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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1913-06-13 · Heft 24 (13.6.1913) · p. Seite 286

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
77 (1913)
Issue
Heft 24 (13.6.1913)
Date
1913-06-13
Page
Seite 286 (sequence 10)
Language
German
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286 WLilche Schaulpirllrunlt in löerlln. Eine Theaterwanderung. Von Eugen Tannenbaum, Berlin. hakespeare war keineswegs der erste, der den Juden auf der Bühne literarisches Bürgerrecht verliehen hat. Man kann vielmehr mit Franz Dingelstedt, etwas paradox, behaupten: solange es ein Theater gibt, hat es Juden auf dem Theater gegeben. Wohlgemerkt: als literarischdramatische Schöpfungen. Nicht als Gestalter jüdischer, dann überhaupt: dichterischer Charaktere. Die jüdische Schauspielkunst ist erst eine Erscheinung des frühen 19. Jahrhunderts, hervorgerufen durch jene befreiende Verordnung des 11. März 1812, die nun den Juden auch den Zugang zur Bühne öffnete. Noch Richard Wagner hält schauspielerische Leistungen von Juden für eine Unmöglichkeit, muß sich aber in einer Anmerkung zu seinem „Judentum in der Musik", widerwillig genug, den „neueren Erfahrungen" fügen und notiert mit grimmiger Gehässigkeit Des Rassenantisemiten: „Den Juden ist es seitdem nicht nur gelungen, auch die Schaubühne einzunehmen, sondern selbst dem Dichter seine dramatischen Geschöpfe zu eskamotieren." Ludwig Dessoir (1810—1874), Dessauer mit seinem früheren Namen, war wohl der erste wahrhaft bedeutende deutsche Schauspieler jüdischer Abkunft. Sein etwas älterer Stammesgenosse Moritz Rott (1797—1867), eigentlich Rosenberg, hat es zu einer gleichen künstlerischen Bedeutung nie gebracht. Beide waren um die Jahrhundertmitte zusammen am Berliner Königlichen Schauspielhaus engagiert, und wenn Rott in der Rolle König Philipps II. an Dessoir als Marquis Posa. die Frage zu richten hatte: „Ihr seid ein Protestant", und die Antwort bekam: „Ihr Glaube, Sire, ist auch der meinige," dann fehlte es hinter den Kulissen nicht an höhnischem Gezischel neidischer Kollegen. Wieviel das deutsche Theater späterhin den Leistungen aus dem jüdischen Volkstum hervorgegangener Künstler zu danken hat, begreift sich aus einer wahllosen Auszählung von Namen wie: Bogumil Dawison, Adolf Sonnenthal, Ernst Possart^ Josef Lewinsky, Emanuel Reicher, Irene Triesch, Lia Rosen. Jedoch nicht von dieser Schauspielkunst soll hier gesprochen werden, die ihre ursprünglichen Eigentümlichkeiten, wenn auch nicht gerade verfälscht, so doch in anderen aufgehen lassen muß. Wie das Theater an sich schon die Persönlichkeit unterhöhlt. Sondern von einer Gattung, die sich in verschiedenen Abstufungen verhältnismäßig wesensrein erhalten hat. Berlin hat gegenwärtig nicht weniger als drei Institute, an denen eine solche typisch-jüdisch-österreichisch-galizische Schauspielkunst gepflegt wird. Herrnfeldtheater. Seit einundzwanzig Jahren spielen hier die beiden Dichterdirektoren, die Brüder Anton und Donat die Hauptrollen in ihren mehr oder weniger selbstverfaßten Stücken. Und Purimstimmung erfüllt das kleine Theaterchen in der Kommandantenstraße, ganz unabhängig von Kalender und Jahreszeit. Das übrige Ensemble taugt nichts. Nur die beiden stehen uns nahe, nicht schauspielerisch nur, nein: menschlich. Und der Jude Donat noch mehr als der Bö hme Anton. Ueberhaupt: je weiter sich Figuren und Handlung aus der knoblauchdustenden Atmosphäre entfernen, desto geringer ist die Wirkung auf die Zuschauer. Heimatkünstler. Das waren sie wohl noch am ehesten in der von Hermann Bahr „klassisch" genannten „Klabriaspartie". Seitdem haben sich ihre Stücke immer