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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1913-06-13 · Heft 24 (13.6.1913) · p. Seite 284

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
77 (1913)
Issue
Heft 24 (13.6.1913)
Date
1913-06-13
Page
Seite 284 (sequence 8)
Language
German
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M? MWMWWMMMMMWWWWW^M^DNMMW^ 284 Anises über die ruMlch-jüdilche Jusend der letzten zwei Dezennien?. Von A. N. ' >,.. ^**2 n der Geschichte der russisch-jüdischen Jugend der letz- \ ten zwei Dezennnien lassen sich drei oder besser vier Perioden unterscheiden. Die erste beginnt mit der Entstehung des Zionismus im Jahre 1897 und erstreckt sich bis zum Ausbruch der revolutionären Unruhen (1904), die zweite umfaßt die Revolutionsjahre 1904/05 und einen Teil des Jahres 1906, und die dritte ist ein Produkt der nach der Unterdrückung des Moskauer Ausstandes eingetretenen Reaktion, unter deren Wirkung sich die jüdische Jugend wie die gesamte Bevölkerung Rußlands überhaupt noch heute befinden. Was die vierte Periode anbetrisst, so läßt sich darüber noch wenig sagen: es ist eine im Entstehen begriffene Bewegung, deren Entwicklung sich vor unseren Augen abspielt; ich meine die „Renaissance" des Nationalismus, der'sich gegenwärtig innerhalb der Reihen der jüdischen Jugend Rußlands allmählich Bahn bricht und immer mehr an Ausdehnung zunimmt. Es ist für hie russisch-jüdische Jugend wie für uns Juden überhaupt charakteristisch, daß jede neue Idee, jeder neue Gedanke, sei er wirtschaftlicher, sozialer oder politischer Natur, unvermeidlich einen Widerhall in unseren Reihen findet. Die russisch-jüdische Jugend bietet hierfür ein sehr markantes Beispiel. Jede politische und soziale Strömung, welche im letzten Dezennium in Rußland irgendwelche Verbreitung gefunden hat, fand einen fruchtbaren Boden in der jüdischen Jugend und wurde mit großer Begeisterung ausgenommen, um nach Ablauf einer kurzen oder längeren Zeit zum alten Eisen geworfen zu werden und einer neuen, mit ebensolcher Begeisterung aufgenommenen Bewegung das Feld zu räumen. Im Jahre 1897 hielt der Zionismus in Rußland seinen siegreichen Einzug und legte den Grundstein zu der sogenannten Aufklärungsperiode, ähnlich derjenigen, die in der Geschichte der deutschen Juden in der mit Mendelssohn beginnenden Epoche zutage trat. Ihre Wirkung ging in zweierlei Richtung vor sich: einerseits wurden die „Bochurim" (Talmudjünger), die früher dem Talmudstudium oblagen, dem letzteren entzogen und der europäischen -Kultur zugesührt, anderseits wurden diejenigen Kreise der jüdischen Jugend, welche der sogenannten Intelligenz angehörten, wie Studenten, Schüler mittlerer Schulen u. dgl. m.; durch den kulturellen Geist des Zionismus in die nationalen Reihen hineingezogen. Um die durch den Zionismus hervorgerufene Wandlung in der russisch-jüdischen Jugend klarzulegen, , möchte ich auf die letzten vorzionistischen Jahve des näheren eingehen. Die jüdische Jugend Rußlands im vorzionistischen Zeitalter läßt sich in drei Gruppen oder Klassen einteilen: 1. die sogenannte Intelligenz; sie stammte hauptsächlich aus den reicheren und wohlhabenden Klassen und bildete eine besondere Kaste. 