Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 77 (1913)
- Issue
- Heft 24 (13.6.1913)
- Date
- 1913-06-13
- Page
- Seite 287 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3224737-3229069-3229094--69526-3281832- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
beinige schlecht genährte Gestalten, mit rundem Rücken. Aber Glanz in den Augen. Und die Zuschauer kommen im Festgewand. Sie haben nichts von dem Anstand des Publikums der Reinhardtbühnen. Doch sie bringen ehrliche Begeisterung mit. Undals nach anderthalbstündiger Verspätung das Spiel anhebt, sind alle ganz im Bann der Dichtung. Das Stück mag wohl die typische Gattung des Ghettodramas darstellen, wie es auf dem amerikanischen Jargontheater gespielt wird. Es ist ein schlechtes Stück. Der Natur der Dinge nach kann sich ja die dramatische Jargonliteratur nur schwer entwickeln. Das Drama verlangt Mannigfaltigkeit der Interessen. Die fehlt hier. Auch kann die Unfreiheit des Ghettos nicht eigentlich ein Lustspiel Hervorbringen. Alles, was sich auf diesem Gebiet bewegt, entnimmt seinen Stoff der Megilloh, der Mordechai- und Esthergeschichte. Allein, danach fragt das Publikum nichts. Szenen, die seine Sitten schildern, seinen Gott preisen, finden frommen Widerhall. Und davor muß jede Kritik verstummen. Das gilt auch für die Schauspieler. Aus unserer Alltagsbühne würden wir sie vielleicht auszischen. Sv ergreift uns ihr Spiel in der Seele. Und andächtig lauschen wir, wie dem Eelloklang vertrauter Ghettomelodien. Litersrilche Mitteilungm. — The Book of Delight and othei* paper© by Israel Abrahams, M. A. Philadelphia. The jewish publicationi society .of America. J 012. -Ml;: Eine Sammlung von gelehrten Studien und populären Aufsätzen, die reiche Anregung geben. Einige dieser Arbeiten, z. B. die, die dem ganzen Werke den Titel gegeben hat, sind jüdisch-mittelalterlichen Werken des 11. und 12. Jahrhunderts gewidmet, aber so geschrieben, daß sie auch dem Nichtsachmann Belehrung und Vergnügen bereiten. Andere sind allgemeiner Natur, z. B. „Hebräische Liebesgesänge". Der Autor zeigt in allen diesen Studien sich als ein höchst unterrichteter Mann, der seine Gelehrsamkeit anmutig vorzutragen weiß. Die Miszellen, die einen beträchtlichen Raum einnehmen, sind bezeichnet als „a liandfull of curiosities“, die von sehr großem Interesse sind. Die eine zeigt, wie George Elliot in ihrem Roman Daniel Dervnda die Lebensgeschichte des Salomon Maimon benutzte und schätzte, eine andere gibt Kunde von jüdischen Briesbesorgern aus verschiedenen Zeiten und Ländern, eine dritte unterrichtet über die Hebraisten in Cambridge, eine vierte gewährt eine Uebersicht über Tätigkeit und Ziele der englischen jüdischen Gesellschaft. Das Buch in seinem höchst verschiedenartigen Inhalt ist sehr zu empfehlen. Es enthält Studien aus den mannigfachsten Gebieten und bezeugt, daß der Autor in allem, was er behandelt, wohl bewandert ist. L. G. * — Vom alten Stamm. Eine Sammlung jüdischer Bücher. Im Lande der Väter. Bilder und Dichtungen aus Palästina von Schalom Asch. Jüdischer Verlag, Berlin W 15. Das Buch enthält Skizzen, in denen Schalom Asch sich in die alte Zeit versenkt, zum Teil aus der Gegenwart Lichtbilder zeichnet; denn der Unterschied dieses Büchleins gegen die früheren Arbeiten des vielgenannten Verfassers besteht darin, daß von dem düsteren Grundton hier nichts zu vernehmen ist, daß vielmehr alles in Licht und Freude getaucht ist. Aber die Skizzen sind gar zu kurz, die rechte Ausführung fehlt. Immerhin wird man an diesen farbenfrisch'en Darstellungen reineres Vergnügen haben als an manchen früheren Arbeiten des Verfassers. L. G. * — A u s dem Ghetto. Erzählungen aus dem vorigen Jahrhundert von Moritz Steinhardt. 2. vermehrte Auslage. Leipzig, Gustav Engel. 