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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1913-06-13 · Heft 24 (13.6.1913) · p. Seite 282

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
77 (1913)
Issue
Heft 24 (13.6.1913)
Date
1913-06-13
Page
Seite 282 (sequence 6)
Language
German
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282 er von großem Glück begünstigt. Nachdem er 1865 geheiratet — er lebte mit seiner Frau vierzig Jahre lang in glücklichster Ehe und erzeugte treffliche Kinder — und gewiß zu seinem Glücke in seiner Bewerbung um den Rabbinatsposten in Luneville keinen Erfolg gehabt hatte, wurde er nach einer glänzend aufgenommenen Predigt „Das Judentum liebt die Freude" Assistent des Großrabbiners von Paris (19. Dezember 1866) und rückte schon Ende 1868 in die Stellung eines Großrabbiners von Paris ein. Das war ein staunenswerter, wenn auch durch die Gaben d-ch jungen Mannes wohl verdienter Erfolg, der von Kollegen viel beneidet war. Denn eine solche Stellung in einem jugendlichen Alter von noch nicht 30 Jahren zu erlangen, muß als ein überaus seltener Glücksfall betrachtet werden. Bis zum Jahre 1881 blieb er in dieser Stellung, die er in rühmenswerter Weise ausfüllte. Die Grundsätze, die er in seinen Predigten darzulegen, in seiner weit verbreiteten amtlichen Wirksamkeit auszuführen suchte, waren: Verbreitung und Vertiefung der Kenntnis des Judentums, Erweiterung des Unterrichts, Verbesserung des Kultus. Gewiß hat er auch eine große nebenamtliche Tätigkeit bei Trauungen, Beerdigungen und anderen fröhlichen und traurigen Veranlassungen ausgeübt und eine starke seelsorgerische Tätigkeit entfaltet, worüber unser Buch freilich im einzelnen keinen Aufschluß gibt. Seine äußerlich noch heute erkennbare Wirksamkeit zeigt sich in Predigten und Schriften. Freilich ein übermäßig fruchtbarer Schriftsteller wurde er nicht, da er durch sein Amt allzusehr in Anspruch genommen war. Von seinen Predigten dagegen ist eine Anzahl Bände im Druck erschienen, zum Teil schon während seines Lebens, einige Bände nach seinem Tode. Auch an anderen Bemühungen ließ er es nicht fehlen. Er schloß sich mit Eifer der 1865 errichteten „Israelitischen wissenschaftlichen literarischen Gesellschaft" an, welche die Ausgabe verfolgen sollte, Uebersetzungen aus dem Talmud, aus den Schriften Philos, Mendelssohns und anderer zu veröffentlichen, von diesen Plänen freilich so gut wie nichts ausführte. Er begründete ferner in Gemeinschaft mit einigen Freunden die kurzlebige „Revue Jsraelite", in der er einige historische Aussätze abdrucken ließ. In seinen Kultusresormen war er zurückhaltend, teils weil er selbst einem sehr gemäßigten Liberalismus huldigte, teils weil ihm die Einheit der jüdischen Gemeinschaft, die durch Reformen gefährdet werden könnte, über alles ging. Er verfolgte zwar mit. Interesse die Synodalbestrebungen, wie sie damals in Deutschland vor sich gingen (Kassel 1868, Leipzig 1869), hatte sich sogar für die zum Juli 1870 in München projektierte Versammlung unterschrieben, ja schon die Reise angetreten, um dorthin zu gelangen — der Ausbruch des deutsch-französischen Krieges, der bekanntlich jene Versammlung unmöglich machte, zwang ihn zur schleunigen Heimkehr. Er gab sich Mühe, den deutschen und portugiesischen Ritus, die in verschiedenen Synagogen in Paris beobachtet wurden, zu vereinigen, versuchte für diese Gemeinden, deren Zusammenschließung beabsichtigt war, ein Gebetbuch zu schassen, zum Teil mit Zugrundelegung des damals in neuer Ausgabe veröffentlichten Geigerschen Gebetbuchs, aber diese Anstrengungen, die von den Beteiligten von vornherein ziemlich lau ausgenommen wurden, mußten 1874 definitiv ausgegeben werden. In den Zeiten des Krieges wurde Zadoc Kahn, der trotz seines elsässischen Ursprungs, oder vielleicht gerade wegen desselben, sich immer als Franzosen betrachtet hatte, ein