach über „Das Leben und Wirke,! des jüdischen Kultusbeamten in kleinen Gemeinden, seine berufliche und gesellschaftliche Stellung". Gerade dieser heikle Punkt bedarf der taktvollsten Behandlung in der Öffentlichkeit, um darzutun, lvie der Beamte in den verschiedensten Situationen sich des rechten Weges wohl bewußt sein müsie. Strenge Selbstzucht, selbstbewußte Bescheidenheit, wissenschaftliche Vervollkommnung, das seien die Etappen zu der erstrebten Wertschätzung innerhalb der Gemeinde. Auch durch den formvollendeten Vortrag des Herrn Fein-Lyck zog sich wie ein roter Faden der Gedanke: nur die Lehrerpersönlichkeit vermag Rechtes zu erzielen. Auch die Wirksamkeit in der Religionsschule erheischte, zumal in unserer Zeit der Parteiungen, des rechten Taktes, um der bekannten Deutung des Satzes Rechnung zu tragen, die Ehrfurcht vor den Eltern zu wahren, ohne der religiösen Förderung Einhalt zn tun. Zur unmittelbaren Schulpraxis führte die Besprechung der in den letzren Jahren erschienenen Lehr- und Jugendbücher durch Herrn Hoffl.iann-Königsberg. Es soll nunmehr mit der Gründung von Jugendbüchereien, insbesondere in kleinen Gemeinden, Ernst gemacht werden.— Die wirtschaftliche Lage des jüdischen Beamtenstandes beschäftigte den Verein an der Hand des Normalvertrages für jüdische Religionslehrer und Kultusbeamte. Der Referent, Lehrer Wollheim-Königsberg, verwarf ihn, während andere ihn als geeignete Grundlage zu weiteren Verhandlungen betrachtet wissen wollten. — So Verliesen die Verhandlungen ohne Mißton, in jedem Teilnehmer starke Anregungen zurücklassend; nur ein Bedauern beherrschte die Versammlung: daß der greise Führer der ostpreußischen Lehrerschaft, Stnrmann-Osterode, durch Unwohlsein verhindert war, die Tagung, wie seit 17 Jahren, zu leiten. In einem Telegramm an ihn gab inan diesem Empfinden Ausdruck. W. Aus der Provinz Posen, im Juni. Posen. Herr Berthold Reumann, Inhaber der Pianofvrte-Großhandluug Hierselbst, schenkte der Walderholungsstätte in Unterberg, dem Verein -zur Fürsorge für kranke Arbeiter einen Flügel. Diese hochherzige Schenkung verdient öffentlich anerkannt zu werden. — Am 1. Juni beendete Elias Zydower als Angestellter im Neuen israelitischen Krankenverpslegungs- und Beerdigungsverein seine 25 jährige Tätigkeit. Der Jubilar hat seinen schweren Beruf stets mit voller Hingabe ausgeübt und erfreut sich allgemeiner Achtung und Beliebtheit. — G n e s e n. Für das Rechnungsjahr 1913 werden an Schulbeitrügen erhoben: von der evangelischen Schulgemeinde 60 Prozent, der katholischen 135 Prozent und von der jüdischen Schulsozietät nur 18 Prozent der Staatseinkommensteuer. Die evangelische und katholische Schulgemeinde mußte die Beiträge gegen das Vorjahr um je 10 Prozent erhöhen, während die jüdische Schulsozietät in der angenehmen Lage war, eine Er-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.