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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1913-06-13 · Heft 24 (13.6.1913) · p. Seite 280

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
77 (1913)
Issue
Heft 24 (13.6.1913)
Date
1913-06-13
Page
Seite 280 (sequence 4)
Language
German
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preußischen oder dem betreffenden anderen deutschen Staat eine beträchtliche Summe Geldes kostet, wie versichert wird, gar 700 bis 800 Mark jährlich. Gerade das Gegenteil ist wahr. Denn naturgemäß verringern sich unter normalen Verhältnissen die Durchschnittskosten mit dom Wachstum der Zahl der Studierenden, falls nicht, wie es in manchen Großstädten der Fall ist, aus anderen Rücksichten besonders kostspielige Institute errichtet werden. Sicher ist es aber, .daß die große Zahl der Russen nirgends zu solchen Ausgaben Anlaß gegeben hat. Was sie an Kollegien, Laboratoriengeldern usw. an die Universtäten entrichten, ist zum allergrößten Teil -ein direkter Zuschuß zu den Kosten der betreffenden Hochschulen; ist es doch eine .Tatsache, daß außerhalb Deutschlands die Existenz einer Reche von Hochschulen gerade durch die große Frequenz der Russen gesichert ist. Wenn dies jedoch von irgendwelcher Seite bestritten werden sollte, so unterliegt es jedenfalls für niemand einem Zweifel, daß der Zustrom russischer Studierender nach Deutschland diesein Lande unberechenbare wirtschaftliche Vorteile bringt. Vielleicht würden alle Stimmen gegen die russischen Studierenden in Deutschland verstummen, wenn man es erführe, welche Propaganda für deutsche Wissenschaft -- insbesondere für die deutsche Heilkunde — und deutsche Industrie durch das Studium der Russen an deutschen Hochschulen bewirkt wird. Und wer möchte auch jenen idealen Faktor außer acht lasten, der durch die ständigen Beziehungen zwischen der deutschen und der russischen Kulturwelt gegeben ist? Wir, russische Professoren, haben insbesondere in den letzten Jahrzehnten mit den deutschen Trägern des Wissens in engstem Konnex gestanden, wir haben in Rußland an ihrem geistigen Idealismus uns erfreut und tausendfältig ihre schöpferischen Leistungen der russischen Allgemeinwelt übermittelt. Diese Fäden> die nicht nur durch das abstrakte Schrifttum, sondern in noch größerem Maße dank dem lebendigen Wort geknüpft waren, werden zu einem wesentlichen Teil zerrissen, wenn Deutschland im Ernste den russischen Studierenden die Gastfreundschaft verweigern sollte. Und nicht zum wenigsten dürsten aber diese Vorgänge in ihrer Gesamtheit auch aus die allgemeinen Beziehungen zwischen den beiden Ländern einen unheilvollen Einfluß ausüben, einen Einfluß, der auch im politischen Leben schon nach kurzer Zeit zur Geltung kommen würde. Gerade die letztenchationalistischen Tendenzen in Rußland haben es gezeigt, daß deutsche Kultur und deutsches Wesen nur in den fortschrittlichen russischen Kreisen auf Verständnis und selbst aus freundschaftliche Beziehungen stoßen. Soll nun >auch in diesen Kreisen durch solche Maßregel, wie Versagung der Gastfreundschaft, eine unfreundliche Stimmung gezüchtet werden? Wir würden es noch verstehen, wenn wirklich der Nachweis geführt werden könnte, daß Deutschland durch das Studium der vielen Rüsten einen wesentlichen Schaden erleidet. Wir aber, die wir genau wissen, welchen Nutzen; Nutzen in jedem Sinne, Deutschland von dieser Situation hat, wir müßten eine Entwickelung der Dinge, die aus Beschränkungen der russischen Studierenden Hinausläust, mit außerordentlichein Bedauern betrachten. Hoffentlich wird es aber noch gelingen, der Vernunft zum Sieg zu verhelfen und überall die Erkenntnis zu' verbreiten, daß hier nur verkappter Haß bestimmter Elenrente die Beschränkungstendenzen diktiert und machtlos werden muß, sowie inan den inneren Kern der ganzen Propaganda erkennt. * Das „Serif. Tagebl." schreibt: Aus Zittau in Sachsen wird uns geschrieben: Seit dem 1. Mai dieses Jahres besteht in Zittau eine Mädchenabteilung der über ganz Deutschland verbreiteten Vereinigung „Wandervogel", deren Bestrebungen, die körperliche und geistige Gesundheit der Heranwachsenden Generation durch Veranstaltung von Wanderungen zu kräftigen, ja nur Sympathie verdienen, solange sie rein menschliches Empfinden in edler Weise pflegen und sich frei von Sonderzwecken halten, die der Unbefangenheit des kindlichen Geistes Abbruch tun. Der Zittauer Ortsgruppe des „Wandervogels" gehören bis jetzt zehn Mitglieder, darunter Schülerinnen der Höheren Mädchenschule an. Nun meldete sich die sechzehnjährige, ebenfalls die Höhere Mädchenschule besuchende Tochter eines angesehenen jüdischen KmHnanns