begeisterter Franzose, der seinen Patriotismus gern und laut bekundete, ohne dadurch die Beziehungen zu Deutschland vollkommen abzubrechen oder etwa einen blutrünstigen Deutschenhaß zu bekunden. Der Politik stand er im allgemeinen fern, er beschränkte sich immer mehr auf sein Amt, als dessen Aufgaben er in einem sogenannten Hirtenbriefe des Jahres 1871 die drei Punkte bezeichnete: religiöse Erziehung, Kultus, Wohltätigkeit. In dem Unterricht wollte er der hebräischen Sprache einen breiteren Platz einräumen, als ihr bisher vergönnt war; die Predigt sollte der integrierende Teil jedes Gottesdienstes sein, die Wohltätigkeit sollte konzentriert werden. Bei der Einweihung der Synagoge in der Rue de la Victoire (9. September 1874) hielt Zadoc Kahn eine Predigt, die von einzelnen deutschen Zeitungen („Kölnische Zeitung" und „Kreuzzeitung"), mit Unrecht als deutschfresserisch denunziert wurde. Seine Predigten erlangten einen derartigen Beifall, daß schon 1875 ein erster Band dieser Reden gedruckt werden konnte, dem, wie erwähnt, bald mehrere folgten. Außer den eigentlichen Predigten hielt er Sabbatnachmittagserklärungen, die beim Publikum große Gunst erwarben. Um das Bibelstudium zu fördern, setzte er auf einer französischen Rabbinerkonferenz eine französische Uebersetzung der Bibel durch, die unter seiner Leitung in den achtziger Jahren zu erscheinen begann, aber bei seinen Lebzeiten nicht vollendet wurde. Zur Pflege der Wissenschaft des Judentums begründete er die Loeiete des Etudes Juives, die nach langen Bemühungen ins Leben trat; Zadoc Kahn, der gleich von Anfang an zu den führenden Männern, des Komitees gehört hatte, wurde bald ihr Vorsitzender und bekleidete das Amt eines Präsidenten im ganzen dreimal. Schon das. zweite Heft der von dieser Gesellschaft herausgegebenen Revue, jener vortrefflichen Zeitschrift, die noch heute besteht und Ausgezeichnetes geleistet hat, enthielt von ihm einen Aufsatz über das Buch' „Joseph des Eiferers", und wenn er auch nicht zu den produktivsten Mitarbeitern gehörte, da er ja durch seinen außerordentlich ausgedehnten praktischen Wirkungskreis an der Versenkung in wissenschaftliche Arbeit gehindert wurde, so beteiligte er sich eiservoll an den Beratungen der Gesellschaft; er hielt manchmal die Einleitungsanfprachen bei', den Jahresversammlungen oder Reden über verstorbene verdiente Mitglieder der Gesellschaft. (Schluß folgt.) Die Ärutlchm Juden und dir Landwirtschaft. n Nr. 22 der „Allgemeinen Zeitung des Judentums" er- \ wähnt Herr Robert Loewenthal unter obiger Ueberschrist die Verhältnisse des Lehrgutes Steinhorst. Er behauptet, das Lehrgut Steinhorst sei nicht „Lehranstalt" im eigentlichen Sinne, sondern gleichzeitig „Wohltätigkeitsinstitut", und diese Eigenart hindere die auszubildenden Landwirte in ihrem Fortkommen. Ein derartiges Institut müsse reine Lehranstalt ohne das „Odium der Wohltätigkeit" sein. Es dürfe nicht von der „Gnade bemittelter Kreise" abhängen. Herr Loewenthal behauptet weiter — woher ihm diese Wissenschaft kommt, ist ganz unerklärlich — die ausgelernten Steinhorster seien unterstützungsbedürftig, weil sie schwer Stellungen finden könnten, besonders im Winter, man möge ihnen mit Darlehen, aber nicht mit Almosen helfen. lieber diese Ausführungen wird wohl jeder, der das Lehrgut Steinhorst kennt — zu den Kennern der Verhältnisse gehört Herr Loewenthal nicht — recht erstaunt sein. Was Herr Loewenthal vermißt, ist nämlich in Steinhorst vorhanden, und die angeblichen Mängel, die Herr Loewenthal vorhanden wähnt, fehlen, Gott sei Dank! Dem Lehrgut Steinhorst haftet auch nicht die Spur einer Wohltätigkeitsunternehmung an. Das große Gut gehört einer Gesellschaft mit beschränkter Haftung und wird auf Reinertrag bewirtschaftet. Ohne unbescheiden zu sein, dürfen wir wohl hervorheben, daß die Bewirtschaftung des mm

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