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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1913-06-13 · Heft 24 (13.6.1913) · p. Seite 283

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
77 (1913)
Issue
Heft 24 (13.6.1913)
Date
1913-06-13
Page
Seite 283 (sequence 7)
Language
German
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Gutes in der ganzen Gegend anerkannt wird. Das Lehrziel, oder, besser gesagt, das Ausbildungsziel, wird nirgends von Wohltätigkeitsbestrebungen durchkreuzt. Fast alle Steinhorster Lehrlinge sind aus Kreisen des jüdischen Mittelstandes hervorgegangen und zahlen sür ihre Ausbildung. Freistellen sind nur in ganz beschränkter Zahl vorhanden. Allerdings wird der Lchrbetrieb, um die Unterrichts- und Erziehungskosten zu decken, durch einen größeren Zuschuß der Simonschen Stiftung und einen kleineren des Bodenkulturvereins unterstützt. Da nämlich, um eine individuelle Ausbildung der Lehrlinge zu gewährleisten, nur eine beschränkte Zahl von Lehrlingen in dreijähriger Lehrzeit ausgebildet wird, gestaltet sich die Ausbildung des einzelnen verhältnismäßig teuer. Haben derartige Zuschüsse aber etwas mit „Wohltätigkeit" zu tun? Wie zahllos sind die Stiftungen, die in Deutschland zur Unterstützung landwirtschaftlicher Fachschulen, wissenschaftlicher Institute und Universitäten gegründet wurden! Die aus den einzelnen Studenten in Deutschland entfallenden öffentlichen Zuschüsse sind z. B. viel bedeutender als die auf den einzelnen Steinhorster Lehrling entfallenden. Folgerichtig müßte also Herr Loewenthal auch behaupten, daß die deutschen landwirtschaftlichen Fachschüler und Studenten von „Wohltätigkeit" lebten, daß unseren angesehensten Bildnngsanstalten das „Odium der Wohltätigkeit" anhafte. Inwieweit die Ausbildung oder das Fortkommen des Lehrgutes Steinlhorst dadurch gelitten haben soll, daß es „von der Gnade bemittelter Kreise" angeblich abhängt, ist ebenso unverständlich. Der Aufsichtsrat von Steinhorst, dem nebenbei bemerkt, vier' Praktische Landwirte angehören, sowie die Beamten der Unternehmung sind von solcher Gnade wirklich unabhängig und treffen ihre Entscheidungen ganz allein nach fachlichen Gesichtspunkten. Daß die landwirtschaftliche Fachausbildung in Steinhorst in geeigneter Weise geschieht, wurde am 17. März durch eine Prüfung bewiesen, die Von der angesehenen Deutschen Landwirtschafts-Gesellschaft veranstaltet wurde. Die abgehenden Lehrlinge, die sich dieser Prüfung unterzogen, wiesen durchaus befriedigende Leistungen auf, wie dies auch von der Deutschen Landwirtschafts-Gesellschaft in ihrem offiziellen Blatt bestätigt wurde. Auch sind für die abgehenden Steinhorster viel mehr Stellungen offen, als wir zu besetzen in der Lage sind. Es kommt eben darauf an, daß vollständig konkurrenzfähige jüdische Landwirte herangebildet werden, und dies geschieht in Steinhorst. Im letzten Jahr haben sieben Steinhorster Lehrlinge des ersten Jahrgangs Stellungen angetreten, hiervon drei in der Provinz Hannover. Und der erste Gutsbesitzer, der einen Steinhorster anstellte, hat uns soeben geschrieben, er habe damit so gute Erfahrungen gemacht, daß er um Empfehlung eines weiteren Steinhorsters bitte. Herr Loewenthal scheint in der Einbildung zu leben, die abgehenden Steinhorster müßten als bessere Tagelöhner in die Welt gehen, weil er von mangelnder Winterbeschäftigung spricht. In Wirklichkeit haben die abgegangenen Steinhorster Stellungen gefunden, wo sie wohl noch praktisch Mitarbeiten — was sür ihre Zukunft sehr wesentlich ist! — anderseits aber auch mit Aufsichtsführung und einfacheren Dispositionen betraut werden. Sie sind durchweg in Stellungen tätig, wie sie auch sonst von den Söhnen besserer Landwirte eingenommen werden, genießen