1913. Wann die erste Auflage dieses Buches erschienen ist, vermag ich nicht zu sagen. Die Tatsache einer zweiten Auflage, die bei Büchern jüdischen Inhalts nicht eben gewöhnlich ist, spricht für seine Beliebtheit. Das Werk enthält nicht eigentlich Erzählungen, sondern Skizzen, die den Leser in eine kleine Stadt mit einer vorwiegend jüdischen Bevölkerung führen, in der alte Sitten und Gebräuche noch heimisch sind. Sie bezeugen scharfe Beobachtung und gute. Erinnerung an Selbsterlebrcs. Sie^berichten manchmal Trauriges, aber enthalten auch vrele anmutige humoristische Züge. Für meinen Geschmack ist das Sentimentale in einzelnen Geschichten etwas zu stark vertreten, im allgemeinen ist der Verfasser in seiner Weltanschauung Optimist, und er verkündet daher gern die Lehre, die durch die Vorgänge des gewöhnlichen Lebens sich nicht immer bewährt, daß es den Guten am Ende doch gut geht, und daß Familiensinn und treues Festhalten am Glauben schon auf Erden ihre Früchte zeitigen. Das ist ja gewiß eine recht empfehlenswerte Tendenz, insbesondere für ein Volksbuch, nur schade, daß das wirkliche Leben diesen Theorien so wenig entspricht. Ohne die übrigen Skizzen irgendwie herabsetzen zu wollen, bemerke ich, daß mir Jekew der Mokemgeher (also Jakob, der als Trödler von Ort zu Ort zieht) besonders gefallen hat. Aber auch alle die anderen Geschichten bieten eine anziehende und erfreuliche Lektüre. Die Ausstattung ist ganz angemessen, nur sind für mein Auge einzelne Typen, namentlich das T, recht häßlich. L. G. * — Deutsche Meisterprosa. Ein Lesebuch von Eduard Engel. Mit einem Bildnis Lessings und acht handschriftlichen Lesestücken. Braunschweig und Berlin. Verlag von George Westermann, 1913. Gebunden 5 Mark. Ein Buch, das bestimmt ist, ein deutscher Hausschatz zu werden, ein Buch, aus dem die Alten und die Jungen Freude, Erhebung, Lebensbereicherung schöpfen werden, liegt vor uns. Cs war ein außerordentlich glücklicher Gedanke des trefflichen Literarhistorikers, der deutschen Nation eine Sammlung von Meisterwerken der Prosa ihrer Geistesheroen von gleich vollendetem Stil und Inhalt zu bieten, die alle Lebens- und Wissensgebiete umfaßt. Wir wünschen, daß dieser Sammlung die wohlverdiente Stelle in den deutschen Familien bereitet werde und nicht zuletzt in denen jüdischen Glaubens, da Heine und Börne, Felix Mendelssohn-Bartholdy, Berthold Auerbach, Steinthal und Ferdinand Cohn darin vertreten sind. Als Festgabe für unsere Jünglinge und Jungfrauen wird sie insbesondere erzieherisch fördernden Einfluß auf deren Geschmacksrichtung in der Wahl der Lektüre nusüben. Breslau. R e g i n a N e i ß e r. SxrechsaÄ. An die Redaktion der Allgemeinen Zeitung des Judentums. In Beantwortung'der Anfrage in Nr. 22 Ihrer geschätzten Zeitschrift teile ich Ihnen folgendes mit. Da unser jüdischer Nationalfonds einer Not des jüdischen Volkes durch Schaffung eines lebenskräftigen Bauernstandes in Palästina abzuhelfen berufen ist, nehme ich an, daß die von Ihrem Mitarbeiter G. S. gestellten Fragen nur von dem wohlwollenden Interesse für unsere Einrichtung diktiert sind. Obwohl ich es nach Möglichkeit vermeide, den jüdischen Nationalfonds betreffende Fragen öffentlich zu erörtern, ergreife ich dennoch gern die Veranlassung, einige irrige Voraussetzungen zu berichtigen, die aus der Fragestellung hervor? gehen. Zunächst möchte ich bemerken, daß, als im Jahre 1897 von zionistischer Seite der Plan der Schaffung einer jüdischen Kolonialbank aus-- tauchte, der A. Schaafshausewsche Bankverein die einzige Großbank war, welche sich bereit erklärte, die Arbeit des Gründungskomitees zu unterstützen und Subskriptionen für dieselbe entgegenzunehmen. Alle anderen, insbesondere die jüdischen Großbanken, hatten rundweg jede Mitarbeit abgelehnt. Seit dieser Zeit bestanden von zionistischer Seite Beziehungen zum A. Schaasfhausewschen Bankverein. Nachdem der Nationalsonds seine Verwaltung nach Köln verlegt hatte, erschien es notwendig, behufs Inkassos der aus den verschiedensten Ländern auch bei dem Bureau in Köln direkt einlausenden Schecks eine dortige Großbank in Anspruch zu nehmen. Lediglich für diesen Zweck und nicht etwa als Depotstelle wurde der A. Schaaffhausen'sche Bankverein demnach von uns in Anspruch genommen. Als Depotstelle des jüdischen Nationalfonds dienen einzig und allein der Jewish Colonial Trust und die Anglo Palästine Co. in London.