Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 77 (1913)
- Issue
- Heft 24 (13.6.1913)
- Date
- 1913-06-13
- Page
- Seite 281 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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281 von Erythraä erklärte sich auch bereit, den Grund und Boden für die zugunsten der Falaschas zu errichtende Schule unentgeltlich zu gewähren. Ueber den Ort, an dem die Schule errichtet werden soll, konnte zunächst noch keine Einigung erzielt werden, da Dr. Faitlovich genötigt war,, nach dem Innern von Abessinien zu gehen, ehe dort die Regenzeit einbrach und ihm das Reisen unmöglich machte. Bei seiner Ankunst in Asmara fand Dr. Faitlovich ein Schreiben der Falaschas vor, in dem sie seine lange Abwesenheit aufs tiefste beklagen und ihn beschwören, so r a sch wie möglich wieder in ihren Gemeinden zu erscheinen, sie aufzurichten und nicht länger zu dulden, daß sie zum Spielball der christlichen Missionare werden. Der neue Hilferuf machte aus ihn, ganz besonders aber aus seinen Begleiter Getie einen tiefen Eindruck. In einem rührenden Schreiben in hebräischer Sprache fleht der junge Abessinier den Präsidenten des Pro-Falaschas-Komitees, Dr. Margulies, Florenz, seinen früheren Lehrer an, ihn und seine Landsleute nicht zu v er lassen, Mitleid mit ihnen zu haben, damit sie sich nicht verlieren vom Ueberrest des jüdischen Volkes und nicht Zu verlassen brauchen die Thora, welcher sie seit Jahrhunderten auch unter schweren Leiden treu anhängen. „Wir haben jetzt vernommen, daß unsere Feinde, das sind die Missionare und Verführer, in größerer Anzahl darauf aus sind, uns zum Glaubenswechsel zu bewegen. Die Mission hat jetzt eine neue Station in Gondar eingerichtet: Wir hoffen auf die Hilfe und das Mitleid unserer Glaubensgenossen, damit wir gerettet werden können vor den Feinden unserer Nation". Die beiden Vertreter des Pro-Falaschas-Komitees begaben sich unter dem Eindruck dieser Schreckensnachricht sofort auf die Reise und beschleunigten sie so sehr, wie das in jenen unwegsamen Gegenden möglich ist. Am 27. März erhielt Dr. Margulies aus D o b a r e k ein Schreiben von Dr. Faitlovich, das. wie folgt lautet: „Ich benutze die Anwesenheit eines Kuriers nach Adua, um Ihnen mitzuteilen, daß ich bereits vor zwei Wochen Adua verlassen habe und auf dem Wege nach Amhara bin.. Aus der Reise habe ich einige Falaschasgemeinden in der Provinz T i g r e : besucht. Ich kann Ihnen die Freude, welche jene unglücklichen Glaubensgenossen über meinen Besuch empfanden, jetzt nicht schildern, da der Kurier die größte Eile hat. Letzten Sonntag verließen wir Tigre. Um hierher zu gelangen, hatten wir drei Tagereisen durch die Wüste zu marschieren, wobei wir schrecklich viel gelitten haben. Gott sei Dank aber haben wir nun den Marsch gut überstanden. Morgen bin ich wiederum unter den Falaschas in der Gemeinde Masquelicho, wo ich den Sabbat verleben werde. Von dort aus werde ich eine Falaschasgemeinde nach der anderen besuchen, bis ich schließlich nach Gondar komme. Von Gondar folgt ein ausführlicher Bericht." Hoffen wir, daß dem mutigen Missionar, den unsere besten Wünsche begleiten, das Werk an den Falaschas recht gut gelingt! Lsdor lkshn. Von Ludwig Geiger. I. ir hören so selten von Frankreich, daß ich gern in dieser Bilderreihe eine Serie Franzosen vorführe. Der erste ist der verstorbene Großrabbiner Zadoc Kahn. Ich habe eine schwache persönliche Erinnerung an ihn. Als ich in sehr jungen Jahren (Winter 1868/69) in Paris war, wurde ich von Isidor Loeb, der gleich ihm seit vielen Jahren tot ist, zu Zadoc Kahn geführt. Bei diesem ersten Besuche kam es zu keiner recht vertraulichen Aussprache, mehr bei einem intimen Diner, zu dem ich einige Wochen später eingeladen war. Ich bewahre die Erinnerung an diese behaglichen Plauderstunden als einen erquicklichen Schatz. Zadoc Kahn, über den ein vor einiger Zeit erschienenes französisches Wert Ausschluß gibt, dem ich die folgenden Bemerkungen ebenso wie das beigefügte Bild entnehme"), ist 1839 geboren und 1905 gestorben. Wie so viele Juden, die es in Frankreich zu hohen Stellungen brachten, ist auch Kahn im Elsaß geboren, und zwar in Mommenheim. Er entstammte einer Familie armer Händler. Ursprünglich führte er den Vornamen Zadig, verwandelte ihn aber' bald in den Namen Zadoc. Seine Mutter Madelaine Wehle war die Töchter eines bekannten Rabbiners, eine Frau, die. ihren Kindern die beste Erziehung angedeihen ließ. Er wurde ziemlich früh nach dem benachbarten Bischheim geschickt, wo er in recht ärmlicher Weise lebte und die Anfänge des Talmud-, studiums betrieb. Seit 1852 lernte er in Straßburg, wohnte bei der Witwe eines Onkels Zipporah Meyer geb. Loeb, deren Tochter er später heiratete. Durch Salomon Levy in Brumath vorbereitet,, trat er 1856 in die Rabbinerschule in Metz ein, wy er zuerst . Meyer Lazard, dann andere weniger bekannte 'Meister zu Lehrern hatte. In Metz und in Paris, wohin das Rabbinerfeminar bald verlegt wurde, zeichnete er sich frühzeitig im Hebräischen, besonders im Talmud, aus und machte schon früh durch seine Rednergabe großen Eindruck. Zu seinen Mitschülern gehörten Isidor Weill, vor allen Dingen Isidor Loeb, der, solange er lebte, der intimste Gefährte Kahns war. Im Jahre 1862 verließ Kahn das Seminar und übernahm trotz seiner Jugend — er war damals erst 23 Jahre alt — die Leitung der Vorbereitungsschule zum Seminar der Talmud Thora. Er war, obgleich er noch gar keine pädagogische Erfahrung besaß, ein ganz vortrefflicher Lehrer, wie seine damaligen Schüler bezeugen. Trotz des dürftigen Gehalts, das er bezog, besaß er die Fähigkeiten,, die Seinen zu unterstützen. Trotz der großen Arbeitslast, die auf ihm lastete, fand er Zeit, seine Doktorarbeit über die „Sklaverei nach Bibel, und Talmud" vorzubereiten, sowie auch dazu, mit Salomon Munk Arabisch zu treiben und dem Genannten bei dessen großen Arbeiten über das Werk Maimomdes' „Führer der Verirrten" hilfreiche Hand zu leisten. ' : Wenn er auch in seinem Lehrerberuf eine gewisse Befriedigung empfand, so ging seine Sehnsucht doch nach einem Rabbinatsberuf. Auch in der Erlangung einer solchen Stelle ward * Zadoc Kahn 1839—1905 ,par Julien Weill. Paris, Librairie Felix Alcan 1912. Zadoc Rahn als Großrabbiner von Frankreich.