2. Die Bochurim: sie rekrutierten sich aus den bürgerlichen und streng orthodoxen Kreisen und hatten keinen wirtschaftlichen Beruf inne, sondern bezogen nach Abschluß ihrer elementaren Bildung im. Cheder, die in der Hauptsache im Bibel- und Talmudunterricht bestand und durchschnittlich mit dem.13. Jahre endigte, eine sogenannte Jeschibo oder blieben in ihrer Heimatstadt und betrieben gemeinsam mit anderen Bochurim das Talmudstudium im Beth-Hamidrasch. Und schließlich drittens die Handwerker und Ladenangestellte, welche den ärmeren Schichten und Kleinbürgern ent- *). Die folgenden Darstellungen beziehen sich hauptsächlich auf Russisch-Polen. stammten unv durch ihr kärgliches Einkommen wenig Aussicht hatten,' sich in eine höhere Klüsse emporzuarbeiten. -Den größten Einfluß übte der Zionismus auf die' erste, und insbesondere auf die zweite Klasse aus. Erleichtert wurde er. durch die vielen weltlichen Bücher in -der hebräischen Sprache, die damals erschienen sind und bei den Bochurim eine große Verbreitung fanden. Es vollzog sich nunmehr eine große Umwandlung in dieser Klasse der jüdischen Jugend, wodurch sie sich allmählich aufzulösen begann und sich gegenwärtig aus dem. Aussterbeetat befindet. Diese Umwandlung ‘ ging nicht ohrw Kämpfe zwischen Vätern und Söhnen, der alten streng orthodoxen Generation und den jungen sogenannten „Maskilim" ab^. - , Die mitder Entstehung und Ausbreitung des Zionismus beginnende ÄuHklärungsPeriode rief eine durchgreifende Umwälzung in diefeft Kreisen hervor. Durch die nahe Berührung mit der nunmehr "zionistisch gewordenen Intelligenz wurden die früheren Talmudjünger auf die europäische Kultur aufmerksam, und mit voller Begeisterung wandten sie sich dem Studium dev Sprachen,,und sonstiger Wissenschaften zu. Die meisten betrieben ihre «Studien allein, d. h. ohne Hilfe von Lehrern, und viele von diesen Autodidakten brachten es durchs ihren Eifer und ihre Fähigkeit zu einer in den „intelligenten"". Kreisen'selten zu findenden Gewandtheit auf allen Gebieten der Wissenschaft. Die zionistische Bewegung und die geschilderte Entwicklung innerhalb der jüdischen Jugend nahmen zu Beginn des 20. Jahrhunderts einen kolossalen Aufschwung und erreichten ihren Höhepunkt im Jahre 1903. In diesem Jahre setzte eine neue Strömung in Rußland em, deren Wurzel, zwar bis in. die erste Hälfte des 19. Jahrhunderts zurückgreift, aber erst seit Beginn des 20. Jahrhunderts zur ungeheueren Entfall tung gelangte. Ich meine die. Politische und revolutionäre Bewegung, welche durch ihre großartigen Erfolge in . den Jahren 1904 und 1905 das riesige Gebäude des russischen Reiches in seinen Fugen zu lösen, drohte und eifrige Anhänger in den Reihen der jüdischen Jugend fand. Daß das russische Judentum oppositionell gestimmt sei, ist begreiflich oder vielmehr natürlich, wenn man seine Lage in Betracht zieht. Es ist deshalb leicht zu erklären, warum diese neue Bewegung in der jüdischen Jugend einen fruchtbaren Boden fand. Die jüdischen Arbeiter wurden vom Zionismus nur in sehr geringem Maße beeinflußt, und die zionistische Partei zählte verhältnismäßig wenig Mitglieder aus dieser Klasse. Die neue Bewegung dagegen wandte ftch hauptsächlich an diese Klasse, dehnte sich mit ungeheurer Schnelligkeit aus und gewann auch zahlreiche Anhänger bei der jüdischen Intelligenz. In den drei Revolutionsjähren 1904, 1905 und 1906 verliert der Zionismus säst ganz an Bedeutung, wird in den Hintergrund geschoben, und die ganze jüdische Jugend wird von der politisch-revolutionären Strömung ergriffen. In dieser Zeit sind es drei Parteien, die innerhalb der russisch-jüdischen Jugend eine größere Bedeutung gewannen. An erster Stelle ist der 1897 gegründete „Bund" zu nennen. Es war die erste jüdische sozialdemokratische Arbeiterpartei in Rußland, und ihr Programm deckt sich im wesentlichen, mit demjenigen der russischen Sozialdemokratie. Nur erkannte sie die Verschiedenheit in der wirtschaftlichen und sozialen. Lage des jüdischen Arbeiters und seines christlichen Genossen und die Notwendigkeit für die jüdische Arbeiterschaft, sich in: eine besondere Partei züsammenzuschließen. Sie betrieb die Propaganda in der russischen und jüdischen Sprache, gab viele Flugschriften und Broschüren in diesen Sprachen heraus.

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