meist Familienanschluß und berichten uns, auch soweit sie bei christlichen Gutsbesitzern beschäftigt sind, daß sie unter Antisemitismus nicht zu leiden haben, auch bei den Arbeitern auf antisemitische Schwierigkeiten nicht treffen. Das Einkommen dieser durchschnittlich 18 jährigen jungen Leute ist derart bemessen, daß sie allgemein sogar noch kleine Ersparnisse machen können, jedenfalls eher 283 - als junge Kaufkeute in ihrer ersten bezahlten Stellung. „Almosen" würden die abgegangenen Steinhorster dankend zurückweisen, weil sie sie nicht nötig haben. Für die spätere S e l b st ä n d i g m a ch u n g der ehemaligen Steinhorster, wenn sie das nötige Alter erreicht haben, gedenkt allerdings die Stiftung einzutreten. Aber auch das ist kein Akt der Wohltätigkeit. Ebensowenig wie beispielsweise die Kolonisationspolitik der preußischen Regierung oder des kanadischen Staates irgendwie mit Wohltätigkeit etwas zu tun hat. Diejenigen, die das Erbe Simons in materieller und ideller Hinsicht verwalten, tun dies getreu dem Simonschen Grundsatz, daß unsere Ziele nicht mit Wohltätigkeit, sondern nur durch Erziehung zur Arbeitstüchtigkeit und Konkurrenzfähigkeit gefördert werden können. So freundlich dankend wir daher die Ratschläge des Herrn Loewenthal auch annehmen, so wenig haben wir sie nötig. Wünschenswert wäre aber, daß diejenigen, die Unternehmungen, wie das Lehrgut Steinhorst, öffentlich kritisieren, sich zum mindesten vorher auch nur ein wenig da informierten, wo ihnen objektive Informationen jederzeit zur Verfügung stehen. Dr. Eugen Katz Syndikus der Simonschen Stiftung zu Hannover. Ser „Urselit" und Herr Dr. Wohlgemuth in Mitten. V o n e i n e m P a r t e i l o s e n. n den letzten Nummern seiner Zeitschrift „Liberales Ju- \ dentum" hat Dr. C. Seligmann in ausführlicher Weise den Nachweis geliefert, daß die Orthodoxie, auch die dex . allerstrengsten Observanz, in ihrer praktisch-religiösen Betätigung ebenfalls zahlreiche biblische und talmudische Vorschriften außer Geltung gesetzt habe. Die sehr zahlreichen dort angeführten Beispiele sind dermaßen frappant, daß sie im hohen Maße geeignet sind, jeden Leser davon zu überzeugen, daß dieselbe Orthodoxie, welche über das liberale Judentum die Exkommunikation verhängt, in Wirklichkeit mit dem Religionsgesetz nicht anders verfährt als das letztere Judentum. Diese Argumentation Seligmanns hat den sonst so kampflustigen „Israelit" sowie seinen Scharfrichter, Herrn Dr. Wohlgemuth, so sehr in die Enge getrieben, daß sie noch nicht einen dieser Beweise zu widerlegen wagen, trotzdem diese Beweisführung Seligmanns das ganze Programm der Orthodoxie als das widerspruchsvollste und inkonsequenteste h in stellt. Anstatt die vielen Beweise Seligmanns zu entkräften zu suchen, zieht Dr. Wohlgemuth sich in den Hintergrund zurück und läßt in der letzten Nummer des „Israelit" die Polemik Seligmanns durch Herrn Dr. I. Carlebach, ohne auf ihren eigentlichen Inhalt einzugehen, mit einigen Mätzchen und Witzchen im überlegenen Tone verspötteln. Es bestätigt sich hier aufs klarste, was im Leitartikel der Nr. 20 der „Allg. Zeitung des Judentums" eingehend gezeigt wurde, daß die verketzernde Trennungsorthodoxie, von der man in der osteuropäischen Judenheit keine Vorstellung hat, nur durch die mangelhafte religionswissenschaftliche Bildung der deutschen Orthodoxie ihr leichtes Spiel hat. Tatsächlich sind ihre Inkonsequenz und die gewohnheitsmäßige, unbewußte Selbsttäuschung in der Theorie und Praxis eine dermaßen lächerliche, daß sie jeder diesbezüglichen Polemik geflissentlich.aus dem Wege gehen. So befinden sich auch jetzt der „Israelit" sowie Herr Dr. Wohlgemuth und Dr. Carlebach in einer Klemme.

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