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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1913-06-13 · Heft 24 (13.6.1913) · p. Seite 285

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
77 (1913)
Issue
Heft 24 (13.6.1913)
Date
1913-06-13
Page
Seite 285 (sequence 9)
Language
German
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und ihre Parole war: „Proletarier von Litauen, Polen und Rußland, vereinigt euch zum jüdischen Arbeiterbund." Indessen wollte sie von einem Nationalismus nichts wissen. Ihr Ziel war, wie das der revolutionären Bewegung überhaupt, die politische Freiheit, und als Partei des jüdischen Proletariats, wie sie sich nannte, bezweckte sie die Wahrung der jüdischen Sonderinteressen im befreiten Rußland. Eine zweite Partei, hauptsächlich, in Russisch-Polen verbreitet, war unter dem Namen PPS. (polnische sozialistische Partei) bekannt. Sie bildete keine besondere Partei, vielmehr war sie ein Bestandteilwer polnischen Partei PPS. und führte auch denselben Namen. Dfese wollte dem jüdischen Proletariat, wie dem Judentum überhaupt, keine Sonderinteressen zuerkennen, sondern betrachtete es, weil auf polnischem Boden wohnhaft, als ein Teil der gesamten polnischen Nation und stellte als ihr nächstes Ziel nebst politischer Freiheit die Unabhängigkeit Polens auf, die ihrer Ansicht nach allem Uebel ein Ende bereiten werde. Eine. spezifisch jüdische Frage bestand für sie nicht, und sie bestritt die Notwendigkeit einer besonderen jüdischen Organisation. Freilich gab auch sie Flugschriften und Broschüren in jüdischer Sprache heraus; allein, dies geschah nicht aus nationalen Rücksichten, sondern aus praktischen Gesichtspunkten — um mit größerem Erfolg die Propaganda unter den jüdischen, der polnischen Sprache unkundigen Arbeitern betreiben zu können. Und schließlich eine zionistische Partei, die den politischen Kampf anerkannte, d. h. für welche die Erlangung politischer Freiheit in Rußland nicht Zweck, sondern Mittel war, woourch sie die für die zionistische Agitation notwendige Freiheit zu erzielen hoffte, um dann das Judentum für ihre Idee gewinnen zu können. Sie zerfiel in zwei Parteien: SS. („Sionisten-Sozialisten"), das sind.Territorialisten, die sich der allgemeinen politischen Bewegung anschlossen; und „Poalei- Zion", die ebenso die politische Freiheit zu ihrem Programmminimum machten. Es ist nicht meine Absicht, an dieser Stelle die in kurzen Zügen geschilderten Gedankengänge der verschiedenen Parteien einer Kritik zu unterziehen, es war mir nur um die Darstellung des Wesens und der Grundzüge der einzelnen Partei- Programme zu tun. Außer diesen drei Hauptparteien gab es nicht wenig Zwischenparteien, die ihrem Programm nach - sich der einen oder der anderen Partei näherten; da sie voü geringer Bedeutung waren, konnte ich sie unberücksichtigts/lassen. Der allen diesen Parteien eigentümliche politische Zug bemächtigte sich der ganzen jüdischen Jugend Rußlands. Die revolutionär-politische Strömung, welche die gesamte russische Bevölkerung beherrschte, nahm die jüdische Jugend. ganz und gar gefangen, und die durch die großen Erfolge , der Revolution hervorgerufenen Hoffnungen auf baldige Erfüllung ihrer Ziele berauschten sie vollends. Und nun geschah etwas, was in solchen Fällen gewöhnlich zu geschehen pflegt — nach dem gewaltigen Aufschwung folgte der riesige Krach, der.ungeheure Zusammenbruch. Das Ma- ■ nifest vom 17. Oktober, die darauffolgenden zahlreichen Pogrome, die Unterdrückung des Moskauer Aufstandes und schließlich die Entlarvung Asews stürzten die jüdischen Kämpfer vom Reich der Träume in die reale Welt der konkreten Tatsachen. Die Reaktion gewann, die. Oberhand, und im oppositionellen Lager traten eine Depression und Stagnation ein. Dieser Umschwung machte sich deutlich in der jüdischen ebenso wie in der russischen Literatur bemerkbar: es wird viel geklagt auf seelische