mehr von jener Klassizität entfernt. Was zu bedauern ist. Denn in dem Schalethdust, hineingestellt in die jüdische „Medine", machen sie sich am besten. Heute spielen sie nurmehr verjüdeltes Franzosentum. Der neuste Schlager, den ich zu sehen bekam, „Schonzeit- Jäger", ist kaum noch das Skelett einer Posse. Aber an dem Blödsinn der ewigen Ehebruchs-, Hotel- und Verwechslungsszenen entfaltet sich ihre schauspielerische Begabung. Auch die Szenerie des Gerichtszimmers ist beliebt. Kein dramatischer Wille spricht aus diesen Stücken; nur der Brüder komödiantenhafter Schauspielertrieb. Unwirklichkeiten bekommen die Gestalt von Menschen. Typen. Uns, den Zuschauern, wesensverwandt. So Donat: ganz Nervenmensch, reizbar, explosiv. Ein Ruck an der Weste, ein Seitenblick unter gesenkten Lidern. Und dann wirst er dem Gegner Wortklötze an den Kopf: „Sie Stück Malheur", sagt er. Oder: „Was machste sor e Thäater". Oder wenn er glaubt, einen Mord auf dem Gewissen zu haben und nun, an Armen und Beinen zitternd, an dem Gewehr einen Halt sucht und schließlich aust einem Stuhl zusammenknickt: „Mich trefft derr Schlack". Oder er tobt: „Hab' ich doch gleich gesagt: zewos brauchste e Flint' mitnehmen, wenn de uff die Jagd gehst". Auch hat er die wohlbekannte Art, mitten in einem ernsthaften Gespräch plötzlich zu etwas Gleichgültigem abzuschwenken: „Guck emal des Ponim". So hundert Einzelzüge. Einseitiger sind Bruder Antons Mittel. Hinter einer blöden Maske blinzeln verschmitzte runde Aeuglein, und in seinen unmöglichen Wortverdrehungen gemahnt er an den größten Komiker Max Pallenberg. Er bleibt sich stets gleich, mag er Wladizek heißen oder Nowranek. Als in Wien Otto Ludwigs „Makkabäer" zum erstenmal über die Bretter gingen, da prägte man das Witzwort von der „Synagoge auf dem Burgtheater". Daran mußte ich den ganzen Abend über denken, den ich im Theater „Folies Caprioe" verbrachte. Die ganze „Mischpoche" ist hier zusammen. Innigster Kontakt zwischen Bühne und Publikum. Stammpublikum natürlich. Man ißt mit größtem Behagen die mitgebrachten Schinkenbrötchen. Aber wenn der Vorhang aufgeht, freut man sich innig der Kenntnisse im „Loschen kaudesch". Da prangen in den Geschäftsräumen der „Doppelfirma" zwei riesenhafte Plakate, die die Lokalität qualifizieren: „Alle Hühner legen Eier. Jede Schickse brauch e Freier." und . „Was e Garten ohne Rosen, Js e Kalle ohne Chosen." Und das Publikum krümmt sich vor Lachen bei den Lebensweisheiten des (muß man das sagen?) jüdischen Heiratsvermittlers (Max Horowitz). Es fühlt sich wohl. Wie zu Hause. Dieselben sprachlichen Gewohnheiten, die Ausdrucksnüancen, Gesten. Am besten ist Siegfried Behrisch als Onkel Markus Pollacek aus Klein-Meseritz in „Die Tochter der Braut". Er ist so etwas wie ein Charakterkomiker. Auch wenn er den sanftmütig-verliebten Vegetarier Christian Nachtigall zu verkörpern hat. Das Publikum, das gelegentlich den weiten Weg aus dem Westen nicht scheut, kommt auf seine Rechnung. Es läßt sich die jüdische Kost gar wohl munden. Kein jüdisches, sondern ein jiddisches Theater ist das dritte, von dem ich noch sprechen will. Das Publikum besteht auch nicht aus'Leuten, die bei den Premieren im Lessingtheater sitzen. Es sind Ghettogestalten, die sich im Norden Berlins zu einer Kolonie zusammerlgeschlossen haben. Jakob Gordin, dessen Drama „Die Schchite" das Programm verheißt, und Goldfaden gelten diesen Menschen mehr als uns Hauptmann, Schnitzler und Wedekind. Ein großer gähnender, schlecht geheizter Saal. Auf der Bühne wird noch gehämmert. Die Schauspieler rennen hin und her, sitzen an der Kasse, weisen die Plätze an. Knicke-

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