zur Aufnahme an. Die Angemeldeten werden zur Teilnahme an den Veranstaltungen zugelasten, die Entscheidung über die Ausnahme erfolgt erst nach einer Probezeit. Auch das in Rede stehende junge -Mädchen wurde zur Absolvierung der Probezeit zugelasten. Nach zweimaliger Teilnahme an den Veranstaltungen er¬ 280 - ' klärte aber die betreffende Leiterin dem Töchterchen des'Kaufmanns mit dem Ausdruck des Bedauerns, die Aufnahme könne nicht erfolgen, da sie Jüdin sei. Auf Nachfrage bei der Oberleiterin bestätigte diese die Zurückweisung mit derselben Begründung. Die Vereinigung „Wandervogel" sei eine deutsche Bewegung. Danach werden also deutsche Juden, denen alle staatsbürgerlichen Rechte zustchen, und die alle staatsbürgerlichen Pflichten erfüllen, beim „Wandervogel" nicht als „Echte Deutsche" angesehen. Der Vater und der Großvater des abgewiesenen jungen Mädchens haben zwar im deutschen Heere ihre Wehrpflicht erfüllt, und der Großvater hat an den Feldzügen teilgenommen, durch die das Deutsche Reich erst geschaffen worden ist, aber das «scheint bei dem „Wandervogel" keine endgültige Legitimation für die Teilnahme der Tochter beziehungsweise Enkelin an einer deutschen Bewegung zu sein. Es erhebt sich nun die Frage, ob die in Zittau hervorgetretone antisemitische Tendenz von der Zentralstelle der Vereinigung „Wandervogel" ausgeht und die Kinder jüdischer Eltern statutengemäß überall im Deutschen Reiche von der Mitgliedschaft auszuschließen sind, oder ob die einzelnen Ortsgruppen nach ihrem Belieben verfahren. Wer sich von Religions- oder Rnsfenwiderstreit nicht sreihalten kann, der ist jedenfalls nicht berufen, an der Jugendfürsorge und Jugendpflege mitzuwirken. Der Haß ist keine Seelenregung, mit der mdu erziehend und bildend auf die deutsche Jugend cinwirken kann. # Aus Rußland bringt die „Voss. Ztg." folgende betrübliche Nachrichten: .Petersburg, 3. Juni. Die Regierung verweigert die Konzessionierung von Aktiengesellschaften mit auf den Inhaber lautenden Aktien in Gegenden,, wo der Grnnderwerb Polen und Juden verboten ist, da Aktien dieser Gesellschaften in polnische oder jüdische Hände gelangen könnten. Diese Beschränkung wird von den Industriellen als sehr drückend empfunden. Sie beschlossen dagegen Einspruch zu erheben. Petersburg,?. Juni. Die Anklagekammer des Kiewer Appellgerichtshoses bestätigte die Anklageschrift gegen den Juden Beilis wegen Ritualmordes. Die neue.Anklageschrift unterscheidet sich wenig von den früheren, die von der Anklagebehörde selbst Zurückgewiesen wurden. Beilis wird des angeblich gemeinschaftlich mit anderen unentdeckt gebliebenen Helfershelfern ausgesührten Mordes angeschuldigt. Der Anklageschrift sind Gutachten medizinischer Sachverständiger, der Professoren Obolonski, Sikorski und Kossorotow, wie auch des russischen Theologen Troitzki und des katholischen Geistlichen Pranaitis beigegeben. Ein Gesuch der Frau des Beilis um die Erlaubnis, sich zum Beweis der. religiösen Unmöglichkeit des Ritualmordes auf jüdische. Religionsbücher zu berufen, wurde abgewiesen. * Ueber . die Fortschritte der Pro-Falaschas-Bewegung erhalten wir die folgende wichtige Mitteilung: Wie bekannt und seinerzeit von uns veröffentlicht, hat das Pro- Falaschas-Komitee im vergangenen Sommer beschlossen, Herrn Dr. Faitlovich zum dritten Male nach Abessinien zu senden. Dort sollte er zunächst unter den dortigen Glaubensgenossen eine von ihm in a m h a r i s ch e r Sprache verfaßte Schrift verbreiten, die dazu geeignet ist, die Falaschas im Glauben zu stärken und in dem ihnen von der christlichen Mission ausgezwungenen Kampfe zu ermutigen. In der Schrift ist ferner die. Ankündigung enthalten, daß demnächst eine Schule in Erhthräa eröffnet werden soll, in der jüdische Falaschas in der jüdischen Religion und in der von ihnen so sehr, gewünschten hebräischen Sprache Unterricht erhalten werden. Es soll ferner die Aufgabe des Herrn Dr. Faitlovich sein, unter den Falaschas eine Anzahl begabter junger Leute auszuwählen, die gewillt wären, sich zu Lehrern ihrer Glaubensgenossen auszubilden. Mitte Dezember konnte Dr. Faitlovich Europa verlassen. Nach einem kurzen Aufenthalt in Alexandrien, wo er ebenfalls propagandistisch tätig war, begab er . sich nach Jerusalem, wo in der Schule des Hilssvereins der deutschen Juden der junge Falascha I e r e m i a .G e t i e ausgebildet wurde, und holte diesen ab, damit er ihn aus seiner Reise begleitete. Die italienische Negierung zeigte auch dieses Mal das größte Entgegenkommen und stattete Dr. Faitlovich mit ausgezeichneten Empfehlungen an die Behörde der Kolonie aus. Der Gouverneur

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