Leere, Enttäuschung, Verzweiflungkurz, alle Begleiterscheinungen einer pessimistischen Stimmung stellten sich ein, und Selbstmorde standen aus der Tagesordnung. In dieser.Periode der Depression machte sich in den Reihen der jüdischen Jugend eine neue Tendenz geltend. Es. mußte doch schließlich eine neue Stütze, ein neuer Halt gefunden werden, an den Man sich klammern könnte, und das war der Zudrang in die Schulen, das Streben nach Schulbildung. Nur war es nicht mehr die obengenannte zweite.Klasse, die von dieser Tendenz ergriffen wurde, sondern die dritte Klasse: Söhne von Handwerkern und Kleinbürgern. Durch die Berührung mit den der Klasse der „Intelligenz" angehörenden Parteigenossen lernten sie die Bildung achten und schätzen, und nun beginnt bei ihnen das Bestreben, in die Klasse der Intelligenz 'hinaufzurücken. Wie die Zeit, in der diese Bestrebungen entstanden sind, enthielten auch die letzteren viesi Unnormales und Ungesundes. Freilich fehlte es auch unter den neuen Enthusiasten nicht an solchen, die von wahrem Wissensdrang durchtränkt waren, aber die meisten wurden ausschließlich vom Ehrgeiz, getrieben und entbehrten jedes Verständnisses für die Wissenschaft, deren Studium sie sich zur Aufgabe machten. Gar mancher Handwerkersohn, der sich, seiner Anlage nach, eher zum Schneider als zum Arzt eignete, wurde von der stürmischen Flut der Mode mitgerissen und fetzte sich ans Buch, um sich später, nach bestandener Prüfung, mit der Gymnasiastenmütze und 'Uniform brüsten zu können. Die unmittelbare Folge dieser ungesunden Erscheinung, war eine bisher nie dagewesene Uebersüllung der Gymnasien mit jüdischen Schülern, wozu freilich auch nicht zum mindesten der Umstand beigetragen hat, daß ihnen von seiten der Regierung keine Beschränkungen gemacht wurden. Dies Verhalten der russischen Regierung den jüdischen Schülern gegenüber geschah indes nicht etwa aus humanen Gründen.. Der von den polnischen Schülern verhängte Boykott über die Russischen Gymnasien bedrohte die Existenz der letzteren in Polen, da sie wegen Mangels an Schülern geschlossen werden mußten. Die jüdischen Schüler kamen gerade zur rechten Zeit, und es lag im Interesse der Regierung, für eine kurze Zeit die dis dahin bestandenen Beschränkungen für Juden aufzuheben. Als aber Herr Schwarz ans Ruder des Unterrichtsministeriums kam, schlug er eine neue Richtung in der Politik ein. Die alten Beschränkungen traten wieder in Kraft und wurden durch neue erweitert. Diese Politik wird auch von seinem Nachfolgers dem gegenwärtigen Minister Kasso, fortgesetzt, der in der Erfindung von Beschränkungen und Verboten und in der Interpretation von Gesetzesbestimmungen die höchste Vollkommenheit erreichte. / Die Wirkung dieser Maßnahmen ist leicht zu erraten: der Zudrang der jüdischen Schüler in die. Gymnasien nahm allmählich ab und die stürmischen Gemüter ernüchterten sich. Und nun war es eine andere Welt, von der sie sich umgeben sahen: eine Welt von chauvinistischem Nationalismus und chuliganischem Antisemitismus, die beide im kampflustigen Panslawismus einerseits und Im polnischen Boykott anderseits ihren Ausdruck fanden. Aber der Druck von außen blieb nicht ohne Wirkung:- erveranlaßte die jüdische Bevölkerung, sich näher aneinanderzuschließen. Die heutzutage immer deutlicher werdende Bestrebung zur Herstellung und Wiederauflebung des nationalen Gedankens unter den russischen Juden ist mit Freude zu begrüßen. Es ist nur zu wünschen, daß 'die von ihren Vorgängern gemachten Fehler der jüdischen Jugend zur Lehre dienen möchten, um sich nicht mehr Illusionen hinzugeben. Bei uns Juden ist der Nationalismus Gott sei Dank nie in einen Chauvinismus ausgeartet, wie dies bei anderen Völkern der Fall war und noch heute ist, und wenn die junge nationale Bewegung in die richtigen Bahnen geleitet wird, so wird sie hoffentlich auch gute Resultate zeitigen.

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